Wirtschaft : Geb. 1941

Hans-Georg Stümke

Gregor Eisenhauer

Wetterbeobachter bei der Bundeswehr war er mal, fünf Jahre, sexuell gut getarnt: stramme Haltung, schnarrender Ton. Er war schwul und ganz normal. Nur etwas aktiver als die anderen.

Schwule sind keine besseren Menschen. Lesben sind es nicht, Heteros, Israelis, Kanufahrer, Bausparer nicht und Fahrradkuriere schon gar nicht. Wer es nötig hat, überheblich zu sein, hat schon verloren. Da war sich Hans-Georg Stümke einig mit dem Kanzler, der drückte nämlich damals mit ihm gemeinsam die Schulbank: Zweiter Bildungsweg, offiziell auch geheißen: „Programm zur Abschöpfung der Restintelligenz“.

Natürlich waren die Eltern dagegen: „Hans-Georg! Das kannst du nicht machen! Jetzt, wo du Beamter bist!“ Doch, Hans-Georg konnte. Und der Abschied fiel nicht schwer. Wetterbeobachter bei der Bundeswehr war er gewesen, fünf Jahre, sexuell gut getarnt. Aber natürlich immer die Frage, die irgendwann beantwortet werden musste: Wann kommt eigentlich deine Freundin? Auffällig wurde er damals nicht, der Instinkt befahl ihm Mimikry: stramme Haltung, schnarrender Ton. Imitation als Selbstschutz. Demütigungen hatte es schon genug gegeben.

Der Bäcker, bei dem die Mutter immer kaufte, schenkte dem Jungen ein Stück Kuchen. Hans-Georg sagte artig „Danke“ und machte einen Knicks. Heiterkeit im Laden. Hämisch kichernde Mitschüler, wenn er sich zu mädchenhaft benahm. Und die unausbleibliche Folge des Unverständnisses: Gewalt. Als der Vater ihn mit einem Lippenstift erwischte, prügelte er ihn windelweich. Mit sechzehn dann die erste Ahnung, mit einundzwanzig die Gewissheit: „Ich bin schwul!“

In den sechziger Jahren kam der Satz nicht leicht über die Lippen, ganz gleich in welchem Milieu, ob beim Bund oder auf dem Abendgymnasium. Die ersten Gerüchte im Fortbildungskolleg: Die Mitschüler schnitten Stümke, bis einer aufstand und Klartext redete: „Eine Frechheit, jemanden so zu verdächtigen, und abgesehen davon, geht es keinen etwas an, was jemand in seinem Bett macht!“ Damals war Gerhard Schröder mutig. Damals musste man mutig sein oder sich ducken, denn die Justiz war bei der Jagd auf Schwule viel eifriger als bei der Verfolgung von Naziverbrechern. In der Adenauerzeit verurteilten deutsche Richter Jahr für Jahr mehr als dreitausend Homosexuelle wegen Unzucht.

Heutzutage klingt das schicker: Coming out. Schrankenlose Freiheit. Klar doch, Schwule sind witziger, spritziger und kaufkräftig dazu. Die Subkultur: Sauna, Klappe, Cruising, für Heteros ein Fegefeuer der Phantasien – für Homos ein Spaß ohne Ende, sofern er sicher praktiziert wird. Aber Opfer zu sein, ist ganz und gar nicht schick. „Der fun wird sozialisiert, das Elend privatisiert: schöne schwule Welt.“ Hans-Georg Stümke wusste Bescheid, er war mittendrin, ohne sich wirklich wohl zu fühlen: „Wonach ich mich sehnte, waren normale Verhältnisse – nur auf schwul eben.“

Das kann auch heißen: Porträts von Prinz Eisenherz an der Wand, lebenslang Abba hören, orientalische Wohnzimmereinrichtung und ein Faible für den Grand Prix d’ Eurovision. Normalität ist spießig, ist Kitsch, ist Urlaub auf Gran Canaria. Normalität ist ein Grundrecht. Nur – wie fordert man es ein, wenn selbst Schwule den „Unzuchtsparagraphen“ 175 nicht im Wortlaut kannten. Und die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich, der Rosa Winkel. Was geht es mich an?! Ich trage so was nicht, ich trage Gucci!

München, Hamburg, wohin Stümke auch kam: Die Diskriminierung war immer schon da, aber man tat so, als gäbe es sie nicht. Anstatt schwule Politik, Politik für Schwule zu machen, gingen viele lieber zum Analytiker. Da drang seine Forderung, endlich von einer sexuellen Minderheit zu einer sozialen Minderheit zu werden, nur sehr langsam durch. Aber mit der sturen Beharrlichkeit des Ostpreußen verfocht er seine Sache, als Buchautor nicht weniger pädagogisch wie als Geschichtslehrer. Urlaub gönnte er sich allenfalls in der Figur der Elvira Klöppelschuh, die das Tuntenleben am Playa del Ingles karikierte – natürlich politisch korrekt, aber auf die lockere Art: „Ich empfinde es ja immer als die schwere Pflicht des Menschen, Dummheit zu überwinden und Unsinn zu vermeiden.“

Sein Lieblingsbaum war die märkische Kiefer. Ein Nutzholz. So war er auch als Mensch. Normal eben. Ein wenig zu rechthaberisch manchmal, manchmal ein wenig zu verträumt; einer, der gern ein großer Romancier geworden wäre – das Manuskript über den ägyptischen Herrscher Ramses wucherte und wucherte –, der aber kein großer Romancier wurde, weil man ihn als Aktivist brauchte, und weil er sich als ein solcher unverzichtbar fand.

Dann der Umzug nach Berlin, die letzte Station, die Insel der Glückseligen, das Regenbogenland, in dem es auf Juniorenpass endlos Vergünstigungen gibt, für die Senioren aber den radikalen Spaßverlust.

„Älter werden wir umsonst“, so der Titel seiner gesammelten Erfahrungen über den Umgang der Szeneleute mit alten Schwulen. Klar, Schwule haben mehr Spaß, mehr Sex, und im Alter Hämorrhoiden und Zahnausfall wie jeder stinknormale Hetero auch. Damit muss man umgehen können – wie geht man damit um? Würdig altern, das heißt: gemeinsam altern. Warum nicht schwule Pflege- und Altenheime? Hans-Georg Stümke fürchtete das Ende. Er wusste, was es heißt dahinzusiechen. Zeitlebens litt er an Morbus Bechterew. Die Glieder verkrümmen, die Wirbelsäule versteift. Dagegen half am Anfang Gymnastik, später wirkten nur noch Schmerzmittel in einer Dosierung, die irgendwann zum Nierenversagen führen musste. Der Krebs kam eher. Unheilbar, so der Abschlussbefund im Krankenhaus, aber „austherapiert“. Die nötige Bescheinigung für die Verlegung in ein Sterbehospiz wurde ihm verweigert: „seine Lebenserwartung sei noch zu hoch“. Eine Woche später war er tot.

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