Wirtschaft : Geb. 1943

Wolfgang Müller

Anne Seith

Wolfgang Müller

Sie saßen in einem Café in Charlottenburg da sagte er zu ihr, dass er sie nicht mehr treffen könne. Erst war Sigrid Gwiasda wie vor den Kopf gestoßen, dann kletterte Wut in ihr hoch. „Wir sind zu alt“, sagte sie, „wir haben keine Zeit mehr, uns noch mal aus den Augen zu verlieren.“ Aber er blieb dabei. Dass er Krebs hatte, wusste er damals noch nicht.

Sie haben sich kennen gelernt, da waren beide gerade neun. Die Eltern freundeten sich an, und Sigrid war hingerissen von Wolfgang. Ein Sonnenschein mit blonden Locken und blitzenden himmelblauen Augen. Immer brachte er sie zum Lachen. Und auch er war ganz entzückt. Bald kam er nur noch wegen Sigrid zu den Besuchen mit, wie er ihr Jahre später gestand. Mit 16 ging Wolfgang nach Leverkusen, um eine Lehre als Chemielaborant bei Bayer zu machen, da trennten sich ihre Wege zum ersten Mal. Und zehn Jahre später stand er plötzlich wieder vor ihrer Tür.

Es war Februar, Sigrid hatte Angina, es ging ihr schlecht. Aber Wolfgang stiefelte einfach in die kleine Kreuzberger Wohnung, kochte einen Kamillentee, strahlte sie an und redete drauf los. Mit dieser beinah naiven Vertrauensseligkeit, die sofort so viel Nähe schaffte. Da war das Kratzen in Sigrids Hals fast weg, dafür kribbelte es im Bauch, und bald waren sie ein Paar.

Immer waren ihnen die gleichen Dinge wichtig. Die Freunde als Erstes, dieser bunte Haufen. Ständig war die Wohnung bevölkert mit Künstlern, Leuten aus dem Ausland. Vor allem wenn Wolfgang seine Drei-Gänge-Menüs kochte. Mit Spargel oder St. Petersfisch, der so empfindlich ist. In der Küche war er Sigrid weit überlegen.

Vor allem wollten sie beide die Welt kennen lernen. Also reisten sie. Nahmen sich jedes Jahr mindestens drei oder vier Wochen Auszeit von der Arbeit – Wolfgang war letztendlich Unternehmensberater geworden, Sigrid arbeitete im Hotelgewerbe. Mit dem Auto fuhren sie durch Frankreich und Schottland, immer dahin, wo die Neugier sie hintrieb. Vor der Reise nach Griechenland kaufte er sich einen Sprachkurs auf Kassette, und Sigrid sieht ihn noch heute vor sich, wie er dann dastand, vor den griechischen Bauern und mit unerschütterlicher Ausdauer die Wörter aus seinem Langenscheidt-Mini- Wörterbuch zusammenklaubte.

Man muss nicht Nein sagen, wenn einem jemand anderes gefällt, lautete die Abmachung zwischen den beiden. Man lebte schließlich in den siebziger Jahren. In ihrer Wohnung hingen Karl-Marx-Plakate, sie verehrten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Doch die Freiheit machte das Leben zu einer Berg- und Talfahrt. Wolfgang schwärmte haltlos von fremden Frauen, die ihm gefielen. Sigrid behielt eine Affäre lieber für sich – und verunsicherte ihn damit nicht weniger. Irgendwann blieb ihre Liebe auf der Strecke, sie trennten sich. Nach 15 Jahren.

Als Sigrid ihren 50. Geburtstag feierte, lud sie auch Wolfgang ein. Acht oder neun Jahre hatten sie sich nicht gesehen – „Es wird Zeit“, dachte sie. Er rief an, es ginge ihm nicht gut: Vor ein paar Jahren habe er geheiratet, nun ginge die Ehe gerade in die Brüche. Er melde sich wieder. Einige Monate später trafen sie sich bei Wolfgang zum Essen. Wie immer umsorgte er sie, hatte selbst gemachte Pasta mit Lachs gemacht und alles war so vertraut. Sie lachten immer noch beide über den schwarzen Humor von Monty Python, liebten immer noch die gleichen Ausstellungen und Konzerte. Bald waren ihre Leben wieder eng miteinander verknüpft. Auch viele Freunde von damals waren beiden geblieben, jetzt trafen sich alle wieder in Wolfgangs Dachgeschosswohnung in Schöneberg, natürlich zum Essen. Irgendwann stand irgendjemand auf, um etwas zu singen oder Wolfgang holte die Gitarre raus und spielte los. Und sie reisten wieder, mit fünf Mann nach Krakau und im Winter an die Ostsee. Wolfgang hatte für solche Touren extra einen VW-Van gekauft.

Als er ihr sagte, dass er nicht mehr mit ihr befreundet sein könne, war er schon seit einigen Jahren mit einer neuen Freundin zusammen. Immer wieder fragt sie sich, warum er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt beschlossen hatte, dass für ihre Freundschaft in seinem Leben kein Platz mehr sei. „Beide Beziehungen sind nicht möglich“, sagte er nur.

Sigrid Gwiasda erfuhr über Umwege von Wolfgangs Krankheit. Ein Jahr nach ihrem letzten Treffen hielt sie es dann nicht mehr aus. Sie kaufte Blumen und fuhr zu seiner Wohnung. Am Eingang traf sie seine Freundin. Wolfgang Müller war schon seit einem Monat tot.

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