Wirtschaft : Geb. 1947

Ursula Focken-Kielhorn

Kerstin Decker

Ursula Focken-Kielhorn

In Berlin machte die Krankengymnastin Ulla Focken aus Ostfriesland eine merkwürdige Erfahrung. Wenn Ärzte mit ihr redeten, hörte sie fast immer zwei Stimmen. Die, mit der sie sprachen, und noch eine unten drunter, die beharrlich zu wiederholen schien: „Ich als Arzt…“. Hieß das etwa: Sie als Nur-Krankengymnastin nicht? Sie als Krankengymnastin niemals? In Ulla Focken aus Wittmund wuchs ein Verdacht: Die nehmen mich nicht für voll. Das war die Ostfriesin nicht gewohnt. Ostfriesland ist ein sehr flaches Land, da begegnen sich die Menschen immer auf Augenhöhe. Ulla Focken fand diese Gepflogenheit sehr schön. Nun ist Berlin kaum alpiner als ihre Heimat. Die Erhebungen, von denen herunter man zu ihr ins Tal sprach, mussten anderer Natur sein.

Es gibt zwei Arten von Menschen. Die, die sich an ihre Tälerexistenz gewöhnen und die anderen. Ulla Focken gehörte zur zweiten Gruppe. Sie hatte keine Wahl, sie musste Medizin studieren. Es gab nur eine Schwierigkeit. Sie hatte gar kein Abitur. Ulla Fockens Tagesablauf änderte sich nun sehr. Tagsüber war sie weiter Krankengymnastin, abends wurde sie Abiturientin. Dann studierte sie Medizin. Bald würde sie auch eine Zweitstimme besitzen, mit der sie: „Ich als Arzt…“ sagen könnte. Sie war nicht sicher, ob sie das wollte. 1981 promovierte sie. Die einstige Krankengymnastin wurde Kinderärztin an der Universitätsklinik. Ohne Zweitstimme.

Ein paar Jahre später saß sie selbst beim Arzt. Keine große Sache, nur ein kleiner Knoten in der Brust. – Keine große Sache, bestätigte der Arzt. Operation, Bestrahlung, alles wird gut. Ulla Focken atmete auf. Sie hatte schon große Übung darin, sich nicht beeindrucken zu lassen. Nicht von Ärzten. Nicht von Diagnosen. Nicht von sich selbst.

Wie war das denn, als sie eines Morgens aufwachte und keinen Fuß mehr bewegen konnte, keinen Arm regen? Da war sie noch Studentin. Die Wände hatte sie hochgehen wollen vor Entsetzen und wackelte nicht mal mit dem kleinen Zeh. Ging nicht. Gelähmt! Wer sagt, dass das wieder weg geht? Die Freundinnen kamen mit dem Wer-sagt- dass-das-wieder-weggeht-?-Ausdruck im Gesicht und Ulla begriff, dass sie jetzt unbedingt lächeln musste, sonst brechen die zusammen. Sie lächelte. Obwohl sie schon manchmal das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Und dann, ganz plötzlich fiel die Lähmung von ihr ab. Am Ende konnte sie nicht nur Hände und Füße wieder gebrauchen, sondern hatte auch noch einen Mann. Die schöne Gelähmte auf seiner Station hatte dem Stationsarzt gefallen. Und falls sie einmal wieder aufsteht, dachte er – oder dachte sie es? – ist nichts ausgeschlossen. Ulla Focken heiratete einen Arzt. Auf Augenhöhe. Jetzt hieß sie Focken-Kielhorn.

Ja, sie wusste, worauf es ankommt. Ganz ruhig bleiben. Nicht den kleinen Zeh regen wie damals, dann wird alles gut. Und der Arzt hat es selber gesagt. Außerdem hatte sie gar keine Zeit, ernsthaft krank zu sein, denn ihr Kind war erst vier Jahre alt. Etwas später wuchs in Ulla Focken-Kielhorn ein Verdacht, so ähnlich wie der der Krankengymnastin vor vielen Jahren, nur schlimmer: War sie etwa diesmal auf die Ärzte-Zweitstimme hereingefallen? Auf diesen selbstgewissen „Ich als Spezialist…“-Unterton? Hat sie sich zu schnell beruhigen lassen?

