Wirtschaft : Geb. 1948

Kay Serrin

Katja Füchsel

Kay Serrin

Als sie ihn das erste Mal sieht, denkt Billi: Das ist bestimmt der Hauptdarsteller. Nur der würde es wagen, so lässig durch das Zimmer zu schlendern und sich in den dicksten Sessel zu fläzen. Der zweite Gedanke: Der ist doch schwul. Athletisch wie er ist, mit seinem silbrig-glänzenden Blouson, der Bügelfaltenhose und den strahlend blonden Haaren. Billi irrt sich. Es dauert nur einen Drehtag, dann ist zwischen den beiden alles klar.

Ein paar Monate später erscheint ihr Holsten-Bier-Werbe-Spot im Kino. Als Billi und Kay, die Statisten, für wenige Sekunden auf der Leinwand auftauchen, springt Kay im dunklen Kinosaal auf, verneigt sich tief und ruft: „Sie können ruhig klatschen!“ Die Nacht verbringen sie dann wieder bei Billi. Im Haus schleichen sie sich im Gleichschritt die Treppe hoch, kichernd. Erst den rechten Fuß, dann den linken, die Treppe hinauf, durch den Flur, ins Zimmer hinein – Hauptsache, die Vermieterin merkt nichts.

Es ist das Jahr 1968. An der Hamburger Universität demonstrieren, diskutieren, protestieren sie – und Kay immer mittendrin. Er trägt jetzt einen Bart, die Haare lang, ausgebleichte Jeans. Die Studentenunruhen in Berlin sind heftiger, also zieht er her, und studiert an der Technischen Universität Stadt- und Regionalplanung. Als Billi schwanger wird, will Kay nur eins: eine Tochter, später dann am besten zehn. Alle Männer, sagt Kay, die sich nur Jungen wünschen, sind Idioten. Ein Sohn stünde schließlich stets der Mutter näher, aber das Herz einer Tochter gehöre ihm. Aline kommt zur Welt, die Rechnung geht auf. „Waren wir zu dritt unterwegs, stand ich immer alleine da“, sagt Billi.

Was das Leben angeht, zählt Kay, der immer gut Gelaunte, zu den Unersättlichen. Sein Büro läuft gut. Der doppelte Dipl.-Ing. saniert Altbauten in Kreuzberg, baut Dachböden aus. Den Tag kann er sich selbst einteilen, schlafen, arbeiten, essen, Tennis spielen, Billard – oder umgekehrt. Manche pflegen drei gute Freunde, Kay drei Dutzend. Ein guter Kumpel: hilfsbereit, gutmütig, großzügig. Ein zu guter Kumpel, sagt Billi. Weil er sich ausnutzen lässt, jedes Problem verdrängt. Billi und Kay geraten deshalb aneinander, trennen sich, finden nach einem halben Jahr wieder zueinander. Kay wiegt da nur noch 63 Kilo, weil er vor Kummer das Essen vergessen hatte.

Nicht beim Italiener oder beim Thai, nein, Kay isst am liebsten zu Hause. Die Rouladen von Billi, den Sauerbraten und die Würstchen. Seine Frau ist jetzt auch für Kays Garderobe zuständig, sucht ihm die Hosen aus, die Hemden, auch die Schuhe. Lässig, aber schick, das ist jetzt Kays Stil. Er malt, mit Bleistift oder Öl, und verbringt viele Tage auf dem Tennisplatz. Billi schimpft, wenn er danach trinkt und dann Auto fährt. Auf Sylt baut Kay das Ferienhaus aus, ihren Alterssitz für irgendwann, viel später. Denn ans Altern will Kay eigentlich nicht denken. Als es trotzdem kommt, beginnt er, seine Geburtstage zu hassen. Am 51. bricht er beim Anstoßen in Tränen aus: „Jetzt bin ich so ein alter Sack.“

Heiligabend 2002. Uups, sagt Kay, mir ist ein bisschen schwindlig. Silvester schlägt er vor: Lass es uns gemütlich machen. Keine Party, keine Freunde, nur wir zwei. Lass uns am Strand spazieren gehen, reden. Da denkt Billi: Endlich! Heute sagt sie: Das war nicht Kai, das war die Krankheit. Kopfschmerzen quälen ihn, er fühlt sich schon morgens schlapp. Literweise schmiert er sich japanisches Heilpflanzenöl auf die Stirn und sagt: „Ich glaube, ich habe ein Alien in meinem Kopf.“ Der Arzt widerspricht: „An diesem Gehirn kann ich nichts anormales finden.“

Billi führt akribisch Buch. Über die Zitteranfälle, das Lallen, die Schluckbeschwerden – und die Ärzte. „Die untersuchen, untersuchen, untersuchen – aber sie behandeln nicht!“ Ein Virus? Eine Hirnhautentzündung? Ein Tumor? Monate vergehen, und keiner weiß, was Kay so krank macht. Als sie im Mai endlich seine Gehirnflüssigkeit untersuchen, geht irgendetwas schief: Als Kay aus der Narkose aufwacht, kann er nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen. Dafür haben die Ärzte jetzt die Diagnose: Gliomatosis cerebri. Sehr, sehr selten, inoperabel, tödlich. Krebszellen haben Kays Hirn zerfressen. Ihm bleiben noch elf Tage Zeit, sich von seinen Freunden zu verabschieden. Das geht nur noch mit den Augenlidern.

Billi hat ihren Mann auf Sylt begraben, da kommt sie selber her und zieht jetzt auch wieder hin. In ihrer Charlottenburger Villa sitzt Billi auf den gepackten Umzugskartons und denkt: Kay könnte jetzt noch leben. Ein Jahr, vielleicht zwei. Hätten die Herren Professoren bloß gehandelt. Die werde ich verklagen. Das denkt Billi, wieder und wieder.

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