Wirtschaft : Geb. 1941

Bärbel Uta Hertel

Thomas Loy

Bärbel Uta Hertel

Die drei Söhne haben es aufgegeben, sich das Unmögliche vorzustellen. Wahrscheinlich, weil sie Ingenieure sind und das Verrichten von Handarbeit lieber den Maschinen überlassen. Wie also kann ein Mensch in kürzester Dauer so viel Ordnung herstellen, dass alle Hemden auf Kante liegen, alle Sakkos nach Länge geordnet in Reih und Glied hängen, auf genieteten Lederbügeln, alle Schuhe in klarer Symmetrie zueinander stehen, natürlich geputzt? Wie kann ein Mensch perfekte Sauberkeit halten, sich um alles kümmern, kochen, waschen, einkaufen, und doch immer da sein, ansprechbar bei allen Problemen, so unscheinbar nebenbei und ohne jede Anstrengung? Früher war ihnen das nicht aufgefallen. Und jetzt ist es zu spät, zu fragen, wie so was geht.

Ein wenig verzogen sind sie, die Söhne, verwöhnt vom Full-Service-Hotel „Mama Hertel“. Sie sitzen auf dem blauen Sofa im blauen Zimmer. Der Schalk sitzt ihnen schwer im Nacken. Sie grinsen und singen das Hohelied auf ihre Mutter.

Lange schwarze Haare, groß und schlank. So saß sie anno ’58 im Kanadier ihres Liebsten. Zu seinen Eltern paddelte er sie am Wochenende, sie bunkerten Proviant und schipperten über den Kleinen Wannsee. Ihre Eltern hatten einen gepflegten Tante-Emma- Laden, „Feinkost Lagodny“. Sein Stiefvater betrieb eine Kohlenhandlung, dort fingen die beiden an zu arbeiten. Bärbel hatte die Handelsschule absolviert und erledigte die Lohnbuchhaltung. In ihren Büchern sah es nicht anders aus als in ihren Schränken.

Sie machte alles perfekt. Hundertprozentig, sagt Martin. Hundertzwanzigprozentig, sagt Jürgen.

Das klingt nach preußischer Akribie und Strenge. Bärbel hatte strenge Maßstäbe, „beinahe unmenschliche Maßstäbe“, stichelt Stephan, aber sie zwang sie nicht ihrer Umgebung auf. Als die Söhne noch Jungs waren, durften sie auch bei schweren Verfehlungen mit mildernden Umständen rechnen. Martin entsinnt sich einer Französisch-Klausur, für die er eine glatte Sechs bekam. Es schien ihm ratsam, seine Eltern die Bürde dieser Nachricht zu ersparen. Vaters Unterschrift wurde gefälscht. Leider ergaben mehrere, mit Tipp-Ex übertünchte Fehlversuche ein derart katastrophales Endergebnis, dass die Sache aufflog. Die Mutter wurde zum Direktor bestellt, um die näheren Umstände zu klären. „Diese Unterschrift ist doch gefälscht, oder?“ – „Nein, nein, das ist eindeutig mein Mann. Der zittert manchmal recht stark.“

Ihren vier Männern hielt sie den Rücken frei, damit sie sich um Ausbildung und Beruf kümmern konnten. Die Söhne sollten etwas aus sich machen. Als Stephan Semester um Semester die Studienzeitenstatistik in die Höhe trieb, machte ihr das Kummer. Gedrängt hat sie nicht. Ist ja nun erwachsen, der Junge. Muss wissen, was er tut. Aber verstehen konnte sie nicht, wie man so viel Geduld mit sich haben kann.

Bärbel kümmerte sich darum, dass die Familie ins Museum ging, dass auf Reisen keine Ausgrabungsstätte übersehen wurde. Ihr Spezialgebiet: Völkerkunde. Sitten und Riten ferner Länder. Und die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Bei „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff war Bärbel ihren Männern weit überlegen. Aus Gründen der Kulturförderung steckte sie Jürgen ihre ausgelesenen Bücher in den Urlaubskoffer. Abends, im Hotel auf Fuerteventura, musste er „Der Medicus“ lesen. Oder „Der dritte Zwilling“ von Ken Follett. Zwischendurch fragte sie ihn, wo er gerade ist. Über Bücher soll man ja auch reden. Sonst liest jeder für sich alleine, kapselt sich ab und droht zu vereinzeln.

Wenn in ihrem „Verein für Körperkultur“ eine Fahrradtour anstand, lud Bärbel auch raduntaugliche Autofahrer ein mitzukommen. Nicht alle Radfahrer waren damit einverstanden, aber Bärbel beharrte darauf, dass es keine elitären Klüngel in der Vereinsgemeinschaft geben sollte. Wer neu war im Verein, konnte sicher sein, dass Bärbel sich seiner annahm. Sie prüfte nicht. Sie misstraute nicht. Sie empfing die Menschen so, wie sie kamen.

Sie wurde krank, ließ sich aber nichts anmerken. Da war sie wieder sehr preußisch. 17 Jahre brauchte der Krebs, um sein Werk zu vollenden. In der Zwischenzeit hatte Stephan sein Diplom gemacht und einen guten Job gefunden – nach mehr als 30 Semestern. Stephan und Martin hatten geheiratet, Lena und Lisa, die Enkelkinder, waren geboren. Volker hatte sein Coming-out. Bärbel fragte Martin, ob sie vielleicht was falsch gemacht hat in der Erziehung. Kann ja gar nicht sein, beruhigte Martin, „sonst wäre ich ja auch schwul“. Martin und Volker sind Zwillinge.

Bärbel hat ihr Haus bestellt, bevor sie gegangen ist. Hundertzwanzigprozentig.

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