Wirtschaft : Geb. 1944

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Als die SPD „Linksabweichler“ ausschloss, empörten sich viele. Der Student Retzlaff schrieb keine Aufrufe, keine Flugblätter. Er schrieb eine Hausarbeit: „Ausschlussverfahren und innerparteiliche Demokratie“.

1968 hatten die meisten gerade etwas anderes vor. Erst recht, wenn sie so jung waren wie Horst-Jürgen Retzlaff. Erst recht, wenn sie in Berlin wohnten und jeden Tag zur Uni gingen. Die einen machten Politik, überall, auf Straßen und in Hörsälen - Horst-Jürgen Retzlaff machte seine Prüfungen. In Politik.

Am 16. 12. 1968 erhielt er vom Otto-Suhr- Institut das Prädikat „gut“. „Innenpolitik“ war sehr gut bis gut, „Theorie der Politik“ ausreichend, „Islamkunde“ sehr gut. Andere empörten sich, dass die SPD „Linksabweichler“ aus der Partei ausschloss. Ristock, Beck, Gerull in Berlin. - Aber der Student Retzlaff schrieb keine Aufrufe, keine Flugblätter – er schrieb eine Hausarbeit: „Ausschlussverfahren und innerparteiliche Demokratie“.

Ein Student, der studierte. 1968 zeugte das von einem gewissen Eigensinn. Vielleicht dachte Horst-Jürgen Retzlaff, wenn die Zeiten sich überschlagen, braucht es auch Menschen, die sie durchschauen. Das ist Arbeitsteilung. Und Horst-Jürgen Retzlaff beschloss, das Dinge-Durchschauen zum Beruf zu machen. Er wurde Journalist.

Journalisten, die die Dinge noch mehr durchschauen als andere, sind Kommentatoren. In der Nachrichtenredaktion von Radio Bremen fing er an, kam aber bald zurück nach Berlin. Er ging zum RIAS. Im RIAS saßen Menschen mit sehr verschiedenen Aufgaben. Die einen mussten jeden Morgen das „Neue Deutschland“ lesen. Das war die Redaktion Ostpolitik. Retzlaff konnte arabisch lesen, der Nahe Osten war sein Spezialgebiet, und die Zeitung dieses allernächsten Ostens zu studieren, war schließlich auch eine Art Arabisch-Lesen. Trotzdem – der gebürtige Warener schloss sich lieber den Außenpolitikern um Eberhard Körting an.

Und da blieb er, sprach Kommentare, entwarf politische Sendungen und dachte ab und zu zwischen Mikrofonen und Mischpulten, was für eine ungeheure Verantwortung ihm doch zugefallen sei. Er, Horst-Jürgen Retzlaff prägte mit, was die Menschen im Westen wie im Osten nun von der Welt dachten. Die einen machen solche Erkenntnisse leichtsinniger, die anderen machen sie schwerer. Retzlaff gehörte zu den letzteren.

Nicht nur eine Meinung haben, wissen sollten seine Hörer. Irgendwann hatte der RIAS befunden, ein wenig englische Gesprächskultur könne so einem amerikanischen Funkhaus nicht schaden. Die Sendung „Darüber läßt sich streiten“ entstand. Kein Polit-Talk, nein, in guter Oxford-Manier diskutierten etwa Retzlaff, Friedrich Luft und ein Tagesspiegel-Mitarbeiter mit Kollegen von der BBC. Zwanzig Jahre machten sie das. Es war ein bisschen wie Florettfechten – Eleganz, wusste Retzlaff, ist schließlich kein Merkmal von Kleidern, sondern zuerst ein intellektuelles. Wir haben das nur vergessen.

Aber Eleganz allein ist nicht genug. Eleganz ohne Eigen-Sinn ist leer. Allerdings ist der Eigensinn eine nicht sehr umweltverträgliche Eigenschaft. Man muss ihn sich leisten können. Hätte Horst-Jürgen Retzlaff nicht dieses Feature über den türkischen Genozid an den Armeniern gemacht, hätte der ergrimmte türkische Konsul nicht den RIAS besuchen und sich über seinen Außenpolitik-Redakteur beschweren müssen. Hätte der Nahostexperte Retzlaff nicht in durchaus eigensinniger Weise die Politik des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Schamir kritisiert, hätte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Heinz Galinski sich nicht so sehr über ihn ärgern müssen.

Der Journalist Retzlaff besaß aber außer seinem Eigensinn noch eine hochproblematische Eigenschaft. Er konnte, was er gesagt hatte, auch nicht einfach wieder zurücknehmen. Aus einem ganz einfachen Grund: Er hatte vorher darüber nachgedacht. Das gehörte zu seinem Berufsbild. Fürs Einfach-Zurücknehmen, dachte Retzlaff über Retzlaff, wusste er zu viel. Er glaubte auch nie wie die USA, dass der Feind meines Feindes automatisch mein Freund sein könne. Dass die USA einst den Irak unterstützten, nur weil er auch gegen den Iran war, hielt Retzlaff schon damals für einen Fehler – und sagte das.

Die Kollegen kannten das schon: Retzlaff wusste immer ein bisschen mehr als andere. Er kannte Tschetschenien, als seine Kollegen den fremden n zum ersten Mal aussprachen und so wenig Ahnung hatten, wo das liegen könnte, wie noch vor einem Jahr der amerikanische Präsident von Afghanistan.

Retzlaff hatte Gogol, Puschkin und die anderen gelesen. Er war beim „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ nicht nur zuständig für englisches Florettfechten, er war zugleich ein Mitwisser der russischen Seele. Er liebte seine Russen. Die Russen lieben in einem amerikanischen Funkhaus? Niemand fand das verdächtig. Er war eben so gebildet, sagen die Kollegen.

Aber trotzdem kein Elfenbeintürmler. Die Achtundsechziger haben nichts so verachtet wie die Elfenbeintürmler. Vielleicht, weil sie den Ausblick von oben nicht kannten. Man sieht gut von oben. Wer das Dinge-Durchschauen zum Beruf gemacht hat, kann solche Standorte schätzen. Der Nahostexperte Horst-Jürgen Retzlaff schaute wie vom Mastkorb aus – direkt hinein in die Gegenwart.

Natürlich bleibt da immer ein Abstand. Das liegt an der Höhe der Mastkörbe und an der natürlichen Kühle von Kommentatoren. Aber manchmal ließ Horst-Jürgen Retzlaff sämtliche Abstände hinter sich. Eigentlich sollte „Die krasse Kassandra“ nur ein Rosenmontagsspaß der Redaktion werden. Dann wurde die Rundfunksendung für den internen Gebrauch eine Institution. Retzlaff schrieb Beatles-Texte um, verbesserte Drafi Deutscher, so dass ein politischer Liedermacher aus ihm wurde, er bedichtete erzgebirgische Großmütter und verpflichtete Theaterschauspieler nächtelang zum Vorlesen und Vorsingen selbst geschriebener Texte.

Die Kollegen waren erstaunt. Sie hätten es wissen können: die Dinge durchschauen – in jedem Kommentator steckt schon ein Kabarettist. Kerstin Decker

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