Wirtschaft : Geb. 1942

Axel Gobbesso

Gregor Eisenhauer

Er schuf Kunst für reiche Menschen und für sehr Reiche. Wasser reichte er mit großer Geste aus einem goldenen Becher.

Der Vater war Drucker, die Mutter Besitzerin einer Eisdiele in Neukölln, die nie florierte.

Eigentlich hätte er Uhrmacher werden sollen, ein anständiger Beruf, den heute keiner mehr ausübt, weil sich billige Uhren billig ersetzen lassen. Er hätte auch Antiquitätenhändler bleiben können, damit verdiente er nach der Lehre sein Geld, als er noch nicht wusste, wohin sein Weg führen würde. Gold- und Silberschmied, irgendwie ergab es sich, und auch das ist ein gefährdeter Beruf, vielleicht hat er ihn deshalb mit so großer Leidenschaft ausgeübt. Und durchaus mit bürgerlichem Behagen, als sich der Erfolg einstellte.

Eigentlich führte er also ein ganz gewöhnliches Leben, wie viele andere auch, die Glück hatten. Ein Beruf, der ihn erfüllte, eine Frau, die ihn liebte, ein Sohn, der zum Freund wurde, und viele Menschen mehr in seinem Bannkreis, die ihn als Menschen unentbehrlich fanden und die sich schwer tun mit seinem Tod.

Man könnte es sich leicht machen und aufzählen, was er sonst so getan hat im Leben, und nichts wäre über ihn gesagt. Auch dass sich das Sterben in den letzten beiden Jahren so qualvoll hinzog, hat aus ihm keinen anderen gemacht: Bis zum Schluss glaubte er sich, insgeheim, unbezwinglich.

Ein Taschendieb der Herzen eben, der sich in der Zuneigung anderer sonnen konnte, charmant, gut aussehend, fast ein wenig verwegen, zumindest die Frisur, eine Idealbesetzung für die Rolle des edlen Räubers Rinaldo Rinaldini. Aber auch das sagt nichts über ihn.

Wer ihn wirklich kennen lernen will, sollte auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen, auf der Höhe des Big Eden. Dort hatte er sein Geschäft, Gobbesso, der Name seiner Mutter. Wer sich etwas abseits hält und die Passanten beobachtet, die vor der schmalen Auslage stehen bleiben, Männer wie Frauen, kann sehen, wie sein Schmuck ein Leuchten in die Gesichter bringt. Aladin muss so gelächelt haben, als sein „Sesam öffne dich“ den Blick freigab auf einen ganz ungewöhnlichen Schatz.

Wer Zeit hat, sollte hineingehen und nur auf eins achten. Nicht auf die Kette mit den roten schweren Steinen, die nur von einer sehr selbstbewussten Frau getragen werden kann, auch nicht auf die großen silbernen Löffel, obwohl deren körperlich anmutende Biegung schon mehr über den vitalen Elan ihres Herstellers verrät als jedes Foto.

Wer wirklich etwas von Gobbessos Kunst verstehen will, sollte weder links noch rechts blicken, sondern starr und stur auf den kleinen goldenen Becher in der Mitte der Vitrine. Schöner als jede Kette, jeder Ring und alle anderen Ziergeräte im Raum, denn er ist, und wer anderes behaupten wollte, lügt, direkt vom Tisch Dornröschens genommen, eben in dem Moment, als dort im Schloss alle einschliefen und die Zeit stehen blieb. Und wer den Becher sieht, und nicht auf der Stelle schwört, dass eine Prinzessin zuletzt daraus getrunken haben muss, der hat kein Herz.

Natürlich hängt an diesem Becher eine Geschichte, aber sie ist banaler, als man wünschen möchte. Vor Jahren kam ein Ehepaar in den Laden, wie so viele, nicht um zu kaufen, sondern um sich umzusehen und ein wenig zu plaudern. „Nein, danke, keinen Sekt, keinen Kaffee, ein Glas Wasser reicht uns.“

„Wenn schon Wasser“, antwortete Gobbesso augenzwinkernd, aber mit großer Geste, „dann aus einem goldenen Becher!“ Und er nahm diesen Becher aus der Vitrine und schenkte ein. Axel Gobbesso mochte seine Kunden.

In diesem schmalen Verkaufsraum steht auch ein Arbeitstisch für die feineren Feilarbeiten, dort saß er Stunde um Stunde, im Rücken den Tresor, und wenn er den Blick hob, sah er draußen die Frauen vorbeispazieren, denen er seinen Schmuck wünschte, und die, denen er ihn verkaufte.

Gobbesso schuf Kunst für reiche Menschen und für sehr Reiche. Er hat auch die Protzigen ausstaffiert, jene Frauen, die nicht wissen, dass teurer Schmuck manchmal nicht schöner, sondern nur älter macht. Eine Wahrheit, die er nie hätte über seine Lippen kommen lassen, denn er war charmant auf eine Weise, die keine Ironie aufkommen ließ.

Ein Künstler, der an sich zweifelt, verliert den Glauben an sein Material. Einem Maler werden die Farben blass, einem Dichter die Worte, solche Zweifel kann sich ein Goldschmied nicht leisten. Gobbesso hat sich seinem Material anvertraut, so ganz und gar, dass er es vermochte, jedem Stein, jedem Stück Gold oder Silber mehr Glanz und Wärme zu entlocken, als ihnen eigentlich innewohnte. Diese Kunstfertigkeit strahlt aus den Schmuckstücken zurück: seine ganz private Alchemie.

Man muss seine Werkstatt gesehen haben, um die Mühen dieses Arbeitsgangs zu verstehen. Die Werkstatt ist direkt unter dem Laden, zwei Räume, voll mit Gerät, dessen Namen kein Außenstehender parat hätte. Was ins Auge fällt, ist der Herd, an dem geschmiedet wird, die Streckbank für Drähte, die unglaubliche Zahl der Hämmer, Zangen und Feilen, nicht umherliegend, sondern alle an ihrem Platz. Darüber staunt man, aber es erklärt nicht die Atmosphäre des Raums.

Die Schale mit den vielen Zuckertütchen schon eher, die Rosen, der Krimskrams, Dinge, die davon sprechen, dass hier einer saß und arbeitete, der innerlich befriedet war. Und mittendrin das rote Sofa, durchgesessen von all den Besuchern, zu denen er sich einen Moment dazusetzte, bis er wieder aufstand, weil er zu arbeiten hatte, an einem Becher, aus Silber oder Gold, um seinen Freunden etwas zu trinken anbieten zu können.

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