Wirtschaft : Geb. 1950

Peter Gauert

Karolin Steinke

Peter Gauert

Der Sargträger schien verwirrt: Viele Trauernde waren gekommen, keiner von ihnen trug Schwarz, niemand trug einen Kranz. Die Urne – in eine Ferrarifahne gewickelt. Als in der Kapelle noch das letzte Lied erklang, schnappte sich der Friedhofsangestellte die Urne und rief: „Sie müssen jetzt alle raus!“ Peter Gauerts Ehefrau nahm ihm die Urne aus der Hand und stellte sie wieder hin. Schließlich bestand sie darauf, die Asche ihres Mannes eigenhändig an ihren letzten Platz zu bringen. All das Pathetische, die aufgesetzte Trauer wären auch ihrem Mann zuwider gewesen.

Eine Party, irgendwann vor ein paar Jahren. „Pit“ sitzt etwas abseits auf einer Couch, den Schnauzer mit Bier benetzt, in der Rechten eine selbst gedrehte Filterlose, und schaut mit seinen braunen Augen stumm in die Runde. Was die alle für ein Geschwafel von sich geben. Irgendwann geht er, ohne sich zu verabschieden. Einfach war Peter wirklich nicht, sagt ein Freund.

Auf so einer Party verliebte sich Elke, eine aus bildungsbürgerlichem Hause, in diese braunen Augen, die einem Kfz-Mechaniker gehörten. Dass die beiden schließlich ihre Hochzeit planten, erfreute Elkes Eltern nicht sehr. Und was macht Elke? Schickt ihren Vater mit Peter Billard spielen. Seit diesem Abend verstanden sich die beide Männer.

Schon vor der Kehlkopfoperation, die ihm seine Stimme nahm, sprach Peter wenig. Und noch weniger erzählte er von früher, von seiner Mutter, die trank, den beiden Halbschwestern, und wie ihn das Jugendamt mit 15 nach Süddeutschland geschickt hatte. Seinen Vater kannte er nur vom Foto.

Er sagte wenig, aber was er sagte, war treffend. Peters Meinung war Freunden und Familie wichtig – „er war für uns eine Instanz“. Seine Meinung konnte auch weh tun. Aber manchmal musste er Dinge einfach klarstellen. Man kann sich doch nicht innen ärgern und außen freundlich lächeln. Authentisch sein, aufrecht und geradlinig – das verlangte er von sich und den anderen.

Peter musste man nehmen, wie er war. Zum Beispiel mit seiner recht speziellen Ästhetik. Als er schon schwach war vom Krebs, kaufte er sich ein knallrotes Frauensofa, das aussieht wie ein Mund mit geschwungenen Füßen. Elke hätte sich ganz sicher ein anderes, weniger auffälliges ausgesucht.

Und er trug einen Overall, so einen Ganzkörperanzug mit langem Reißverschluss vorne. Aber eben nicht nur in seiner Werkstatt, sondern fast immer. Als er in Berlin bei den britischen Alliierten als Fahrer arbeitete, sprach ihn sein Chef einmal auf seine Kleidung an. Peter meinte nur: „Bin ick hier als Dressman oder als Fahrer?“ Äußerlichkeiten zählten nicht, sondern das, was dahinter steckt. Den prächtigen roten Ferrari-Rennanzug (er hatte ihn in Italien zu seinem 50. Geburtstag geschenkt bekommen) holte er nur sonntags aus dem Schrank. Es gibt ein Foto von ihm, da trägt er das rote Ding. So glücklich wie auf diesem, blickt er auf keinem anderen Bild in die Kamera.

Italien mochte er, aber die Reiserei als solche? Länger als zwei Wochen hielt er es nirgendwo anders als in Berlin aus. Berlin ohne Peter Gauert bricht doch nach 14 Tagen zusammen! Wenn jedoch unterwegs ein Auto streikte, war der Urlaub für ihn gerettet. Den Reparaturkoffer hatte er immer griffbereit. Peter erinnerte auch daheim seine Freunde regelmäßig daran, die Bremsflüssigkeit ihrer Autos zu wechseln. Auf den konnte man sich tausendprozentig verlassen, sagt seine Frau. Eine Freundin musste mal einen Lattenrost transportieren. Peter war klar, dass er gebraucht wurde. „Kommt gar nicht in Frage, dass du das machst. Du fährst jetzt in deine Praxis. Und wehe, du fährst mir hinterher!“

Am Wochenende war er oft mit seinen Söhnen in Waldow auf der Kartbahn, damit sein schönes gelbes Renn-Kart nicht einrostet. Dieser Wagen war der einzige Traum, den er sich je verwirklicht hatte. Dabei war Peter keineswegs so einer, der seinem Auto einen Namen gibt oder jedes Wochenende das Polierwachs hervorholt. Und noch etwas war Peter Gauert nie: Beifahrer. Er konnte es einfach nicht ertragen, wenn jemand anders am Steuer saß. Man akzeptierte das und wusste, dass er auch ohne seinen linken Daumen schnell, aber sicher fuhr. Den hatte er als junger Mann bei einem Arbeitsunfall verloren.

Oft bastelte er in seiner penibel aufgeräumten Garagen-Werkstatt oder der Werkstatt seiner Schwester in Staaken. Selbst ein Fahrrad für seinen Sohn baute er da zusammen. Dass die Fahrradtasche anschließend nicht mehr raufpasste, war halb so schlimm.

Richtig schlimm war, dass Peters Bandscheiben nach zwei Operationen keine Belastung mehr zuließen. Was ist denn das für ein Leben, wenn man nicht mehr selbst das Auto reparieren kann? Dann kann man nicht mehr für sich selbst sorgen, dann fällt man anderen zur Last.

Zwei Monate kämpfte er zu Hause im Bett gegen den Krebs um sein Leben. Dass die Welt sich auch ohne ihn weiter dreht, konnte er sich nicht vorstellen. Tage vor seinem Tod fragte seine Frau ihn, ob er nun zu Ayrton Senna, dem verunglückten Formel-Eins- Rennfahrer, gehen wolle. Ja, hat Peter da gesagt.

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