Wirtschaft : Geb. 1941

Eveline Antonczik

Thomas Loy

Eveline Antonczik

Für Eilige: Liebevolles Verhältnis zur Mutter. Viel verreist, z.B. Zypern. 1972 Heirat mit Heino Antonczik. 1974 Alexander. 1977 Nadja. 1991 Trennung, 1994 Scheidung. Inniges Verhältnis zu den Kindern. Seit 1986 Krebserkrankung. Hatte viele Freunde, war humorvoll, herzlich, offen, liebevoll, starrsinnig, stur, klug, ehrgeizig, stolz.

Für die Geduldigen: Das Elternhaus in Hermsdorf müssen sie jetzt verkaufen. Zusammen mit dem Gemüsegarten, der hohen Tanne, die zu Weihnachten immer geschmückt wurde, und all den Kindheits-Erinnerungen, die überall anhaften. Marmelade kochen, Pilze sammeln, Melodika spielen, Geschichten hören von Caesar, der Stoffratte, die früher ein Affe war. Schulden lasten auf dem Haus. Klingt nach einer tragischen Geschichte hinter dem tragischen Tod.

Ist aber gar nicht so schlimm. Die Kinder, Nadja und Alexander, sind fröhlich und ausgelassen, albern herum. So hätte ihre Mutter es gewollt, das wissen sie. Eveline, die mit dem Sinn für schwarzen Humor und dem Lachen, das alle bösen Gedanken vertrieb, die die kleinsten Rückstände von Zweifel und Ingrimm durch die Türritzen nach außen drückte. Eveline, die sich bis tief in die Nacht an das Würfelspiel verlieren konnte, um am nächsten Tag wieder christliche Dispute auszufechten. Eveline, die immer antrieb: Sitz nicht so faul herum! Bist du schon ein alter Mann? Zusammen mit der Weisheit, dem Glauben, der Kraft und ihrem unerschütterlichen Guck-nach-vorne-Pragmatismus ist es genau besehen ein sehr reiches Erbe, das Nadja und Alexander antreten.

Ihre Mutter hatte im Elend der Nachkriegszeit ihr bewusstes Leben begonnen. Ärztin wollte sie werden, das ging aber nicht, weil das Schulgeld nicht bis zum Abitur reichte. Also wurde Eveline Krankenschwester, ging nach Holland, nach Belgien, in die Schweiz, und sah sich zusammen mit ihrer Mutter die Welt an. Zwei Frauen im Auto nach Rom. Das fiel auf, damals. Eveline fuhr gerne Auto, immer große französische Wagen, die zu einer großen Frau passten. Zum Geburtstag bekam sie einmal lederne Handschuhe fürs geschmeidige Lenken.

Mit dem Heiraten ließ sie sich Zeit. Da gab es wohl mal einen Volker, Arzt. Den hätte sie gerne genommen, Volker wollte auch, aber seine Eltern nicht. Ein Arzt heiratet nicht unter seinem Stand. Volker war psychisch ein wenig labil und nahm sich später das Leben. Nicht aus Liebeskummer, einfach so. Eveline trauerte um ihn, aber nicht zu lange.

Heino Antonczik traf Eveline, da war sie schon 30 oder 31, genau wissen das Nadja und Alexander nicht mehr. Besser bekannt ist die Geschichte der ersten Kontaktaufnahme. Es soll sich in einer Kneipe im Ku’damm-Karree zugetragen haben. Es war nach Mitternacht und die Stimmung ausgelassen, als Eveline einem Herrn die Frage stellte, ob sich unter seinem Hemd eine behaarte Brust befände. Heino Antonczik öffnete ein paar Hemdknöpfe, und man entflammte füreinander.

Auch das Ende der Liebe, fast 20 Jahre später, lässt sich anekdotenhaft wiedergeben. Damals war Eveline, die immer fröhliche, allerdings nicht zum Lachen zumute. Es geschah an einem Montagmorgen. Tags zuvor waren Mutter und Tochter von einem Mallorca-Kurzurlaub zurückgekommen. Alexander war mit Freunden unterwegs. Heino Antonczik hatte also einige Tage alleine zu Hause zugebracht. Da muss sich in ihm etwas zusammengebraut haben, das an jenem Montagmorgen in zwei knappen Sätzen kulminierte. Gleich nach dem Aufwachen soll er sie gesagt haben: Ich liebe dich nicht mehr. Ich gehe jetzt.

Ein Schock für Mama, sagen die Kinder. Sie war völlig überrascht. Aber weit davon entfernt, sich gehen zu lassen. Passiv werden, seine Kraft in Selbstmitleid verbrauchen, so etwas hat sie nie verstehen können. Als sie an Brustkrebs erkrankte, brauchte sie keinen Motivationstrainer. Die 24-Stunden- Infusionen für die Chemotherapie versteckte sie einfach unter dem Kleid und ging in die Philharmonie. Sie kaufte sich eine Perücke, aber die Haare fielen gar nicht aus. Wenn jemand den Krebs besiegen konnte, dann sie.

Man staunt, wenn die Kinder erzählen, was aus dem Paradies der frühen Jahre in Hermsdorf geworden ist. Alle Ehen in der Nachbarschaft wurden geschieden. Die Brüder des Vaters kamen bei Autounfällen ums Leben. Freunde, die das Haus mitgebaut hatten, starben bei einem Segelunfall im Mittelmeer. Alexander hatte selbst schwere Unfälle, wäre einmal fast nicht mehr aus dem Koma erwacht. Jederzeit kann das dünne Eis, auf dem man sich so sicher bewegt, brechen. Eveline wusste das und fühlte sich trotzdem gut aufgehoben. Sie hatte eben eine Religion. Nach dem Tod würde es himmelwärts gehen, also wovor sich fürchten? Dass es mal zu Ende gehe würde, wusste sie, aber sie rechnete nicht damit. Wer den Tod erwartet, hat schon zu sterben begonnen. Eveline hat bis zur letzten Sekunde gelebt.

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