Wirtschaft : Geb. 1941

Michael Epp

Gregor Eisenhauer

Michael Epp

Sie war der Liebling der Familie – und ertrank. Vor seinen Augen. Sie waren in den Grunewald gefahren, wollten schwimmen gehen. Die Schwester lief voraus ins Wasser. Zwölf Jahre war sie alt oder dreizehn. Niemand lebt mehr, der sich an sie erinnern könnte.

Er stand am Ufer damals, ein kleiner Junge, er konnte nicht helfen, wie denn, was tun? Einen Rettungsring werfen, Hilfe holen, selbst rausschwimmen … Bis er begriffen hatte, was geschah, war alles vorbei.

Niemand lebt mehr, der ihm einen Vorwurf machen könnte. Er selbst war sein strengster Ankläger gewesen. Denn es gab nie einen Menschen, den die Frage wirklich interessierte, ob Michael Epps Leben eine andere Wendung genommen hätte, wenn sie damals wieder gemeinsam heimgekehrt wären, er und seine Schwester.

Er kehrte allein heim – oder wurde er heimgebracht, von der Polizei, von Sanitätern? Stand er unter Schock, wahrscheinlich, aber es war niemand da, der ihn tröstete. Der Vater war gegangen, Jahre zuvor schon, vertrieben worden von der Großmutter, die in einer weiträumigen Wohnung am Savignyplatz residierte. Große Zimmer, endlose Flure und natürlich ein Dienstmädchen, das das kostbare Mobiliar abzustauben hatte. Relikte einer Fabrikantenfamilie, deren Besitz im Osten verloren gegangen war. Dem trauerte die Großmutter in Würde nach.

Gemeinsam mit der Mutter Michaels, ein ätherisches Geschöpf, die durch die Räume schwebte, ganz sich selbst genug. Ihr Sohn erinnerte ohnehin nur an den Vater, geliebt, wirklich geliebt hatte sie allein die Tochter, in der sie sich selbst und ihre Träume verjüngt sah. Die war ertrunken, ohne dass Michael Schuld trug, wie ihm jeder versicherte – aber der Blick der Großmutter belehrte ihn eines Besseren.

Erinnerungen, die man teilen kann, und Erinnerungen, die einsam machen. Erinnerungen, die dem Leben eine Richtung geben, ohne dass man es merkt. Die Fallen des Konjunktivs. Hätte man ihn darauf angesprochen, er hätte vermutlich gelacht und gesagt: „Was Ihnen da einfällt!“

Aber die Frage bleibt, wie sein Leben verlaufen wäre ohne dieses Unglück?

Dass er keine Familie hatte, keine wirkliche, dass er die Kälte daheim scheute und sich die Nestwärme anderswo suchte, in einer christlichen Jugendgruppe, „Bund Neudeutschland“ – die Erfahrung teilte er mit Hunderttausenden Kriegskindern.

Gemeinsame Reisen, Pfadfinderromantik; Freunde, die fürs Leben blieben, denn er ließ keinen im Stich, den er mal in sein Herz geschlossen hatte.

Michael Epp war einer, der gern den Vatertag feierte, und dann, an Bord des Ausflugsdampfers heimlich die Flasche Aquavit zog und die Gläser ringsum füllte, weil ja Feiern sein muss. Gutes Essen und eine feine Zigarre, bis die anderen im Rauch ersaufen. Und der Zufall wieder ganz andere Bilder aufrührt.

Welchen Beruf hätte er ergriffen?

Welchen Beruf konnte man ergreifen nach dem Krieg, als es für das Abitur zu spät war, und die Ausbildungsstellen zählbar? Was liegt da näher, als einen grundsoliden Beruf zu erlernen, in einer Sparte, die auf der Verlässlichkeit von Katastrophen beruht.

Er wurde Versicherungskaufmann, zuletzt zuständig für Schadensregulierung.

Einer, der mit den Leuten reden konnte, Sachverstand paarte sich mit Jovialität.

Dennoch – seine Stelle bei der Feuersozietät wurde eingespart und er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. „Immer noch besser als Innendienst!“, wird er sich gedacht haben.

Michael Epp war gern unterwegs, aber er hat nur eine große Reise gemacht in seinem Leben. Quer durch Amerika. Die Vorbereitungen dafür starteten ein Jahr zuvor. Eine seriöse Reiseagentur sollte es sein: Thomas Cook – „Wir haben das Reisen erfunden“. Der Leihwagen, die Hotels, die Eisenbahnverbindungen und natürlich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer je Ort und touristische Attraktion, alles war im Detail geplant. Er konnte Rechenschaft ablegen von jeder Minute dieses Abenteuers, das keines war, weil er alle Gefahrenmomente eliminiert hatte. Keine Erlebnisse, nur ein Sammelsurium von Urlaubsbildern.

Ein Enzyklopädiker war er auch sonst, der Fakten um ihrer selbst willen sammelte, weil er Zusammenhänge als Addition von Tatsachen begriff. Das passiert, und das passiert, und das passiert. Warum? Weiß der Teufel! Das Gute kommt, das Schlechte auch, gegen Letzteres kann man sich immerhin versichern.

Woher rührte diese Verzagtheit, sein seltsamer Fatalismus, die düstere Prophetie in eigener Sache? Ich werde nicht alt.

Natürlich wirst du nicht alt, entgegneten seine Freunde, wenn du dich so vernachlässigst. Leb bewusster, iss die halbe Portion und du wirst alt wie Methusalem!

Er hatte Familie, er hatte Kinder, aber glücklich wurden sie nicht miteinander, und irgendwann verließ er die Familie, oder er wurde weggeschickt, wie sein Vater damals.

Die Geschichte wiederholt sich, er wiederholte die Geschichte. Natürlich hätte er noch einmal heiraten können, oder sich eine Freundin suchen können – Ratschläge sind billig, die Kosten eines Neuanfangs hingegen hoch. Also zog er sich zurück. Denn die Zeit vergeht schnell, wenn man nichts mehr zu tun hat. Aufstehen, frühstücken, einkaufen – den Ausflug am Wochenende planen.

Was er wirklich vermisst hat im Alter, war eine Zugehfrau. Ansonsten hat er einfach auf den Tod hingelebt.

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