Wirtschaft : Geb. 1941

Ingrid Tönnishoff

Kerstin Decker

Die perfekte Teekanne muss nicht groß sein, nur vollkommen. Schon der Urkeramiker war schließlich Perfektionist. Das Leben ist rund und das Jahr ein Kreis. Das merkte man beim POTTmarkt am 1. Advent und bei den Naturwanderungen im Frühling.

Gott war auch nur ein Töpfer. Hersteller von Hohlkörpern, die man beatmen, beseelen konnte. So etwas wollte Ingrid Tönnishoff auch. Und was ist der Mensch? Ein Gefäß herstellendes Wesen. Keine Menschwerdung ohne Töpfe! Das Urbild des Menschen ist demnach der Töpfer und Gott ist der Oberkeramiker. Nur wenige Berufe haben solche Legitimationen wie das Töpferwesen, aber Ingrid Tönnishoffs Mutter hat das trotzdem nicht beeindruckt. Du lerne einen anständigen Beruf!, hat sie gesagt.

Unter einer ordentlichen Berufsausbildung verstand sie wie viele Nicht-Töpfer etwa eine kaufmännische Lehre im Pharmaziegroßhandel. Wir leben also doch in einem nachkeramischen Zeitalter. Der Mensch muss Kompromisse machen, verstand auch die Tochter und erwarb den Kaufmannsgehilfenbrief. Aber vielleicht war das der einzige Kompromiss, den Ingrid Tönnishoff in ihrem Leben eingegangen ist. Ihr Tribut ans nachkeramische Zeitalter. Doch dann nahm sie den Gehilfinnenbrief, steckte ihn tief in die Tasche und begann, sich mit den wesentlichen Dingen zu befassen. Mit Gefäßherstellung. Die Bremerin studierte das in ihrer Heimatstadt, in Stuttgart und Landshut, aber nirgends ist sie geblieben.

Ingrid Tönnishoff fand einen Mann, Berlin und eine Werkstatt. Das war 1967. Und es war die kleinste Werkstatt der ganzen Stadt. Zehn Quadratmeter für Produktion, Ausstellung und Verkauf an der Kaisereiche in Friedenau. Aber Ingrid Tönnishoff war das genug. Ihre Freunde haben immer ihre Fähigkeit bewundert, mit wenig auszukommen. Diese merkwürdige Resistenz gegen allen Überfluss. Vielleicht liegt das auch am Töpferwesen. Der oberste Keramiker selbst hatte kaum mehr als einen Klumpen Lehm und es wurde doch etwas sehr Folgenschweres, potentiell Unendliches daraus. Auch die wahre Teekanne muss gar nicht besonders groß sein, sie muss nur vollkommen sein. Denn worin besteht die Vollkommenheit einer Teekanne? Alle ihre Freunde wissen es. Eine Ingrid-Tönnishoff-Kanne tropft nicht und der Deckel fällt niemals runter. Es gibt Tönnishoff-Kannen, die haben über der Tülle noch einen Haltegriff und im Deckel ein Extra-Tee-Beatmungsloch. Aber nie ist das verspielt, nur eben perfekt. Schon der Urkeramiker war schließlich Perfektionist.

Töpferei ist Aufenthalt im Runden. Der Kreis ist die Urform. Man muss ihn nur immer neu erfinden, wusste Ingrid Tönnishoff. Und sie erfand immer neue Becher und Teller, und unten trug jeder das Zeichen: ein Halbkreis wie eine Nussschale mit einem Tönnishoff-„T“ hineingesteckt. Es könnte ein Schiff mit gerefftem Segel sein, eine Arche, vielleicht. Aber als sie ihre zweite Töpferwerkstatt in Friedenau verließ, bekam der Nussschalenboden Räder. Ingrid Tönnishoff zog in die Alvenslebenstraße am Winterfeldplatz.

Irgendwann wurde Villeroy & Boch auf die Tönnishoff-Rundheiten aufmerksam. Grüne Teller, grüne Becher, und in jeden Teller, jeden Becher war ein Blatt graviert. Nein, graviert natürlich nicht. Wie die Blätter in die Teller kamen, blieb immer Ingrid Tönnishoffs Geheimnis. Villeroy & Boch mochte die Blattteller und fragte die Töpferin, ob sie das nicht serienmäßig herstellen wolle für ihre Firma. Kann einer Keramikerin etwas Besseres passieren? Jetzt hätte sie ihre Mutter aufklären können über die Verdienstmöglichkeiten nicht-„anständiger“ Berufe. Aber Ingrid Tönnishoff sagte nein. Serie? Klang das nicht wie die Behinderung all ihrer künftigen Einfälle? War die Serie nicht die Aufhebung des Kreises?

Außerdem konnte man so gar nicht wissen, an wen die grünen Teller mit den grünen Bechern dann geraten würden. Und das war Ingrid Tönnishoff schon wichtig. Vielleicht hatte sie deshalb so viele Freunde, lauter Nicht-Töpfer. Weil sie die Menschen, die aus ihren Bechern tranken und von ihren Tellern aßen, schon genauer kennen wollte. Also ist das Beste, man ist mit ihnen befreundet. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie allen Vorschlägen, aus ihrer recht versteckten Werkstatt vor ein breiteres Publikum zu treten – vielleicht auf dem Markt am Winterfeldplatz? – hartnäckig widerstand. Wer ihre Töpfe wollte, konnte doch zu ihr kommen. Jedes Jahr am 1. Advent fanden ihre POTTmärkte statt, das „POTpourri“ mit Punsch, Ausstellung und Tombola. Wenn es aber Frühjahr wurde, machte sie manchmal mit Freunden, die einstmals nur Kunden waren, Naturwanderungen durch Berlin. Denn auch Berlin ist nur ein verkanntes Biotop und das Jahr ist ein Kreislauf, schon darum war die Töpferin Ingrid Tönnishoff zugleich Sachverständige für Jahreszeiten. Denn es genügt nicht, dass Frühjahr ist, man muss es auch sehen. Mit Ingrid Tönnishoff fanden Normalberliner, die gerade mal den Unterschied zwischen einer Kastanie und einer Birke kannten, freiwachsende botanische Ereignisse wie die Knoblauchrauke. Und hinterher aßen alle Wald-und-Wiesensalat.

Es gibt solche Menschen, die eine ganz besondere Begabung zur Freundschaft haben. Ingrid Tönnishoffs Freunde, geübte Selbstverberger wie Lehrer oder Architekten, merkten schnell, dass sie vor ihr nichts geheim halten konnten. Schon gar nicht sich selbst. Wahrscheinlich lag auch das an ihrem Expertentum für Rundheiten. Auch Freundschaft ist Aufenthalt im Runden. Und wenn jemand aus seiner Mitte fiel, dann spürte sie das. Und sie selbst? Wie verlässt man denn Rundformen? Vielleicht niemals allmählich. Vielleicht so unbarmherzig plötzlich wie Ingrid Tönnishoff. Über eine Treppe gehen, stürzen, gar nicht den Versuch machen, sich abzufangen und ins Koma fallen, um nicht mehr zu erwachen. Es war etwas im Gehirn, sagten die Ärzte. Es war ein Sturz aus der Mitte. Nun findet der allerletzte POTTmarkt, das POTpourri, ohne sie statt, morgen ab 14.00 Uhr in der Alvenslebenstraße 4.

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