Wirtschaft : Geb. 1945

Dorothea Bodin

Gregor Eisenhauer

Dorothea Bodin

Ganz in die Tiefe mochte sie eigentlich nicht gehen. Oder zu emotional werden. Sie war Lehrerin, gerne Lehrerin gewesen, aber wichtiger war das Freibad Halensee. Da fuhr sie im Sommer jeden Tag hin bei gutem Wetter, bis zuletzt, Taxe Halensee, Taxe retour ins Brendel .

Im Freibad kannte sie jeden Spatz in ihrer Nähe, die wurden täglich abgezählt. Im Freibad war auch immer einer, der ihr half, die Liege aufzubauen, der einen Kaffee brachte, und mit dem man über Politiker staunen konnte, die Schwimmbäder schließen.

Die finale Katastrophe wäre das gewesen, wenn sie das Halenseebad vor ihrem Tod dicht gemacht hätten. Woanders hinfahren? Schon klar, aber anderswohin fahren ist nicht so einfach, wenn man an Muskelschwund leidet, Dystrophie.

Es war zwar immer einer zur Hand, alles war verteilt, auf viele Schultern, auch zuHause, belasten musste sie keinen ihrer Freunde, nicht so jedenfalls, dass es unangenehm geworden wäre. Aber jeder Tag brachte eine Menge Aufwand. Deshalb die Rituale. Bestimmte Dinge mussten auf bestimmte Art gemacht werden. Und zu ganz bestimmten Zeiten.

Tagsüber Halensee, oder bei schlechtem Wetter die Sonderbar, abends dann ins Brendel essen. Wenn Sommerpause war oder Weihnachten, Sylvester, die Krisenzeiten, dann ging sie auch mal zum Chinesen. Aber ansonsten: Immer der gleiche Platz im Brendel. Immer Extraportion, extra klein, ein Aschenbecher voll Suppe oder einen Krabbensalat. Immer zwei Bier. Höchstens drei.

Um sechs Uhr versammelte sie dort alle um sich, Nachbarn, Freunde, die Passanten des Tages. Ab acht, halb neun fiel es ihr schwer, gerade zu sitzen. Dann musste jemand sie zurück nach drüben führen, in ihre Wohnung.

Es waren nicht mehr als zwanzig Meter, aber zwanzig Meter sind eine lange Strecke, wenn jeder Zentimeter schmerzt. Drüben, im Eingang, war eigens für sie ein Handlauf montiert worden, an dem zog sie sich mühsam hoch: drei Treppenstufen.

Es hat lange gedauert, bis sie den Rollstuhl akzeptierte. Und den Pflegedienst. Denn sie war eitel. Immer ein kleines Seidentuch in der Tasche, immer apart. Tiefbraun natürlich, gegerbt von der Sonne, so intensiv, dass sie auch an Hautkrebs hätte sterben können. Die Haare streng geföhnt und mit der Rundbürste in Mireille-Mathieu-Fasson gebracht. Die Zehennägel akkurat lackiert. Silber. Bei Sonnenkindern kommt Silber gut. Und der blassrosa Lippenstift, den sie aus der ganz, ganz leichten Handtasche zog. Sie konnte ja nicht schwer tragen.

Einen Mann gab es nicht. Es gab mal einen Verlobten, als sie noch in Freiburg studiert hatte. Er wurde erwähnt, „den gab es mal, wir waren mal verreist…“ – aber was aus ihm geworden ist, da wurde nie drüber gesprochen.

Ganz in die Tiefe mochte sie nun mal nicht gern gehen. Vielleicht hatte es auch mal eine wilde Zeit gegeben, da war noch eine Freundin geblieben, die nicht gerne trank, zumindest nicht gerne Kaffee oder Fruchtsäfte, und die nicht so ganz ins Charlottenburger Quartier passte, aber auch der hielt sie die Treue. Überhaupt entließ sie nicht gern Menschen aus ihrem Kreis, auch wenn er immer größer wurde, denn sie war unersättlich auf Menschen, kleine wie große. So schlecht konnte es ihr eigentlich nie gehen, dass kein Kind aus der Nachbarschaft zu Besuch hätte kommen dürfen.

Aber sie hat früh gespürt, dass sie nicht die Stärkste ist – und sich darauf eingerichtet. Sie wohnte im Erdgeschoss, Wohnzimmer, Schlafzimmer, alles in weiß. Selbst die Blumen sollten nur weiß sein. Die einzige CD: der Bolero. Ansonsten zentral der Fernsehapparat, der von früh bis spät lief. Am Morgen am liebsten was Bildendes, am Abend Biolek, den kochenden und den quatschenden. Zuletzt hat sie sich nur noch im Wohnzimmer aufgehalten.

Sie mochte sich einfach nicht mehr groß bewegen. Liegen. Sitzen. Hof halten. Im Cafe, im Restaurant. Am Sophie-Charlotte-Platz. Dort saß sie dann, bei schönem Wetter, hat Kreuzworträtsel gelöst und jeden ins Gespräch gezogen, der vorbei kam. Und wenn er nicht vorbei kam, hat sie ihn heran gewunken.

Und jeden einzelnen Kontakt notierte sie fein säuberlich. Fast zwanzig Jahre lang hat sie täglich ihre Begegnungen in ihrem Notizbuch vermerkt, ohne viele Worte zu machen: Brigitte, Kaffee getrunken, schön.

Nur Statistik. Aber wenn einer behauptete: „Damals war doch das und das…“ Da hatte sie den Tag parat. Und alle Ereignisse: Alles notiert. Keine Chance auf Einspruch. Für niemanden. Und wenn es doch einer wagte, dann vermerkte sie: „Streit“. Und natürlich die Dauer. Und ob die Chemie zwischen ihr und der Person nun auf ewig gestört war oder nicht. Denn Bevormundung hasste sie. Wenn einer mit dem klugen Rat kam: „Geh doch mal zum Arzt!“ Dann hat sie die betreffende Person erst mal eine Weile nicht mehr so gern gemocht. Klar, sie hat Kette geraucht. Aber ihre größte Sorge dabei war, dass ihr der Vorrat ausgehen könnte. Im Backofen, im Küchenschrank, überall lagen die Stangen. „Was bleibt mir sonst?“ Schließlich war klar, sie konnte keine Hundert werden.

Was sie wirklich bereut hat? Dass sie in jungen Jahren mal Mitglied in der FDP gewesen war. Ansonsten war sie ganz zufrieden. Und was das Ende anging, als dann die Wirbel brachen, weil ihre Knochen mürbe wurden, und sie vor Schmerzen zusammenbrach, und als sie eingeliefert werden musste: „Tod ist Tod. Operieren lass ich mich nicht! Dann werde ich jetzt eben sterben.“ Und das tat sie dann. Sie wusste ja, dass am nächsten Tag alle im Brendel sitzen würden.

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