Krankheit ist kein Lebensinhalt. Niemand kann sagen, dass Krebs einen Sinn hat. Aber wenn ich ihn habe, beschloss Ulla Focken- Kielhorn, dann soll das einen Sinn haben. Aus ihr wurde eine große Aufklärerin über Ärzte-Zweitstimmen. Aufklärerinnen sind Selbstbestimmerinnen. Meine Krankheit ist viel zu wichtig, um sie allein den Medizinern zu überlassen! Meine Krankheit gehört mir! - Sie brachte diese Botschaft bis vor das Parlament. Noch immer bekommt nur jede zweite Brustkrebskranke in Deutschland die optimale Behandlung. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Befund. Ulla Focken-Kielhorn gründete mit anderen einen Brustkrebs-Verein mit Beratungs-Hotline, denn Aufklärerinnen können sehr direkt sein.

Die Vereine, die sich Chancen auf Ulla Focken-Kielhorns Mitgliedschaft ausrechnen konnten, waren immer von solcher Direktheit: Gegen die Windräder und für die Kraniche im Rhinluch! Ein allgemeiner Naturkunde-Verein ist natürlich Unsinn, denn im Rhinluch wachsen ganz andere Pflanzen als neben dem Rhinluch. Und Ulla Focken-Kielhorn interessierte sich sehr für das Rhinluch. Sie gehörte zu den Menschen, die auf Wanderungen komplizierte Namen aussprechen, wo andere nur das Wort „Blume“ haben. Ihre Freundinnen bewunderten sie. Sie war der Typ Spezialistin – aber sie hätte viel lieber alles über das Rhinluch erforscht, als dieses neue Spezialistentum zu beginnen. Onkologin in eigener und fremder Sache.

Aufklärerinnen schonen niemanden, am wenigsten sich selbst. Und natürlich können sie sehr laut sein. Dabei sind Kranke eher zurückhaltende Menschen, nicht jeder kann sie dazu bringen, mit Trommeln und rosa Schals durch die Innenstädte zu ziehen. Ulla Focken-Kielhorn schaffte es. Natürlich in aufklärerischer Absicht. Sie schaffte es ja auch, dass Beinahe-Fremde mit ihr im Auto Lieder sangen. Ohne jede Zurückhaltung. Sie war eine Menschen-Öffnerin.

Kleinere Spezialisten erkennt man daran, dass sie ihr jeweils neues Spezialgebiet für den Mittelpunkt der Welt halten. Ulla Focken-Kielhorn war eine große Spezialistin. Sie konnte mit dem Satz „Ach, Sie haben Rheuma?“ eine Unterredung der intensivsten Art beginnen, an deren Ende der Rheumatiker plötzlich ein ungutes Gefühl hatte. War diese Frau nicht viel kränker als er und wir haben nur über Rheuma…?

Das Leben ist eine Organisationsfrage. Man muss Schwerpunkte setzen. Im letzten Frühjahr kam die Krankheit wieder, gegen die Ulla Focken-Kielhorn fast fünfzehn Jahre in immer neuen Runden gewonnen hatte. Also setzte sie wieder Schwerpunkte. Ulla Focken-Kielhorn richtete ihre Wohnung neu ein. Sie zog draußen die drückenden Schuhe an, weil die besser zum Rock passten. Früher hätte sie die bequemen genommen. Denn früher hatte sie auf anderes zu achten als darauf, ob die Wohnung schön genug ist oder ob ein Schuh zum Rock passt. Einmal fängt jeder an, neue Dinge zu tun. Wann, das entscheiden Selbstbestimmerinnen immer allein. Ihr Junge war jetzt groß, das war das Wichtigste. Der Ausflug in den unbequemen Schuhen war ihr letzter. Doch noch immer erfuhr sie Neues. Jetzt lerne ich alle eure Hände kennen, sagte sie den Freundinnen, die an ihrem Bett saßen. Sie sprachen nicht mehr viel. Es ging ihnen wie früher. Wenn sie von Ulla kamen, waren sie stärker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar