Wirtschaft : Geb. 1948

Gabriele Baum

Till Hein

Sie imitierte Karpfen und Freunde und spielte gerne Zirkus. Kindereien waren für die Erzieherin immer eine ernste Sache.

Zum Beispiel damals in Dänemark: Sie saß mit ein paar Freundinnen im Restaurant, und der Kellner verstand kein Wort. Gabriele Baum machte große Augen, nahm einen dümmlichen Gesichtsausdruck an, und öffnete mehrmals ganz langsam den Mund, als ob sie Luftblasen steigen ließe. Der Kellner kapierte sofort: Karpfen.

Doch nicht nur Tiere konnte Gabriele gut imitieren. Auch ihre menschlichen Zeitgenossen. Wenn sich Bekannte in die Haare gerieten, imitierte sie oft deren empörten Tonfall, und der Streit löste sich in Gelächter auf.

Gabriele Baum ist in Köln aufgewachsen. Eine lustige Stadt, aber zu katholisch. Sie musste da weg. Mit ihrem langen, goldblonden Haar hätte sie ohne weiteres bei ABBA in Schweden anheuern können. Sie bewarb sich stattdessen in einem Berliner Kinderladen. Gabriele liebte die Welt der Bühne, doch eine Karriere als Schauspielerin oder Sängerin hat sie sich nicht zugetraut.

Nicht zuletzt wohl wegen ihrer schwachen Gesundheit. Sie hatte es auf der Lunge. Schon in jungen Jahren litt sie an starkem Asthma, und war ständig erkältet. Immer wieder musste sie wochenlang das Bett hüten. Später kam noch eine chronische Bronchitis dazu. Im Kinderladen „Kila Dürerstraße 23“ konnte sie trotzdem viele ihrer Träume verwirklichen.

Kinderläden sind eine Erfindung der frühen siebziger Jahre: Junge Menschen wie Gabriele glaubten damals, es breche eine völlig neue Zeit an: Sozialistisch, anarchistisch, pluralistisch – da war man sich noch nicht ganz sicher. Hauptsache, nicht mehr so grau und lustfeindlich, wie die Zeit der eigenen Kindheit. Kinderladen hieß: Mit den Eltern nächtelang über Gott, Karl Marx und die Welt diskutieren, und tagsüber neue Erziehungsformen ausprobieren, die die Kinder freier und glücklicher machen sollten. Noch heute gibt es Kinderläden, doch die haben mit denen der experimentellen Anfangszeit kaum mehr gemeinsam als John Lennon und Dieter Bohlen.

Bei Gabriele durften die Kinder nackt im Garten rumrennen, und lustvoll mit Hammer, Nägeln und Säge hantieren. Die Eltern – vor allem ehrgeizige Akademiker, alle etwa zehn Jahre älter als Gabriele – wollten, dass ihre Sprösslinge auch Buchstaben lernen und die Grundlagen der Mengenlehre. Gabriele setzte andere Prioritäten: Beim Spielen könne man viel wichtigere Erfahrungen sammeln, die kopflastige Schulzeit beginne früh genug, fand sie. Einmal haben ihre Schützlinge spontan alle Wände des Kinderladens mit Farbe bunt bemalt. Und zum Schluss sich selbst. Gabriele fand das irre kreativ, die Eltern waren nicht so begeistert.

In ihre Kölner Heimat fuhr Gabriele vor allem zur Karnevalszeit. Und mit den Kindern spielte sie am liebsten Theater, Zirkus, oder Maskenball. Aus Tischtüchern schneiderte sie Kostüme. Als sie später zu krank war, um ins Rheinland zu düsen, hat sie den echten Karneval, den aus der Heimat, immer im Fernsehen verfolgt.

Nicht alle alten Träume ließen sich verwirklichen: Vieles auf der Welt blieb grau in grau. Und es machte Gabriele wütend, dass die Reichen nach wie vor reicher, und die Armen immer ärmer werden. Auch dass Helmut Kohl jedes Mal wieder gewählt wurde, konnte sie kaum fassen. Eine Zeit lang machte sie in der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins mit. Aber die Genossen waren ihr bald zu dogmatisch und humorlos.

Besonders wohl fühlte sie sich ihr ganzes Leben lang mit Kindern. Und für sehr viele, die sie einst im Kinderladen betreut hat, blieb Gabriele bis zu ihrem Tod eine wichtige Vertrauensperson. Sie hatte ein untrügliches Gefühl dafür, wann ihr jemand etwas vormachte. Gabriele durchschaute die Menschen, und liebte sie trotzdem. Aus diesem Grund konnte sie sie wohl auch so gut nachahmen. Selbst als sie bereits an Lungenfibrose erkrankt war, hatte Gabriele noch ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Freunde, und brachte sie mit ihren Späßen zum Lachen.

1995 musste ihr die halbe Lunge amputiert werden. Gabriele zog aus Kreuzberg zurück nach Lichterfelde, in die Nähe des ehemaligen Kinderladens. Trotz ihres großen Freundeskreises fühlte sich einsam. Sie fürchtete sich vor dem Tod. Manchmal rief sie mitten in der Nacht verzweifelt bei ihren Freundinnen an. Ihre größte Angst war, jämmerlich zu ersticken.

Die Freude am Theaterspielen hat Gabriele trotz allem nie verloren: Im Sommer vor zwei Jahren, sie war bereits todkrank, legte sie auf einer Geburtstagparty noch eine fulminante Sigrid-Löffler-Parodie hin. Am Telefon hatte sie mit einer Freundin aus Österreich den Tonfall der Literaturpäpstin perfekt einstudiert. Sigrid Löffler war vielleicht Gabrieles beste Rolle. Neben dem dänischen Karpfen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben