Wirtschaft : Geb. 1951

Doris Sandhaas-Grießer

Dagmar Rosenfeld

Auf ein Blatt Papier hat sie mit schwarzem Filzstift eine dicke Vier gemalt: Ich werde die Vierte sein.

Kein Problem, dann heiraten wir eben“, hat Doris gesagt. Für sie gab es keine Probleme. Mal eben Konstantin heiraten, um gemeinsam die Pflegeerlaubnis für einen kleinen Jungen zu bekommen. Als Grundschullehrerin keine Stelle finden, weil sie eine Linksradikale ist. Einen Halbmarathon laufen, obwohl sie vorher kaum Sport getrieben hat. Mit Ende 30 noch einmal studieren. Und dann der Tumor im Kopf. Selbst der Tumor im Kopf war für Doris kein Problem.

Ihr Leben vor dem Tumor war wild und fühlte sich leicht an. Manche haben es „extrem“ genannt. Die zwei Jahre etwa, in denen Doris und ihre Wohngemeinschaft zusammen mit zehn Jugendlichen gelebt haben: Zehn Jungs und Mädchen, verhaltens- und strafauffälig, ohne Schulabschluss, ohne Perspektive, mit wenig Träumen. „Zusammen leben, arbeiten und lernen“, hieß das Projekt. Einen Hauptschulabschluss sollten sie machen. Manieren und Respekt vor den Gefühlen anderer – auch das wollte die WG ihnen beibringen. Manche Leute hielten Doris für eine sozialromantische Weltverbesserin. Diese Leute haben sie nicht verstanden.

Doris ist mit den Jungs und Mädchen an die französische Mittelmeerküste gefahren: Zelten, Surfen, Wandern. 14 überraschend friedliche Tage. In der Nacht vor der Abreise wurde sie von höllischem Motorenlärm geweckt. Der Boden unter ihrer Isomatte bebte. Draußen rasten ihre Jugendlichen auf Motorrädern über den Platz, zwischen Wohnwagen und Zelten, kreuz und quer. Die Motorräder hatten sie im Dorf geklaut, direkt vom Parkplatz der Polizeistation. „Das war nicht nur kriminell, das war auch noch dumm“, hat Doris später erzählt, und dann hat sie gelacht. In dieser Nacht hat sie nicht gelacht. Sie ist auch nicht wütend geworden. „Die Motorräder bringt ihr dahin zurück, wo ihr sie her habt.“ Das war’s. Mehr hat sie nicht gesagt. So war Doris. Und die Motorräder standen am nächsten Morgen wieder ordentlich aufgereiht vor der Polizeistation.

Als die zwei Jahre fast vorbei waren, sind sie in die USA geflogen. Neun Wochen, in einem Ford Cougar die Ostküste entlang. Vorne Doris und ihr WG-Freund Wolfgang, hinten Raimund, einer der richtig zuschlagen konnte, Ercen, der gerne ausflippte und Michael, der niemals still sitzen konnte. Wenn es zwischen den drei Jungs mal wieder knallte und die Fäuste flogen, dann war es Doris, die das klärte: Sie redete, umarmte, tröstete. Doris ist immer ruhig geblieben. Weil nur Schwächlinge es nötig haben, laut zu werden. Schwäche konnte Doris nicht ausstehen.

Mit Ende 30 ist Doris zurück an die Uni gegangen, hat Psychologie studiert und eine Ausbildung zur Therapeutin gemacht. „In dieser Zeit schien ihr nichts unmöglich“, sagt ihr Mann Konstantin. „Sie hat das Leben aufgesaugt.“ Dann kamen die Kopfschmerzen, heftig und unerträglich. Es war ein lauer Augustabend, einer dieser Abende an denen die Sonne so rot glüht, dass man glaubt der Himmel müsste verbrennen, als Doris Wolfgang zuflüsterte: „Ich hab da was im Kopf.“

Das „was“ in ihrem Kopf war ein Tumor – bösartig. „Wir können nichts mehr machen“, haben die Ärzte zu Doris und Konstantin gesagt. Und dass ihr nicht viel Zeit bleiben würde. Höchstens ein halbes Jahr. Keine Hoffnung, nicht ein bisschen? Natürlich, es gebe Ausnahmen. In Deutschland seien drei Fälle bekannt, die mit der seltenen Tumorart länger als sechs Monate durchgehalten hätten.

„Doris war eine, die aus allem immer das Beste gemacht hat“, erzählt Konstantin. Das Beste draus machen – aus einem Tumor im Kopf? Doris hat sich ein Blatt Papier genommen. Mit einem schwarzen Filzstift hat sie eine dicke vier drauf gemalt. „Ich werde die Vierte sein“, hat sie zu Konstantin gesagt.

Das Leben mit dem Tumor war anstrengend. Doris hat das Atmen neu gelernt: Chi Gong, eine chinesische Atemtechnik, die den Körper stärkt. Jeden Tag ist sie zwei Stunden durch den Park gelaufen und hat die Luft aufgesogen, so wie sie vor dem Krebs das Leben aufgesogen hat. Und sie ist nach Venedig geflogen. Da wollte sie schon immer hin. Und jetzt, wo die Zeit nicht mehr eine Schatzkiste, sondern nur noch ein Schatzkästchen war, ist sie mit Konstantin über die Piazza San Marco geschlendert. Und dann haben sich die beiden noch ein Haus im Grünen gekauft. Doris hat Beete angelegt, Sträucher gepflanzt und im Herbst die Äpfel von den Bäumen gepflückt. Ein Jahr nach der Diagnose war der Tumor in ihrem Kopf weg.

Das Leben nach dem Tumor war wunderbar, auch wenn es sich nicht mehr ganz so leicht anfühlte. Doris konnte nicht mehr richtig sehen, das Gehen machte ihr Schwierigkeiten und sie hatte es sich abgewöhnt, Pläne zu machen. Aber sie war jetzt Doris, die Vierte. Sie ist wieder an die Uni gegangen, hat Selbsthilfegruppen für Krebskranke betreut und jeden Herbst im Garten die Äpfel geerntet.

Im Sommer vor zwei Jahren hatte sie plötzlich ihre Beine nicht mehr unter Kontrolle, ihre Füße machten nicht mehr, was sie wollte: Der Krebs war wieder da, jetzt im Rücken. Und diesmal war er stärker – noch stärker als Doris, die Vierte. Dagmar Rosenfeld

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