Wirtschaft : Geb. 1948

Carmen Reffgen

Kerstin Decker

Carmen Reffgen

Sie wollte nicht nach Berlin. Um keinen Preis. Berlin, war das nicht fast schon Sibirien, rein geografisch gesehen? Also von Beuel oder Witterschlick aus?

Jeder kommt einmal in das Alter, in dem er zu ahnen beginnt, dass der Ort der eigenen Kindheit entgegen jedem Anschein nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Carmen Reffgen merkte es vor allem daran, dass außerhalb von Witterschlick kein Mensch Witterschlick kannte. Dabei lag es gleich neben Bonn.

Streng genommen ist Bonn auch nicht viel größer als Witterschlick, aber jeder kannte es. Vielleicht hat das Carmen Reffgens Vorstellung von Mittelpunkten geprägt. Mittelpunkte sind bescheiden, nicht mal mittelgroß, aber trotzdem magnetisch. Daraus ergibt sich auch das natürliche Verhalten zu Mittelpunkten, das wir schon aus der Physik kennen: Man umkreist sie. Und das tat die Witterschlickerin Carmen Reffgen fortan. Sie umkreiste Bonn. Die junge Anwaltsgehilfin machte in Koblenz ihr Abendschul-Abitur, wurde Redaktionssekretärin und kam bis nach Mainz fürs ZDF. Am Ende war sie selbst in Bonn, im Hauptstadtbüro der „Saarbrücker Zeitung“. Bald merkten auch Chefredakteure, dass Carmen Reffgens Auffassung über Mittelpunkte stimmte. Chefredakteure neigen leicht zu der Täuschung, der Mittelpunkt ihrer Zeitung seien sie selber. Und dann erfuhren sie: Der Mittelpunkt ihrer Zeitung war in Wirklichkeit Carmen Reffgens Büro, war ihre Sekretärin. Mit unübersehbarer Gravitationskraft, genau wie Bonn, bloß nicht ganz so bescheiden und mehr als mittelgroß. Carmen Reffgen besaß eine hühnerhaltende Freundin und erwirkte von ihrem Chef die Erlaubnis, im Büro des Bonner Pressehauses jeden Freitag Eier verkaufen zu dürfen. Und wenn die Sekretärin gerade nicht da war, aber dafür ein Eierinteressent, wurde aus dem Chef ein Unter-Eierverkäufer.

Und da sollte sie weg? Nur weil die mal kurzerhand die Hauptstadt verlegt hatten und jetzt plötzlich hinten und vorn nicht mehr stimmte, was Carmen Reffgen über Mittelpunkte wusste? Niemals!

Carmen Reffgens Niemals! währte genau bis zu dem Augenblick, als sie in Berlin eintraf. Vielleicht liegt es daran, dass Mittelpunkte einander sofort erkennen. Wo ist der Mittelpunkt von Berlin? Natürlich in Friedrichshain, beschlossen Carmen Reffgen und der nicht unbekannte Hauptstadtkorrespondent, mit dem sie lebte. Und so zogen sie dahin, wo alle anderen gerade wegzogen, schauten hinunter auf die Penner am Boxhagener Platz, und die Penner schauten manchmal hinauf. Wenn jemand fragte, aus welchem Berlin sie ist, Ost oder West, reagierte sie wie alle Mittelpunkte: verständnislos. Gibt es etwa ein Ostwitterschlick und ein Westwitterschlick, Ostbonn und Westbonn? Dass die Sache doch komplizierter war, lernte sie, als sie wegzog vom Boxhagener Platz. Aus Gründen, die nichts mit dem Boxhagener Platz zu tun hatten. Sie gab in der Kneipe an der Ecke eine Abschiedsrunde aus. Wohin zieht ihr denn?, wollte einer wissen, der nicht das erste Bier des Abends vor sich hatte. Charlottenburg, aha, wiederholte er langsam: Klarer Fall von Republikflucht!

