Wirtschaft : Geb. 1947

Wilfried Hähnel

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Immer wieder bekam er andere Jobs angeboten.
Warum hat er nicht zugegriffen?


Wer läuft schon schneller als sein Schatten? Willi Hähnel! Natürlich Willi, nicht Wilfried. Wer Willi heißt, hat nur Freunde auf der Welt. Und das ist auch gut so. Denn für die ist immer was zu tun.

„Hey Willi, schläfst du schon?“ „Ich? Nee, niemals, grade so geduselt, was liegt an?“ Ruhe? Wollte er gar nicht. 39 Jahre Express gelebt. Auf der Überholspur. „Schaff ich schon!“

Sein eigentlicher Geburtstag war mit sechzehn. Da sprang er aus dem Fenster des Krankenhauses, und war fortan auf der Flucht vor dem Tod. Besser gesagt: Er lief dem Leben hinterher. Always on the run.

Hodenkrebs. Fast immer tödlich, damals, in den Sechzigern. Die Bestrahlungen verbrannten ihm den Rücken, Brandmale der damaligen Brachialmedizin. Das konnte nicht gut sein, dachte sich Willi, ich will leben. Also weg!

Jobs? Wie viele Berufe gibt es auf der Welt? Willi hätte sie alle ausüben können. Reiseleiter war er, Fremdenführer, Konditor, Kellner, und natürlich Charmeur in jeder Lebenslage. Mit 18 hatte er richtig Geld. Geschäftsführer in einer Diskothek. Und immer Autos. Schöne Wagen, schnelle Wagen. Die Beifahrer schweißgebadet. Denn es ging häufig am Abgrund entlang.

Dann der Beruf, der ihn das Leben noch schneller leben ließ; und der ihn das Leben kostete: 27 Jahre Krankenpfleger in der Rettungsstelle.

Glaubt man den Bildern im Fernsehen, dann haben die Feuerwehrleute und Rettungssanitäter, die Unfallärzte und Krankenschwestern nur an einem Tag, in einem Land wirklich aufopferungsvoll gearbeitet, am 11. September, in den USA.

Aber dieser Krieg gegen den Tod wird jede Stunde, jede Minute geführt, in jedem Krankenhaus dieser Welt. Und die Frontlinie verläuft in der Ambulanz. Dort wird entschieden: die Schwerverletzten, die Leichtverletzten, dort müssen die Angehörigen beruhigt werden, dort ist der Kummer der Welt.

Natürlich, Willi hatte alles im Griff. Er war energisch, kundig, Autorität und Seelsorger in einem. Er hatte den passenden Witz, und die passenden Fragen. Und dieses Lächeln, das Ruhe gibt. Manchmal sind die Menschen wirklich am richtigen Platz. Und sie bleiben dort, auch wenn sie schäbig dafür bezahlt werden.

Immer wieder bekam er andere Jobs angeboten. Warum hat er nicht zugegriffen?

Willi brauchte die Nähe des Todes. Weil die Menschen dann ihre Masken fallen lassen. Ehrliche mochte er, Unehrliche nicht. Die Unterscheidung ist im Alltag nicht so einfach – in der Rettungsstelle fällt sie leicht. Da kann man nicht den Drückeberger machen, und heucheln schon gar nicht.

Viele Bilder des Elends. Viele vergisst man, verdrängt. Bis auf dieses Kind. Die Mutter hatte es auf dem Arm, wiegte es. „Sehn Sie, wie schwach es atmet. Bitte helfen Sie!“ Willi sieht das Kind an, dann die Mutter. Nimmt es in den Arm. Ein kalter, kleiner Körper. Seit Stunden tot. Er rennt damit auf die Intensivstation. Wider besseres Wissen. Aber nicht alle können dem Tod davonlaufen.

Der Job ist hart, aber Wilfried Hähnel ist glücklich. Natürlich. Er liebt Frauen, Frauen lieben ihn. Liebe auf den ersten Blick ist die Entschuldigung der Männer dafür, dass sie es eilig haben. Willi hatte es sehr eilig. Über die Zahl seiner Verlobungen gibt es die unterschiedlichsten Gerüchte. Sieben Mal, neun Mal. Drei Ehefrauen. Aber die Freunde waren ihm wichtiger. Anfangs. Eine neue Frau findet man immer, einen guten Freund selten. Machomanieren. Er konnte seiner Tanzpartnerin die Rippen brechen, nur um zu beweisen, wie gut er führen konnte.

Scheidungskind. Er wollte nie einsam sein. Also verließ er die Frauen, bevor sie gehen konnten. Immer das gleiche Spiel. Bis er irgendwann verlor. Er wurde das erste Mal von einer Frau verlassen. Willi verstand die Welt nicht mehr und griff zu Büchern. Lesen, hatte er immer geglaubt, ist Zeitverschwendung, denn in der Zeit kann man leben. Und Bücher hätte Willi auch selbst schreiben können, wenn er nur gewollt hätte: über die Reisen in die Wüste, mit dem Fahrrad durch Madagaskar, aber der ganze Wahnsinn – was ist er wert, wenn er nicht begriffen wird. Wilfried Hähnel kam ins Grübeln, wechselte den Lieblingswitz.

Da hat einer einen Wunsch frei. „Eine Brücke von Europa nach Amerika!“ Die Fee wiegt den Kopf. „Geht es nicht bescheidener?“ „Okay. Zweiter Wunsch: Ich will die Frauen verstehen.“ „Na gut!“, antwortet die Fee. „Wie viele Spuren soll die Brücke haben?“

Verlustangst ist ein seltsames Gift. In schwacher Dosierung erhält es Freundschaften, aber das Tückische ist: Sie wird stärker im Alter. Und unversehens wird aus einem, der immer stark war, und Stärke gab, einer, der ständige Nähe braucht. Und wenn ein Sieger den Glauben an sich verliert, stellt ihm der Teufel ein Bein.

Willi Hähnel starb an einer Krankheit, die er sich, so nimmt man an, auf der Rettungsstation geholt hatte. Meningokokken, Hirnhautentzündung – eigentlich sterben daran nur Kinder. Dramatischer Verlauf, die Bakterien gelangten in die Blutbahn, Sepsis. Einblutungen im ganzen Leib. „Diesmal schaff’ ich es nicht“, meinte er nur. Gregor Eisenhauer

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