Wirtschaft : Geb. 1946

Frank-Werner Wolke

Ingo Wolff

Seine Musiker hatten Zahnlücken. Sein Orchester hieß: „Die einzige Grundschul-Big-Band der Welt“

Wolken gleiten langsam vorüber und scheinen so unerreichbar. Doch ab und an steigt eine zu uns herab und bringt ein Stück vom Himmel mit. Dann möchte sie was erleben und gesellig sein.

Schenk den Kindern Musik und du bekommst Gesellschaft. Frank-Werner Wolke hat das gesagt, und er hat danach gelebt. Die Idee war entsprungen aus seiner ersten Liebe: der für die Musik. Als Vierjähriger gewann er seinen ersten Preis – bei einem Wettbewerb im Kaufhaus des Westens. Frank- Werner wurde größer, die Ansprüche auch. Erst das Musikstudium, finanziert über Auftritte mit seinem Akkordeon, und dann der Beruf – Musiklehrer an einer Grundschule. Bei den ganz Kleinen, da kann man noch was bewirken: In Lichtenrade, einem Bezirk, der viele Hochhäuser hat und viele Kinder, die darin wohnen. Frank-Werner Wolke wohnte auch im Hochhaus; er sah, wie es den Kindern dort ging. Er wollte sie herausholen aus den Siedlungen, ihnen Halt geben.

Sie bekamen Instrumente von ihm. Instrumente, deren Namen viele Eltern nicht kannten, bis ihre Kinder ihnen Töne entlocken konnten. Neun- bis Zwölfjährige mit Oboe, Bratsche und Baritonsaxophon. Natürlich auch Schlagzeug, Geige und Trompete. Mit der Zeit wuchs ein Orchester daraus: die „Annedore-Leber-Grundschul-Big-Band“. Ein langes Wort für ein so kleines Orchester. Doch er fand schnell einen neuen Namen: „Die einzige Grundschul-Big-Band der Welt“. Vielleicht vermessen, aber dann war da dieser Professor aus Japan, und der hat ihm gesagt, dass selbst in seinem verrückten Land kein solches Orchester spielt.

Das sprach sich Anfang der achtziger Jahre rum, und die Musiker mit den Zahnlücken gingen auf Gastspiel: Eingeladen zum Rockfestival der Oberschulen, weil es keinen Wettbewerb für Grundschul-Big-Bands gab. Eine Reise nach Mülheim, eine triste Stadt im Ruhrpott, für 26 Berliner Schüler war es die große weite Welt.

Viele Einladungen folgten, Jahr um Jahr. Er spielte mit seiner Band beim Musiklehrertag in Hannover und fuhr als Vertretung mit dem Berliner Jungen Ensemble zur Steuben-Parade nach New York. Nicht nur für ihn ein Kindheitstraum. Er gab seinen kleinen Musikern das Gefühl, etwas Großes zu tun. Dennoch war keiner der Star. Das ging auch gar nicht, denn jedes Jahr wechselte die Besetzung. Der Star war das Orchester, und sein Dirigent Frank-Werner Wolke hatte nicht mit Starallüren zu kämpfen, sondern mit kindlichen Sorgen: Heimweh, klemmende Notenständer und Zahnlücken, die den Ton der Trompete verändern.

Aber es gab auch jemanden, der für seine Sorgen da war: Seine Frau war da, wann immer es „Haaa-Niiii“ von der Bühne schallte. Ohne Johanna lief gar nichts. Sie organisierte, er musizierte. In seiner Familie fand er den Ausgleich für seine musikalische Rastlosigkeit, war ein liebevoller Vater für seine Sonja. Doch er konnte auch anders, war stur und streng, wenn jemand zu spät zur Probe kam oder nicht geübt hatte. Jede Note zählte, selbst – nein gerade bei den Kindern. Er konnte in die Luft gehen wie das HB-Männchen. Sein Gesicht glühte hochrot, und sein großer Lockenschopf wippte in die Höhe.

Doch der Wolkenbruch dauerte nur kurz, nachtragend war er nicht. Nicht mal, wenn er endlos mit seinen Kollegen auf den Konferenzen um das Geld für die Instrumente stritt. Diese Diskussionen endeten erst, als er einen Förderverein ins Leben gerufen hatte. Er verstand es, die Eltern zu instrumentalisieren für ihre Kinder. Dafür gab er Geselligkeit zurück. Auf der Annedore-Leber-Schule gab es keine Schläger, nur Schlagzeuger.

Irgendwann begann da etwas, in seinem Kopf zu hämmern, und das war gar nicht rhythmisch. Ein Tumor, so groß wie ein Taubenei. Die Operationen unausweichlich, das Ende seiner Lehrer- und Orchesterzeit auch. Die Ärzte gaben ihm fünf Jahre. Er nahm den Kampf gegen seinen Körper auf, hat seine Krankheit nie angenommen. Er gab ihr erst nach, als es unausweichlich wurde – nach 13 Jahren. Frau und Tochter gaben ihm die Kraft, und das vierte Familienmitglied hielt ihn am Leben: die Musik. Er konnte nicht aufhören, musizierte weiter, natürlich mit anderen. Zuletzt vor zwei Jahren mit seinen ehemaligen Schülern, denen er mit dem „Lichtenrader Orchester“ einen Ort geschaffen hatte, wo sie nach ihrer Schulzeit weitermusizieren konnten. Dort wo er am liebsten auftrat: im Kulturlustgarten.

Auf seiner Beerdigung hat man ihn noch einmal singen hören. Drei seiner Ehemaligen begleiteten seine Stimme vom Band. „My way“, das Lied, das er Hanni zur Silberhochzeit gesungen hatte.

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