Wahrscheinlich hätte er auch Carmen Reffgens Zweitkneipe beargwöhnt, die bald ihre Erstkneipe wurde. Wenn sie am späten Nachmittag ihr Fahrrad vorm „Kölschen Römer“ am Schiffbauerdamm anschloss, stellte der Wirt schon einen Cappuccino auf Carmen Reffgens Stammplatz an der Bar. Vor ihr floss grau in grau die Spree: „Ich hab im Täschelchen ein Fläschelchen mit Wässerchen vom Rhein/Dat kipp ich in die Spree – olé – dann wird aus Wasser Wein“, dichtete sie.

Die Hauptstadtkorrespondenten im neuen Pressehaus lernten schnell, dass der Mittelpunkt eines Hauptstadtkorrespondentenbüros keineswegs der Korrespondent, sondern seine glossenschreibende und dichtende Sekretärin ist, jetzt ohne Eierverkauf. Die „Saarbrücker Zeitung“ hatte sich Berlin-Glossen von ihr gewünscht. Warum auch sollen immer Journalisten die Glossen schreiben, wenn Sekretärinnen das viel besser können? Ihr Mann, der nicht ganz unbekannte Hauptstadtkorrespondent, hätte das jedenfalls nicht geschafft. Er konnte ja nicht einmal aufschreiben, was der Regierende Bürgermeister träumt. Es war aber sehr wichtig, Klaus Wowereits Träume zu notieren, weil eine große Wochenzeitung wissen wollte, was wichtige Menschen so träumen, und diesmal war Wowereit dran. Hier konnte nur Carmen Reffgen helfen. Sie hörte sich aufmerksam an, was ein Bürgermeister denkt, wenn er schläft. Sie fand eine druckfähige Tagesform für die Nachtgespinste des Regierenden, der Artikel erschien und Carmen Reffgen war für Klaus Wowereit fortan „meine Traumfrau“.

Aber sie war noch viel mehr. Vor allem Vereinsmitglied. Das liegt am Rheinland. Der größte Verein, dem sie angehörte, war die SPD, dann kam der Karnevalsverein – denn wie will Berlin Hauptstadt sein ohne vorzeigbaren Karneval? – und der 1. FC Köln. Im Rheinland soll das eine Art heilige Trinität sein. Außerdem gehörte Carmen Reffgen der Arbeiterwohlfahrt an und einem Verein zur Förderung der Sonnenenergie. All diese Organisationen besaßen im Grunde nur einen einzigen Makel: Carmen Reffgen hatte sie nicht selbst gegründet. Aber erst die Mitgliedschaft in einem selbst gegründeten Verein macht ein Vereinsmitgliedsleben vollkommen. Also gründete Carmen Reffgen mit Freundinnen einen Damen-Kegelklub. Es war ein ganz besonderer Kegelklub. Die Mitglieder gingen ins Konzert, ins Kino und zu Basketball-Spielen. Nur zum Kegeln kamen sie nie.

Natürlich hätten sie auch das geschafft, wenn Carmen Reffgen mehr Zeit gehabt hätte. Im Mai letzten Jahres wusste sie, dass der leichte Druck in ihrem Bauch den Tod bedeutete. Sie saß draußen in den Cafés, sie liebte den Frühling, wie sie ihn immer geliebt hatte, und Berlin, wie sie es erst jetzt liebte, weil sie es noch nicht länger kannte. Sie fuhr an die Ostsee und die, die ihr nahe waren, fragten sich manchmal: Wie kann eine nur so stark sein? Dass Mittelpunkte Kraft haben, weiß jeder, aber dass diese Kraft so unversiegbar war, weiß keiner vorher. Nicht von anderen. Nicht von sich selbst. Der 1.FC Köln stieg auf. Wenn der 1.FC Köln aufsteigt, kann ich doch nicht absteigen, überlegte Carmen Reffgen. Es klang überzeugend. Manchmal glaubte sie es selber. Ins Krankenhaus wollte sie nicht, nur ohne Schmerzen sterben. Zu Hause. Ganz zuletzt hat sie sich vorm Fernseher über den Kanzler geärgert: Wie kann der eine Atomanlage nach China verkaufen? Und Fußball versäumte sie nie. Nur Mittelpunkte können so von sich absehen. Der 1. FC Köln stieg immer noch auf. Am Vormittag ihres Todes hat sie gelacht. Sie ist ohne Schmerzen gestorben.

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