Wirtschaft : Geb. 1943

Rudi Hahn

Ariane Bemmer

Rudi Hahn

Über Berlin toste ein Sturm, so schlimm, dass Häuser Schaden nahmen, da saß in der Wohnung in der Habsburger Straße ein Schüler am Tisch und schrieb mit steiler, leicht nach links kippender Handschrift seine Bewerbung für eine Lehrstelle bei der Bahn. „Lust und Liebe“ habe er, „die Beamtenlaufbahn bei der Deutschen Bundesbahn einzuschlagen“, schrieb Rudi Hahn am 17. Februar 1958, und dass er allen Anforderungen immer gerecht werden wolle. Dann adressierte er die Bewerbung an die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, eine kleine Privatbahn. Dort unterstrich man die Worte „bei der Deutschen Bundesbahn“ rot und malte ein Ausrufezeichen an den Zettelrand. Eingeladen wurde der 15-Jährige trotzdem und dann auch eingestellt.

Rudi Hahn war der einzige Lehrling damals bei der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, der NME, einem kleinen Betrieb, der 1899 gegründet worden war und anfangs auf 27 Gleiskilometern zwischen dem brandenburgischen Mittenwalde und dem Ringbahn-Anschluss Hermannstraße in Berlin-Neukölln fuhr. Nach dem Zweiten Weltkrieg, von dem man noch profitiert hatte, weil es jede Menge Güter und Arbeiter gab, die mal hier-, mal dahin mussten, ging es bergab mit der kleinen Eisenbahn. Ein Teil der Gleise lag nun in der sowjetischen Besatzungszone, der NME blieben elf Kilometer im Süden Berlins. 300 Meter davon führten durch die russische Zone – da gab es so eine Grenzbeule. Nach dem Bau der Mauer stellten die Grenzer zwei eiserne Tore quer über die Gleise. Züge mussten angemeldet werden, die Waggons wurden kontrolliert, die Eisenbahner auch, und überhaupt durfte man nur zu bestimmten Zeiten passieren. Beim zweiten Tor vollzog sich die Zeremonie aufs Neue.

Um dem zu entgehen, baute die NME 1963 eine Umgehungsstrecke. 1963 ging’s nämlich wieder bergauf. Da baute die Stadt in Rudow ein Heizkraftwerk, und die Steinkohle wurde von den Zügen der kleinen Bahngesellschaft befördert. Da war Rudi Hahn kein Lehrling mehr, sondern schon Assistent. Er war im Abfertigungsdienst, im Verkehrsdienst, im Schrankenwärterdienst, Stellwerkerdienst, Fahrdienstleiterdienst, Wagendienst, Zugabfertigungsdienst und Verwaltungsdienst. Schritt für Schritt, Stück für Stück arbeitete er sich weiter, hoch in der geordneten Welt der kleinen Eisenbahn. Er wurde Eisenbahnsekretär, Eisenbahnobersekretär und Eisenbahnhauptsekretär, dann Eisenbahninspektor und Eisenbahnoberinspektor. Anfangs verkaufte er Fahrkarten oder riss sie ab, später organisierte er den gesamten Ablauf der Frachtbeladung für die Züge.

Wenn er hereinkam ins Büro, fragte er als Erstes „was liegt an?“, da war es sechs Uhr früh, und wehe, er bekam keine ordentliche Antwort. Schluderigkeit konnte Rudi Hahn nicht leiden. Und Unpünktlichkeit erst recht nicht. Mag ja sein, dass mal ein Zug zu spät kommt, aber es mag überhaupt nicht sein, dass ein verspäteter Schaffner daran schuld ist. Seine Leute, 25 bis 50 Eisenbahner, je nach Auftragslage, wussten das, und sie haben sich daran gehalten. Rudi Hahn hatte den Laden im Griff. Auch wenn es mal nicht ganz so dienstlich war: Bis zum Mauerfall ließ die NME auf ihren paar Gleiskilometern Feierzüge fahren. Für Hochzeiten, Geburtstage, Firmenjubiläen konnte man eine Lok mit Waggons mieten, die wurden verziert, und dann fuhr die Gesellschaft bis zur Grenze und zurück, sang, soff und tanzte. Rudi Hahn fuhr diese Feierzüge gern. „Ich bin der Hahn von der Bahn“, stellte er sich vor, und da gab es gleich die ersten Lacher.

Als man West-Berlin mit der Bahn in alle Richtungen verlassen konnte, wurden den Leuten die Grenztouren langweilig, sie wollten jetzt was anderes sehen. Rudi Hahn hatte ohnehin anderes zu tun: Seine Bahnen fuhren außer Kohle nun auch für die Stadtreinigung den Berliner Hausmüll. Gute Jahre, viel Arbeit, und Rudi Hahn hatte noch eine letzte Karrierestufe vor sich. Betriebsleiter wollte er werden, den ganzen Laden managen. Ein Beruf, für den man eigentlich studieren muss. Aber dass der Hahn das kann, das wussten seine Chefs. Sie schickten ihn zu Lehrgängen, verhandelten mit der Senatsverwaltung für Verkehr und Betriebe und konnten Rudi Hahn 1994 endlich zum Betriebsleiter machen. Mehr ging nicht.

Also wollte Rudi Hahn nun etwas anderes. 50 Jahre Betriebszugehörigkeit, das wär’ was, hat er manches Mal gesagt. Es blieb ein Wunsch. Der Einzige, den er sich in der Firma nicht erfüllen konnte.

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