Wirtschaft : Geb. 1945

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Warum jetzt, das Sterben?, hat eine Freundin sie in einem Brief gefragt. Warum nicht jetzt?, schrieb sie zurück. Es ist doch ein guter Zeitpunkt.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade. Das war so ein Satz, den Sabine Dau mochte. Eine mathematische Definition und zugleich eine Lebenshaltung: keine Schnörkel, keine Ausflüchte, sei es, um Zeit zu gewinnen. Als sie im Februar aus dem Fitness-Studio kam und Rückenschmerzen hatte, ging sie gleich zum Arzt. Und nach der langen Untersuchung bat sie ihn, offen zu sagen, wie es um sie steht.

Lungenkrebs, sagte er, fortgeschritten, nicht operierbar und nicht bestrahlbar. Eine Chemotherapie, ja die ginge, brächte aber keine Heilung mehr.

Gut, sagte Sabine Dau, wenn das so ist, dann ist das so. Dann ist es jetzt, in meinem 57. Lebensjahr, Zeit zu sterben.

Carl Dau sitzt auf der halbrunden Terrasse in Zehlendorf und staunt über seine Frau. Was er von ihr alles lernen konnte, über das Leben, über den Tod. Was das Leben mit ihr aus ihm gemacht hat.

Er war 21, Matrose, und hatte, wie es sich für einen solchen gehört, ein paar wilde Jahre hinter sich. Sabine war 18, ging noch zur Schule. Ein stilles Mädchen aus gutem Hause, das keinen Blick für ihn übrig hatte. Trotzdem begann er, hartnäckig um sie zu werben.

Warum? Lachen konnte sie wie die anderen jungen Mädchen. Aber dann war da noch etwas ganz anderes. Ein größerer Ernst, eine Konzentriertheit, eine innere Kraft. Etwas, was er damals spürte, aber noch nicht begriff.

Später, im Studium, schrieb sie eine Seminararbeit über das Undinen-Phänomen. Undine, die Meerjungfrau, die nur einmal im Leben lieben kann. So wie Sabine. Wenn sie einmal hinsah, blieb ihr Blick endlos hängen, wie ein Lichtstrahl war ihre Aufmerksamkeit auf einen Menschen, ein Thema gerichtet. Und irgendwann hat sie ihn, den Dau, dann halt doch angeschaut.

Ihr Vater war Studienrat in Uetersen, einer kleinen Stadt im Norden von Hamburg. Die fünf Kinder gingen aufs Gymnasium, lernten Sprachen, Geige, Klavier. Die Jungs wurden Juristen, die Mädchen Lehrerinnen. So war es vorgesehen und so geschah es. Ein Seemann ohne Abitur passte da nicht gut ins Bild. „Wie ein Orang Utan im Nonnenkloster“ kam Dau sich am Anfang vor. Als erste Maßnahme der Annäherung hängte er für Sabine die Seefahrt an den Nagel. Sie ging zum Studieren nach Berlin, eingeschrieben für Anglistik und Romanistik. Der ehemalige Matrose staunte, wie Sabine sich in einen altfranzösischen Text vertiefen konnte. Für die erste Seite der Übersetzung brauchte sie fünf Tage, für die zweite drei, für die vierte nur noch ein paar Stunden. Er machte in der Zwischenzeit sein Abitur. Später lernte er Goldschmied, studierte an der Hochschule der Künste, wurde schließlich eine bekannter Schmuckdesigner mit eigener Manufaktur. So fing es an, ihr gemeinsames Leben.

Und so hörte es auf:

Vier Wochen hatten sie Zeit, zusammen auf der halbrunden Terrasse zu sitzen, umrankt von wildem Wein, von Mitte April bis Mitte Mai. Sabine war aus dem Krankenhaus entlassen worden und wurde jetzt von Ärzten des Vereins „homecare“ zu Hause betreut. Engagierte Ärzte, die sich um Krebspatienten kümmern, die keine Hoffnung auf Heilung mehr haben, und die in Würde und möglichst ohne Schmerzen sterben sollen.

Jeden Tag kochte ihr Mann für sie, und dann saßen sie in der wärmenden Frühlingssonne. Und sie sagte: Weißt du, wir haben so viel Glück gehabt. Zwei Kinder großgezogen, die in den Gärten der Zehlendorfer Nachbarschaft toben konnten. Zwei Berufe glücklich ausgefüllt. Über 35 Jahre lang verheiratet, ohne aneinander müde zu werden. Uns gegenseitig ergänzt, die Reflektierte und der Vitale, der sie aus dem Elfenbeinturm herausholte. Viermal hat sie ein Jahr Auszeit vom Beruf nehmen können. Im letzten Jahr waren sie zusammen für drei Monate in Südfrankreich, und er lernte endlich Französisch.

Warum jetzt, das Sterben, hat eine Freundin Sabine in einem Brief gefragt. Warum nicht jetzt?, schrieb sie zurück. Es ist doch ein guter Zeitpunkt. Anders als vor 20 Jahren, als ihre zweite Tochter gerade ein halbes Jahr alt war und sich plötzlich die Lymphknoten am Hals gefährlich entzündeten. Da hatte sie Angst. Doch jetzt? Jetzt stehen die Töchter auf eigenen Beinen, die eine ist Ärztin, die andere lernt gerade, Holzblasinstrumente zu bauen.

Nachts spritzte Carl Dau seiner Frau Morphium. Seit Februar wusste sie, dass der Tod kommen würde. Aber sie hatte das Versprechen ihres Mannes, dass sie keine Schmerzen leiden müsste. Dass sie nicht im Krankenhaus sterben würde. Und dass er in der Stunde des Todes ihre Hand halten würde.

Am 14. Mai war es soweit. Das Atmen brachte keine Luft mehr, ein Lungenflügel arbeitete nicht. Auf der anderen Seite füllte Wasser den Raum zwischen Lunge und Rippenfell. Es stieg immer höher.

„Wir müssen punktieren“, sagte der Arzt, „damit das Wasser ablaufen kann“.

„Und dann?“

„Dann kommt neues Wasser.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Dann muss ich Sie so stark unter Morphium setzen, dass Sie einschlafen. Und dann werden Sie nicht mehr aufwachen.“

„Gut“, sagte Sabine, „Was muss ich tun?“

Ein Papier musste sie unterschreiben, dass sie ihr Leben mit medizinischen Mitteln nicht mehr verlängern wollte. Dann schloss der Arzt sie an eine Morphiumpumpe an, gegen die Schmerzen und die Qual des Erstickens. Sie legte sich ins Bett, ihr Mann setzte sich ans Fußende. Sie sprachen über die Kinder und tranken eine Flasche Rotwein.

Dann schlief sie ein.

Ich habe natürlich geweint, sagt Carl Dau über die letzten vier Wochen mit Sabine. Aber ich hätte auch jeden Tag pfeifen und singen können. Jeden Tag waren wir so fröhlich zusammen. Kennen Sie den Indian Summer, wenn die Nächte schon kalt sind? Man weiß, der Winter kommt, die Spinnenfäden fliegen, die Blätter färben sich. Aber die Tage sind klar und warm. Wir wussten, es konnte jeden Tag zu Ende gehen. Das machte uns euphorisch.

Könnte es sein, dass das Sterben auch eine Vollendung des Lebens sein kann?, schreibt ein gemeinsamer Freund in einem Brief. Eine Erfahrung der Selbstbestimmung und des Miteinander? Ein Sterben mitten im Leben? Wenn ich mir das vorstelle, schreibt der Freund, dann spüre ich auch eine ganz, ganz leise Freude. Kirsten Wenzel

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