Wirtschaft : Geb. 1942

Harro Bernicker

Sarmina Ferhad

Harro Bernicker

Ein Primus ist er gewesen, ein Genie, der in allen Fächern gut war, ohne allzu viel dafür zu tun. So berichtet das der Schulfreund heute. In dessen Partykeller hörte Harro Bernicker auch immer Dixieland und Jazzmusik. An den Wänden klebten herausgerissene Bravo-Seiten mit Bildern von Brigitte Bardot und James Dean. Bei Harro zu Hause war an einen Partykeller nicht zu denken. In der engen Mansarde gab es seine Mutter und einen Bollerofen. Arm waren sie damals, Anfang der 50er Jahre, mitten im gut situierten Zehlendorf. Der Schulfreund erinnert sich, dass Harro immer die Schulhefte bis zur letzten Umschlagseite vollschrieb, um sie dann im Schulsekretariat abzugeben. Einen Stempel gab es dort als Nachweis, dass das Heft tatsächlich voll war und der Schüler Anspruch auf ein neues hatte.

Harros Mutter hat – wie so viele in dieser Zeit – ihr Kind ganz ohne Vater aufgezogen. Zunächst war ihr Ehemann noch im Krieg, später in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung gab es keinen Weg mehr zurück zu Frau und Kind, die Ehe war kaputt. Harro, der Junge mit dem schwachen Herzen, war aber bestens aufgehoben bei seiner Mutter ganz allein. Der Schulfreund sagt: Das war eine Affenliebe, die Mutter lebte nur für ihren Sohn.

Bis sie starb, waren die beiden sich sehr zugetan. Ihre immerwährende Sorge um seine Gesundheit übernahm der Sohn. Ein Hypochonder war er, erinnert sich der Freund. Auf Reisen an die Ostsee, inzwischen waren beide Lehrer, folgte Harro vor allem seinem Biorhythmus, der konträr zum lustvollen Urlaubsrhythmus seines Freundes verlief. Der sagt: Harro konnte nie so richtig entspannen, immer ging es um seine Gesundheit. Bier zum Beispiel war für ihn nichts als ein Schlafmittel. Das trank er auf der Bettkante sitzend, wenn der Schlaf sich gar nicht einstellen wollte, und dann auch nur schlückchenweise. Ein Glas Wein abends im Strandkorb war nicht drin. Lustig sei es schon gewesen mit Harro, aber eben keine richtige Männerfreundschaft, zu der es doch gehört, dass man mal so richtig einen drauf macht und sich gehen lässt. Gut spazieren gehen, das konnte man mit Harro, oder leichte Sportarten betreiben – alles natürlich immer unter therapeutischen Aspekten.

Arztbesuche waren ein großes Thema: Ungefragt und detailreich beschrieb Harro Bernicker jedes Wehwehchen. Aus Leidenschaft für die Sache war es ihm auch nicht peinlich, den Ort des Krankheitsgeschehens genau zu lokalisieren. Da muss man schon mal die Hosen runterlassen – wenn’s der Wahrheitsfindung dient.

Seine Schüler stellten sich aufs physische Interesse ihres Mathelehrers ein: Herr Dr. Bernicker, heute sehen Sie aber schlecht aus! – Und prompt brachte Herr Bernicker seine Schüler auf den letzten Stand seiner umfangreichen Krankheitsprophylaxe. Herrlich mathematikfreie Augenblicke waren das. Und dennoch, so sagt ein anderer Freund und Kollege heute, war er fachlich und didaktisch tadellos. Einer, der sein Wissen schon im Studium gerne teilte. Ein sympathischer Mathematiklehrer, einer, den die Schüler mögen!

In Klassenraum und Lehrerzimmer zettelte der Studienrat auch gerne detaillierte fachfremde Expertengespräche an. Er war Autodidakt und Fachmann für immer wieder neue Themen: Die Grundrisserweiterung seines Hauses, die späte Vaterschaft, Reiten, Fußball oder Segeln und dann noch die Ornithologie – all dies stundenlang und von allen Seiten beleuchtet. Seine Einstiegsfrage, die man nicht wörtlich nehmen durfte: Hast du einen Moment Zeit?

Der alte Schulfreund hat viel über die Vogelwelt gelernt von ihm. Auf Autofahrten spielte ihm Harro seine schönsten Zwitscheraufnahmen vor. Der Freund erinnert sich noch gut an die Unterschiede zwischen Sitz-, Balz- und Flugruf des Buntspechts. Verständlich, dass er heute sagt: Bis zu seinem Tod war er mir treu, mein enger und längster Freund. Aber genervt hat er mich manchmal auch.

Der freundliche Hypochonder, so oft war er beim Arzt – und schließlich kam sie doch zu spät: die Diagnose Krebs. Als Wissenschaft und Medizin keine Hilfe mehr boten, sollte der Glaube seine letzte thematische Vertiefung sein. Zum Erstaunen seines Freundes fragte Harro Bernicker an einem seiner letzten Tage nach der Bibel. Er hat sie nicht mehr bekommen. Der Tod war schneller.

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