Wirtschaft : Geb. 1944

Thomas Til Radevagen

Christian Deutschmann

Thomas Til Radevagen

Bin im Moment im höheren Stand der Selbstbeanspruchung. Streue Ideen, nutzlose, nützliche – und bin nicht in der Lage, meine eigene Reproduktion abzusichern“. Die E-Mail hat er Anfang 2001 an einen Freund geschickt. So nüchtern war er immer, bis zum Schluss.

Mit dem Leben ist das so ähnlich wie mit den Motten im Kleiderschrank. Wenn sie die ersten Löcher in die Wollsachen fressen, macht man noch Jagd auf sie. Dann aber siegt – ja, was: das Phlegma oder die Einstellung, die ihm, dem buddhistisch Angehauchten, nicht schwer fallen konnte? Lass sie doch, es ist der Lauf der Welt. Sollen sie sich an der Glühbirne versengen. Was aber, wenn sie das nicht tun? Läuft man dann, um seinen Stoizismus zu behaupten, in löchrigen Klamotten herum?

Nicht, dass er sich in solchen Grübeleien verlor. Es waren nur so Gedanken, die halfen, über die Niederlagen hinwegzukommen. Wenn wieder mal das Notebook kaputt war, der Drucker im Eimer, das Faxgerät, die Waschmaschine. Wenn es wieder eine Absage gab von einem Verlag, von einer Produktionsfirma, wenn der Vermieter kündigte. Und zu guter Letzt noch die Sache mit den Füßen. Drei Wochen Klinik, dann Gehgips und, wenn nicht Kur so wenigstens Reha. Aber dafür mussten erst wieder die Beiträge für die Krankenkasse bezahlt werden, die ihm gekündigt hatte.

Immer wieder waren es die Freunde, die ihm halfen. Manchmal halfen auch Träume: Beim Einkauf für die Lebensmittel-Kooperative im Bieneninstitut kam der Gedanke: Was, wenn man Imker würde auf dem Lande? Oder man könnte ein Kino pachten, in dem man das Programm zeigte, das einem selbst gefällt. Til war zu nüchtern, solchen Konjunktiven allzu lange nachzuhängen.

Aber der Traum vom Kino blieb. Immer schon war es der Fluchtpunkt alles dessen, was ihm wichtig war. Als Vorsitzender des studentischen Filmclubs in Marburg war er eine Autorität, Ende der Sechziger, als zur Leidenschaft fürs Kino die für alles Aufmüpfige und Linke hinzukam. Ebenso spröde wie achtunggebietend, so erinnert sich einer, der Til damals erlebte, sei sein Auftreten gewesen. Es muss seine glücklichste Zeit gewesen sein. Unbekümmert in Neuland vorstoßen, Möglichkeiten entdecken, Utopien nachhängen, die noch lange nicht „ausdiskutiert“ waren.

Irgendwann erlag er dem Sog, der von Berlin ausging – auch so eine Hochburg der Linken. Da studierte er Medienwissenschaft an der TU. Das Faszinosum als Objekt der Aufklärung, die amerikanische „Holocaust“-Serie, „Jud Süß“ oder der neue „Tatort“ wurden da studiert, analysiert, in ihren Wirkungen abgetastet, und aus alldem wurden Buchprojekte. Til ging darin auf. Dass das Private dahinter verschwand: vielleicht besser so.

Der Anschluss ans Berufsleben klappte einigermaßen. Die Arbeit in der Zitty-Redaktion betrieb er gewissenhaft und mit Ideen. Warum er Mitte der neunziger Jahre den Job aufgab, darüber sprach er nicht viel. Wollte man ihn nicht mehr haben? Kam der Eigenbrötler mit den Kollegen nicht zurecht, oder wollte er sich mehr den eigenen Projekten widmen: Krimis, Drehbücher, Jurytätigkeiten, manchmal auch Phantastischerem?

Wenigstens fürs Existenzminimum reichten die Filmkritiken, die er regelmäßig für eine Fachzeitschrift schrieb. Während dessen recherchierte er Krimiplots, reiste zu Festivals um den halben Erdball, knüpfte Freundschaften in Locarno, auf dessen Festival er zu Hause war. Auf seinem Schreibtisch häuften sich die Skripte und daneben die Ablehnungsbescheide. Die Spielregeln beim Film sind hart. Die erfolgreiche Dokumentarfilmerin, die ihm im Wartezimmer des Arbeitsamtes gegenübersaß, wollte ihn nicht wiedererkennen, und auch er blieb diskret.

Mit der Zeit hat er gelernt, Umwege um das Schneckenhaus zu finden, in das er sich so gerne verkroch. Vielen, die ihn kannten, schien es, als trage er ein Geheimnis mit sich herum. Eine Wunde, eine verborgene Leidenschaft. Wenn ihm etwas zu nah ging, konnte er verstummen, plötzlich, manchmal über Stunden. Aus seiner Kindheit war einiges durchgesickert, vom Stiefvater, mit dem er sich überworfen hatte, von der Mutter, die Til über alles liebte, und die früh starb. Vielleicht war es die Suche nach der Familie, die ihn Freundschaften so sehr pflegen ließ, Freundschaften mit Familienanschluss, Freundschaften, die immer mal auf die Probe gestellt wurden, die aber Jahrzehnte hielten.

In seinem Kopf muss es pausenlos gearbeitet haben. Das bekamen zum Beispiel die zu spüren, mit denen er auf Ski- oder Wandertouren unterwegs war, die er so liebte. Da taten sich die schönsten Gebirgspanoramen vor ihm auf, und er redete und redete und redete. Wenn nichts mehr half, gab es Krach: Kannst du mal bitte aufhören damit!

„Ich kann nicht mehr so große Portionen essen“, sagte er eines Tages unvermittelt, als er mit Freunden beim Essen saß. Ein Alarmsignal. Dass es der Magen war, erschien ihm logisch: „Wenn man immer alles in sich reinfrisst“.

Als es schlimmer wurde, der Tumor längst andere Organe erreicht hatte und Til in der Klinik lag, bewährte sich sein großes Talent für Freundschaften. Rasch entstand ein Netzwerk für alles, das zu erledigen war. Über seinen Zustand machte er sich keine Illusionen. „Mein armseliges, abenteuerliches Leben“, das sagte er so mitten hinein in ein Gespräch.

Das Foto, das sein Freund Robert auf einer Tour durch Böhmen gemacht hat, auf dem er mit ausgebreiteten Armen auf einer Wiese liegt und glücklich in den Himmel guckt, stand bei der Trauerfeier neben dem Rednerpult. Es war das Letzte, was die Freunde von ihm zu sehen bekamen, eine Erinnerung daran, wie Til bei allem Ungemach auch sein konnte.

Der Wunsch, Leser für seine Romane zu finden, wird ihm vielleicht mit einer Internet-Seite erfüllt, an der die Freunde arbeiten. Sein Wunsch nach Familie wurde ihm am Ende so erfüllt: Er hat die letzte Ruhe im Familiengrab seiner Freunde Marlies und Robert auf dem Französischen Friedhof an der Chausseestraße gefunden.

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