Wirtschaft : Geb. 1945

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Er war Lateinlehrer, und in der Hausgemeinschaft kümmerte er sich ums Zusammenleben. Er mochte Regeln.

Eigentlich mochte er Wohngemeinschaften nicht. Zu laut, zu chaotisch, zu unübersichtlich. Trotzdem hat Hansjörg Wölke mehr als zwanzig Jahre in einem Wohnprojekt in Friedenau gelebt. Seine Frau hatte ihn überzeugt. Vielleicht hielt er es aus, weil in dem Altbau jeder seine eigene Wohnung hatte, weil man die Unordnung der anderen nur bedingt wahrnehmen musste – auf einer der vielen gemeinsamen Sitzungen.

Bald war Wölke der Buchhalter des Hauses: Wenn Nägel besorgt werden mussten, sollten sie die nächsten zehn Jahre überdauern, wenn eine Bank bessere Konditionen anbot, überzeugte er die Mitbewohner, dorthin zu wechseln. Er fühlte sich verantwortlich. Für alles. Immer.

Hansjörg Wölke ließ sich auf Dinge nie oberflächlich ein, er machte sie sich zu eigen, wollte ihnen auf den Grund gehen. Wenn es Streit im Haus gab, schlichtete er nicht, sondern versuchte die Wahrheit herauszufinden, wollte wissen was wirklich geschehen war. Wenn er Unrecht vermutete, wurde er dann manchmal auch wütend, laut.

Auf die Hausversammlungen bereitete er sich lange vor, brachte Blätter mit, auf denen er seine Argumente notiert hatte. Bei der Diskussion über den Einbau einer zusätzlichen Toilette im Haus sprach er dagegen und schloss seine Rede mit den Worten: „Das ist doch so, ne?“ Er hatte meistens Recht.

Einmal in der Woche, am Samstag, aßen alle Bewohner zusammen Mittag. Hansjörg Wölke führte eine Liste, wer mit dem Kochen an der Reihe war, Ungerechtigkeiten duldete er nicht. Er war ein Mann der Regeln mochte, die das Leben strukturieren.

Früher, in der Schule war er immer der Beste, ohne dass er sich besonders dafür anstrengen musste. Während die anderen nach Schlagern tanzten, interessierte er sich für die Grammatik, entdeckte seine Liebe zu Latein und Altgriechisch. Mit 12 Jahren sagte er zu seiner Mutter: „Ich weiß genau, was ich werden will. Ich werde Lehrer.“

Seine Frau Katharina lernte er bei den evangelischen Jugendstunden kennen, er war 25, sie 15. Ein kleiner Skandal. Der Pfarrer sagte, er solle seine minderjährige Freundin bitte nicht mehr mitbringen. Später heirateten sie. Er studierte an der FU die alten Sprachen, bekam eine Assistentenstelle im Fachbereich Byzantinistik. Ihre Urlaube verbrachten die Wölkes jetzt fast immer in Griechenland, sahen sich die alten Tempelanlagen an, wanderten, und er träumte davon, irgendwann auch noch Neugriechisch zu lernen. Erst als die Tochter mitreiste, legten sie sich mal an den Strand.

Mit Mitte Dreißig erfüllte sich seine Prophezeiung: Hansjörg Wölke wurde Lehrer am Gymnasium in Steglitz, später am Arndt-Gymnasium. In der Schule erschien er stets im Anzug – er nahm seinen Beruf ernst. Die Spaßgesellschaft hat er verachtet, und trotzdem versuchte er, seine Schüler auch im Lateinunterricht zu unterhalten. Er erzählte ihnen Details, wie viel Brot ein römischer Legionär vor zweitausend Jahren bekam zum Beispiel. Zu Hause übersetzte er für seine Schüler Asterix-Comics ins Lateinische, dachte sich Kreuzworträtsel und Vokabelbingospiele aus. Und er ließ die Schüler Staffeln bilden: Wer die lateinischen Formeln am schnellsten entschlüsselte, rannte vor zur Tafel.

Einmal im Jahr lud er seine Schüler zum Grillen ein. Es gibt einige, die wegen seines Vorbildes später Lehrer geworden sind. Seine eigene Tochter allerdings lehnte es ab, die alten Sprachen zu lernen. Hansjörg Wölke beklagte sich darüber bei seiner Frau und in traurigen Briefen an Kollegen.

1995 stellten Ärzte ein Geschwulst in Wölkes Kopf fest. Zu Beginn ignorierte er es, arbeitete weiter bis im vergangenen Jahr ein großer Tumor in seinem Hirn diagnostiziert wurde. Er wucherte auch in jene Region, in der die Worte entstehen, ins „Sprachzentrum“. Hansjörg Wölke kämpfte bitter gegen die Krankheit, übte mit einer Logopädin Sätze. Es wurde schlimmer. Irgendwann konnte er nicht mehr unterrichten und mied auch die Versammlungen im Haus.

Hansjörg Wölke, der ein Leben lang die Sprache liebte, hat sie am Ende verloren. Jana Simon

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