Wirtschaft : Geb. 1941

Olaf Meyer

Kirsten Wenzel

Das Leben, der Beruf, der Glaube – man kann es sich leichter machen. Aber ist das der Sinn der Sache?

Lange Holzbänke standen im Schiff der Philip-Melanchton-Kirche, als Olaf Meyer vor 30 Jahren dort Pastor wurde. Platz für 1000 Christenmenschen. So viele müssen während des ersten Weltkriegs, als die Kirche gebaut wurde, jeden Sonntag in Neukölln in den Gottesdienst gegangen sein; 18 000 Gemeindemitglieder gab es damals. Als Pastor Meyer vor drei Jahren in den Ruhestand ging, waren es noch 5000. Die Holzbänke hatte man inzwischen herausgeräumt, den Innenraum der Kirche mit einer Glaswand optisch verkleinert und Stühle im Kreis aufgestellt. Sonntags kamen 40 Menschen zum Gottesdienst, manchmal auch 60.

Als Olaf Meyer Pastor in der Gemeinde wurde, trat er mit drei Kollegen gemeinsam den Dienst an. Die jungen Theologen hatten den Kopf voller Reformideen, mit Theorien von Bloch, Horkheimer, Adorno, sie kritisierten die Kindstaufe, redeten vom „religiösen Sozialismus“ und entwarfen neue Arbeitsmodelle: Im Rotationsprinzip sollte immer einer der Vier in die Fabrik malochen gehen, Kontakt zur Arbeiterklasse stiften, während die anderen predigten, tauften, trauten und beerdigten. Es wurde nichts draus, aber „Genosse Pastor“ , das blieb doch als Name hängen: an Olaf Meyer, an dem, der besonders gut darin war, wortreich und glühend seine Ideen zu verkünden.

Als „Genosse Pastor“ passte er eigentlich gut in den Arbeiterkiez. Eigentlich. Christus ist in der Nähe der Armen, der Kranken, der Alkoholiker, Arbeitslosen, Alleinerziehenden, daran glaubte er. Als Student war er nach Taizé in Burgund gefahren, zu der ökumenischen Gemeinschaft des Bruder Rogér, die dort in Armut und Spiritualität lebte. Er hatte morgens, mittags, abends mit tausenden Jugendlichen gebetet, gesungen und still meditiert. Seine Frau hatte er im Kibbuz in Israel kennen gelernt, als in Jerusalem Eichmann der Prozess gemacht wurde. Sie diskutierten im internationalen Arbeitscamp beim Bananenpflücken, wurden von alten jüdischen Männern beschimpft und von anderen, versöhnlich gestimmten, umarmt.

Das waren seine Themen: die soziale Frage, die Völkerverständigung. Und die Frage nach Gott. Die war entscheidend. Olaf Meyer wollte kein Sozialarbeiter im Talar sein, auch wenn er Gutes tat und für die Menschen da war. Die Predigt, die Verkündigung des Evangeliums, die Arbeit als Theologe, das stand im Mittelpunkt seiner Arbeit.

„Ich rede nicht von Gott, weil ich Pfarrer bin. Ich bin Pfarrer, weil ich von Gott reden muss“, sagt Karl Barth, der große Theologe, Olaf Meyers Vorbild. An Barths erhabener Theologie fand sich nicht die Spur von falscher Beschwichtigung. Sie hielt keinen künstlichen Frieden mit der modernen Auffassung, die Religion und Moral mehr oder weniger gleichsetzt, die die Bibel entmythologisieren will und sich Gott als einen besonders guten Menschen vorstellt. Schroff unterschied Barth zwischen Gott und Mensch, Zeit und Ewigkeit. Gott ist nicht irgendwo in uns, etwa im „religiösen Gefühl“, in der Liebe oder im Antlitz des Gegenübers. Er ist das ganz Andere, von dem wir nichts wissen, und nach dem wir doch in ständiger Anstrengung suchen müssen. Wir verkennen Gott, wenn wir ihn vermenschlichen, sagt Karl Barth. Er ist das Gegenteil von einem Trost- und Beruhigungsmittel, vom lieben Onkel da oben, er ist die permanente Krise unseres Selbstverständnisses. Und wir Menschen können von ihm nur auf eine Weise erfahren: durch sein direktes Wort. Die Bibel.

Es ist nicht einfach, mit dieser Theologie der Zumutungen, der Fragezeichen, der biblischen Autorität heute noch in irgendeiner Gemeinde Blumentöpfe zu gewinnen. In Neukölln war es besonders schwer. Die Leute wollen in Ruhe gelassen werden, sagt ein Kollege von Olaf Meyer, so ist das nun mal. Sie kommen gern zum Adventsbasar und in den Bastelkreis, sie lassen ihre Kinder taufen und konfirmieren, sie bringen sie in den Kindergarten. Sie backen gern Kuchen und sammeln Spenden für einen guten Zweck. Sie suchen Hilfe, Zuspruch, Gesellschaft oder sie möchten gerne helfen, „etwas Christliches“ tun. Aber ständig von Gott sprechen oder nach ihm fragen, nach so einem ungemütlichen Gott, das muss doch nicht sein.

Zu Olaf Meyers Gebetskreis kamen zwei oder drei Menschen und sangen die schlichten Lieder aus Taizé. Manchmal waren es ein paar mehr. Er war enttäuscht, aber keiner, der deshalb aufgab. Er backte Lebkuchen aus 60 Kilo Mehl, mit Zylinder auf dem Kopf spielte er den Marktschreier auf dem Adventsbasar. Er zog mit der Gitarre in den Kindergarten und erzählte Bibelgeschichten. Er studierte mit den Konfirmanden Theaterszenen ein, organisierte Fahrten nach Schottland, Polen und Taizé, spielte die Geschichten von Jesus mit Handpuppen nach, veranstaltete einen Gottesdienst im Zirkus – mit Tieren, wie beim heiligen Franziskus. Die Bibel, das Wort Gottes, es muss doch irgendwie an die Leute zu bringen sein.

Jeder Tag begann für ihn mit der Heiligen Schrift. Die ganze Woche bereitete er die Sonntagspredigt vor, mit gewissenhafter Exegese des griechischen Textes. Er suchte nach aktuellen Bezügen – in Gesprächen, in der Zeitung, auf der Straße. Er war ein Pastor, nahm diesen merkwürdigen Beruf ernst.

„Wenn ich nicht mehr predigen kann, lebe ich nicht mehr“, hat er zu seiner Frau im Krankenhaus gesagt. Nach der schweren Operation ist er dann für immer verstummt.

Zu seiner Beerdigung kamen Hunderte. Aus Neukölln, Berlin, von überall in der Welt. Die Stühle reichten längst nicht. Die dunklen Holzbänke von damals wären gut besetzt gewesen. Bis auf den letzten Platz.

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