Wirtschaft : Geb. 1943

Sabine Kunze

Gregor Eisenhauer

Selten war ein Mensch so bei sich, selten war ein Mensch glücklicher. Und dann kommt er sich plötzlich abhanden.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten.“ Indian Summer, Herbstfarben, so selten schön, dass sich viele verwundert die Augen reiben und nicht wissen, sollen sie gläubig werden für diesen einen Tag, Rilke rezitieren oder einfach nur dankbar sein. Denn diese nie gemalten Farben, die das Herbstlicht dem Laub für wenige Tage schenkt, hellen den Blick für immer auf. Auch wenn sich Stoßstange an Stoßstange reiht, weil Millionen Touristen dieses Zaubers wegen alljährlich die Wälder Neu Englands heimsuchen.

„Hier die Kreditkartenquittungen!“ „Was soll ich denn damit?“ „Na für die Tasche, in der du sie immer aufbewahrst!“

Der erstaunte Blick des Mannes. Die abweisende Miene der Frau: „Ich? Nein, das stimmt nicht!“

Der Moment, in dem das Herz vereist. Die erste Ahnung, dass der Mensch, den man seit über vierzig Jahren kennt, ein anderer wird. Zweifel, Beruhigung, erneute Zweifel: In diesem Teufelskreis leidet der Partner zunächst schlimmere Qualen als der Kranke.

Die Rückkehr aus Amerika. Alles scheint gut. Sprachfindungsstörungen – na, wer hat die nicht. Das kennt man von sich selbst, von Bekannten, der alltägliche Alzheimer: „Wie hieß der Film neulich noch…“

Desorientierung? Was heißt das schon! Darunter leidet jeder von Zeit zu Zeit. „Dienstag oder Mittwoch? Rechts oder links jetzt?“ Und selbst wenn, selbst wenn es Alzheimer wäre, die Krankheit dauert Jahre, Jahrzehnte. Wir können dennoch gemeinsam alt werden, reisen, wie wir es immer getan haben, vielleicht nach Hawaii das nächste Mal, das war doch der Traum…

Was geht einem Mann nicht alles durch den Kopf, der seine Frau immer nur zukunftsfroh und selbstständig kannte: Pharmareferentin, dreißig Jahre in der Firma, Teilzeit zunächst, dann zunehmend mehr Verantwortung, aber immer souverän, auch als Mutter. Eine Tochter, ein Sohn, die Enkel fehlten noch, aber das war nur eine Frage der Zeit. Das Schicksal war verlässlich, der Schutzengel Heinrich, wie sie ihn zutraulich nannte, immer auf ihrer Seite. Sie dankte es mit einem Lächeln, das jedem galt, der nicht hinterrücks war. Und die, die ihr offen begegneten, spürten: Selten war ein Mensch so bei sich, selten war ein Mensch glücklicher. Und dann kommt er sich plötzlich abhanden, ohne es selbst zu merken.

Sie ist noch in bester körperlicher Verfassung – und plötzlich kann sie nicht mehr lesen. Erkennt keine Gesichter mehr. Plötzlich sind Freunde keine Freunde mehr. Nachbarn werden Fremde.

Die Ärzte sind sich unsicher. Lungenkarzinom mit Fernwirkung, Gehirntumor?

Das Verrückte: Sie war sich ihrer Krankheit nie bewusst. Angst machte ihr nur der Gewichtsverlust. Astronautennahrung sollte helfen, half aber nicht. Nichts half mehr. Die Krankheit war dem Begreifen immer einen Schritt voraus. Unmerklicher als das Körpergewicht schwand das Selbst. Immer weniger Fixpunkte der eigenen Persönlichkeit. Sie übte schreiben. „Was übst du da?“ „Meine Unterschrift!“ Sie hatte sie vergessen.

Sie wusste nicht, dass sie im Krankenhaus war. Und wenn sie zu sich kam, in den lichten Momenten, wollte sie nach Hause. „Was ist los? Ich bin doch gesund!“

Neue Verdachtsdiagnosen. Eine Cortisontherapie versprach Besserung, der Rückschlag war umso brutaler.

Zwei Wochen später konnte sie nicht mehr stehen, nicht mehr laufen, den Kopf nicht mehr rühren, die Finger schlossen sich um den Frosch oder um den Bär, ihre Lieblingsstofftiere, die das Krallen erträglich machten.

Die Sprache verstummte, nur noch Ja, leise, dann nur noch ein Nicken, kein Sprechen, kein Bewegen. Und der neue Verdacht: die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Kein BSE- Opfer, ein Opfer des Zufalls: Ein Mensch unter einer Million steckt sich an, stirbt daran, die so genannte sporadische Infektion. Die zynische Pointe: Letzte Gewissheit gibt erst die Autopsie. Und immer noch waren Zweifel an der Diagnose berechtigt: die Patienten verlieren gemeinhin das Sehvermögen. Aber jeder, der sie sah, war verzaubert von der unverminderten Leuchtkraft ihrer großen blaugrauen Augen.

Kein Schmerz darin, Verwunderung vielleicht, aber ganz sicher Liebe, wenn der Mann ans Bett trat, die Kinder kamen. Und wenn sie ihre Lieblingsmusik hörte. Den Bolero erkannte sie noch immer, und das nicht nur, weil sie sich als Küchenballerina dabei den Fuß verknackst hatte.

Das Pflegeheim. Der Körper bebte beim Anfassen. Krämpfe. Künstliche Ernährung. Aber jeden Sonntag holte die Familie sie heim in die Wohnung, die sie so liebte, weil die Fenster sich hell zum Garten hin öffneten. Geborgenheit bis zuletzt.

Zwei Lungenentzündungen überstand sie.

Bis zuletzt Gegenwehr. Auch wenn der Körper nur noch ein Gefängnis war. Aber es gab Klopfzeichen. Wer an ihrem Bett saß, lernt die Zeichen zu deuten. Die Ahnung einer zärtlichen Geste. Der Hauch eines Wortes. Und nur wenige Minuten vor ihrem Tod glänzten die Augen noch einmal, als wäre die Erinnerung an all die glücklichen Tage nie verloren gegangen.

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