Wirtschaft : Geb. 1942

Peter Nierobisch

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Der Schwager der Mutter war Malermeister. Er wusste Rat:
Ganz einfach. Dein Sohn wird Maler.

Alles im Leben hatte seine gute Ordnung gefunden. Die gute Ordnung funktionierte reibungslos, denn Malermeister Nierobisch gab einen klaren Rhythmus vor und kümmerte sich frühzeitig, wenn jemand aus dem Takt fiel oder seine Noten nicht mehr auswendig konnte. Nun ist das Orchester der Malerfirma Nierobisch aus Prenzlauer Berg durcheinander geraten. Der Dirigent fehlt.

Anita Nierobisch, seine Frau, sitzt auf dem Platz, wo ihr Mann immer saß, am Schreibtisch im Büro mit Blick auf das Stadtschloss-Gemälde. Das ist der falsche Platz, und alles in ihr sträubt sich, ihn auszufüllen. Immer wieder fragt sie den Dirigenten, der in ihr fortlebt, welche Entscheidungen er treffen würde, und wie man das Geschäft am Laufen hält. Er hat ja nichts vorbereitet für die Zeit nach ihm. Es ging ja alles viel zu schnell. Der Nierobisch? Tot? Die Kunden wollten es nicht glauben. Zum Glück gibt es die Söhne, darunter noch einen Malermeister Nierobisch. Die machen jetzt weiter.

Sie war 12, er war 14, da lernten sie sich kennen auf einer Spritzeisbahn auf dem Arkonaplatz in Mitte. Und sie blieben zusammen. „Er hatte sich festgelegt“, sagt Anita. Sie sollte es sein, weil sie anders war als die Mädchen, die er sonst noch kannte. Wie anders? Vielleicht, weil sie aus Österreich kam und einen Charme versprühte, von dem Berliner Gören nicht mal wussten, dass es ihn gibt.

Peter hatte die Grundschule gerade hinter sich gebracht. Sein Vater war schon tot, und seine Mutter dachte: Was wird nun mit dem Jung? Ihr Schwager Eugen, der Malermeister, wusste Rat: Wenn du nicht weißt, was du mit dem Peter machen sollst, ist das ganz einfach. Der wird dann Maler.

Und so geschah es. Peter empfand das nicht als Unglück. Schlimmer war, dass der Geselle, dem er zur Ausbildung zugeteilt wurde, in den Pausen immer recht ausgiebig Zeitung las und schlecht ansprechbar war für die vielen Fragen, die man als Lehrling hatte. Dann war das mit der Lehre vorbei und Peter fragte: Und nun? Nun machst du noch den Meister. Auch das ging vorbei. Eugen war inzwischen über 70 und fragte Peter, ob er sich nicht mehr um die Geschäfte kümmern wolle. Natürlich wollte er und machte es auch gut.

Und dann, 1970, willigte der Onkel ein, das Geschäft an seinen Gesellen zu verkaufen.

Anita und Peter Nierobisch hatten nun ihren eigenen Betrieb mit sechs Mitarbeitern. Am Gängelband der Planwirtschaft zwar, aber immerhin musste man sich nicht ideologisch verbiegen, in die Partei eintreten oder am 1. Mai das Fähnchen schwenken. Mensch und Material wurden mit einem Wartburg Tourist auf die Baustellen bugsiert. Da musste man oft hin- und herfahren, das war äußerst ineffektiv, es störte aber nicht weiter. Peter haderte nicht mit den widrigen Bedingungen. Sich so gut es geht einrichten, das war sein Ziel. Mit dem Einkommen auskommen.

Dann kam die Wende und plötzlich war aus der DDR ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Peter Nierobisch war ganz euphorisch, kaufte für den Betrieb als Erstes einen Ford Transit. Und er knüpfte Kontakte. Der Malermeister konnte einfach so auf einen fremden Menschen zugehen und mit ihm ins Gespräch kommen. Bald wusste er auch in der Marktwirtschaft, worauf es ankam. Der Betrieb wuchs auf 20 Mitarbeiter, und Peter arbeitete von früh bis spät. Er tat es gern. Ab und zu fuhr er mit Anita zur Verwandtschaft nach Norddeutschland, aber höchstens drei oder vier Tage, dann musste er zurück ins Geschäft. Dort gab es alles, was er zum Leben brauchte: eine Aufgabe und seine Familie.

Peter Nierobisch forderte viel von seinen Leuten und den beiden Söhnen, die inzwischen auch Maler waren. Kompetent mussten sie sein und alles perfekt machen. Wenn sich jemand bei ihm bewarb, fragte er: Haste was gelernt? Maler. Ausgelernt? Nee. Na, dann biste kein Maler. Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen, sagte er. Und wenn ein Buch noch so langweilig war – er las es bis zur letzten Seite durch.

Er war ein Perfektionist, sagt Anita. Und ein Einzelkämpfer. „Sein Wort war Gesetz.“ Nur das Rauchen bekam er nicht in den Griff. Immer wieder wollte er aufhören. Immer wieder wurde nichts draus. Matt fühlte er sich oft in den letzten Jahren. Bekam Erkältungen und wurde sie nicht mehr los. Als die Ärzte den Krebs feststellten, blieben ihm noch sechs Wochen. Thomas Loy

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