Wirtschaft : Geb. 1941

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Was hat diesen Tatmenschen nur am Schlaf interessiert? Die aktive REM-Phase natürlich.

Die Glühbirne. Damit hat es angefangen. Seit der Mensch mittels Elektrizität die Nacht zum Tag machen kann, hat er ein Problem mit dem Schlaf. Maschinen laufen rund um die Uhr, die Welt ist von Licht erfüllt, irgendwo ist immer Tag, und einige Städte schlafen bekanntlich sowieso nie.

Aber der Mensch kann immer noch nicht anders, er erschlafft allnächtlich, 33 Prozent seines Lebens liegt er im Bett, wie tot. Was könnte man nicht alles tun während dieser Zeit?, fragt der moderne Leistungsmensch, ärgert sich – und leidet an der klassischen Zivilisationskrankheit: Insomnia, chronische Schlaflosigkeit. Zehn Prozent sind betroffen, vielleicht auch 20, sagen die Schlafärzte. Professor Werner M. Herrmann war ein solcher.

Schlafforscher, so könnte man meinen, sind kontemplative Menschen, weil sie anderen nächtelang beim seeligen Nichtstun zuschauen, weise Zeitgenosssen, die mit eigenen Augen gesehen haben, was passiert, wenn man Ratten auf Dauer den Schlaf entzieht, Prediger der Schlafhygiene, die den Menschen lehren, was keinesfalls ins Schlafzimmer gehöre: die Sorgen des Tages, Fernseher, Telefon, der schnarchende Gatte.

Professor Herrmann saß tatsächlich immer mal wieder nachts hinter der Glasscheibe im Schlaflabor, in der Klinik für Psychatrie und Psychotheraphie des Benjamin Franklin Krankenhauses. Im Blick den Patienten, verkabelt mit zahllosen Elektroden, Mikrofon und Bewegungsmessern unter der gelb-weiß gestreiften Bettwäsche. Vor sich den Computer, in den lautlos die Daten über Hirnströme, Puls, Muskelzuckungen, Atmung und Schnarchgeräusch hineinflossen.

Vielleicht war es ja eine solche Nacht der Kontemplation, in der Werner Herrmann „Quisi“ erfand, einen kleinen, grauen Kasten mit ein paar runden Knöpfen. „Quisi“ ist ein ambulantes „Schlaf-Struktur-Sreening-Gerät“, mit dem sich bereits zu Hause ein grobes Schlafprofil ermessen lässt. „Quisi“ ist schnell und praktisch, wie der Forscher und Manager Herrmann es war. Der hatte es eilig, müßige Entspannung war seine Sache nicht, sagen die Kollegen, ein Workaholic eben, mit außergewöhnlich hohem Arbeitstempo. Die anderen mussten sehen, dass sie mitkamen.

Einen Tag in der Woche arbeitete er in seinem Büro mit der weinroten englischen Ledergarnitur, sonst war er unterwegs, wenn auch immer erreichbar. Herrmann war nur im Nebenberuf Professor, eigentlich mehr Wissenschaftsmanager, Unternehmer, Projektentwickler, Vorreiter der Public-Private-Partnership, des Zusammenspiels von Forschung und Industrie. Und ein Meilensammler in der Business-Class zwischen China, London und der amerikanischen Ostküste, der über jede Zeitverschiebung, jede Klima-Umstellung, jeden Jetlag triumphierte. So loben ihn die Redner auf der akademischen Trauerfeier.

Er stand früh auf, um fünf war er einsatzbereit, 22 Uhr ging er schlafen. Wenn nicht mit Kollegen bis tief in die Nacht zu tagen war, und er am Ende, wenn alle schon gähnten, noch schnell das Abstract schreiben wollte.

Sein Handy war wider die Regeln der Schlafhygiene rund um die Uhr eingeschaltet, per E-Mail hielt er Kontakt zu seinem Institut und gab den Kindern zu Haus mobilen Rat bei Liebeskummer und Schulnöten.

Was diesen universalen Problemlöser ausgerechnet am Schlaf fasziniert haben mag? Natürlich dessen heimliche Aktivphase: der so genannte REM-Schlaf, benannt nach dem Phänomen des Rapid-Eye-Movement, der schnellen Augenbewegung, die man in diesem Abschnitt beobachten kann. Die Stärke der Hirnströme, des Pulses, des Blutdrucks, des Herzschlags ähneln dem wachen Zustand. Innerlich arbeiten und denken wir, haben Vorstellungen und Wahrnehmungen, träumen. Nur die Muskeln sind gelähmt. Es muss dem Tatmenschen Werner Herrmann eine Beruhigung gewesen sein, dass REM-Schlaf bis zu einem Viertel unserer Schlafzeit einnimmt. Doch er kannte auch die schlechte Nachricht: Je älter der Mensch wird, um so weniger REM-Schlaf hat er. In einem Forschungsprojekt hat Werner Herrmann zusammen mit anderen Kollegen untersucht, wie sich REM-Schlaf bei älteren Menschen mithilfe von Psychopharmaka verlängern lässt. Und ob ein längerer REM-Schlaf die Gedächnisleistung des Gehirns steigert. Er tut es.

Gute Aussichten, besonders für den Manager der Zukunft, mag sich Werner Herrmann gedacht haben. Und starb unerwartet in seinem 61. Lebensjahr. Zwischen zwei Firmengründungen. Kirsten Wenzel

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