Wirtschaft : Geb. 1951

Bernd Holtfreter

Annett Gröschner

Umsturz oder Stadtbadrettung – egal. Was ist schon der Unterschied zwischen Kiez und Welt?

Als der Freibeuter Klaus Störtebeker 1401 in Hamburg hingerichtet wurde, soll er, schon ohne Kopf, an elf seiner Vitalienbrüder vorbeigelaufen sein, bis der Henker ihm ein Bein stellte. Die elf wurden begnadigt. Unter ihnen soll auch ein Holtfreter gewesen sein. So hat es Bernd seiner Tochter Lea Rosa erzählt, als sie neun war. Das hat ihr gefallen. Sie war Nachkömmling von Seeräubern, noch dazu von gerechten – da muss man natürlich schwimmen lernen. Und wenn schon kein Meer in der Nähe ist wie in der Rostocker Kindheit des Vaters, dann täte es auch ein Stadtbad. Und wenn schon ein Stadtbad, dann natürlich das vor der Haustür in der Oderberger Straße.

Das aber gammelte seit Mitte der achtziger Jahre ungenutzt vor sich hin, bis es zehn Jahre später zur angesagten Location für Stehempfänge wurde. Bernd Holtfreter wollte kein Bad für Stehempfänge, er wollte ein Bad zum Schwimmen. Eines mit Wasser darin. Viele hielten die Idee für einen Spleen. Die Stadt ist so pleite, dass intakte Schwimmhallen schließen müssen, und da soll der Senat eine Ruine renovieren? – Dann gründen wir eben eine Genossenschaft, die das Bad kauft, vermieten es an Schickeria und Veranstalter, bis genug Geld für die Sanierung beisammen ist. Lasst es uns wenigstens versuchen.

Ob ein Umsturz oder eine Stadtbadrettung, das war Bernd im Prinzip egal, auch der Unterschied zwischen Kiez und Welt spielte keine Rolle, weil sich ja eins im anderen spiegelt. Und war eine Genossenschaft nicht ein Affront gegen das Privateigentum?

Mit 17 hatte Bernd Holtfreter zusammen mit Freunden mit einem Kinderstempelkasten Flugblätter gegen den Einmarsch in Prag gedruckt. In den siebziger Jahren vermaß er tagsüber Berlin und arbeitete abends in Untergrundzirkeln mit, in denen ein alternativer Sozialismus diskutiert wurde. Die Geschichte mit der Oderberger begann Anfang der achtziger Jahre, als er zum ersten Mal sesshaft wurde. Zuvor war er in Prenzlauer Berg von Freundin zu Freundin gezogen – aber die Freundinnen gingen nach und nach alle in den Westen. Da wollte er nicht hin.

Am Ende der Oderberger stand damals die Mauer. Um die Umgestaltung des heutigen Hirschhofes zu einem Spielplatz durchzusetzen, unterwanderten Bernd und seine Freunde den „Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front“, der in diesem Grenzgebiet eher ein Organ zur Kontrolle von Bürgern als eine Vertretung ihrer Interessen war. Sie machten eine Bürgerinitiative daraus, die schließlich den Abriss der Straße verhinderte, der schon minutiös und ohne Bürgerbeteiligung geplant war. Bernd führte Leute zusammen, die vorher kein Wort miteinander geredet hatten. Und manchmal überhörte er wie Schwejk einfach die Anweisungen. So kam es, dass ihn bald jeder kannte in der Straße.

Trotzdem muss er oft sehr einsam gewesen sein. Über Gefühle konnte er kaum reden, auch nicht mit denen, die ihm am nächsten standen. Er stürzte sich in neue Projekte, um Privates zu vergessen. Wenn sie liefen, war er längst woanders.

Als Bernd als Parteiloser für die PDS ins Abgeordnetenhaus ging, um die Welt mal wieder aus einer anderen Perspektive zu sehen, haben ihm einige seiner Mitstreiter die Freundschaft gekündigt. Aber sich treu zu bleiben, ohne dogmatisch zu werden, das hatte er von seinem älteren Bruder gelernt, der mal in der West-Berliner APO aktiv war.

Als es noch Hoffnung gab, haben die, die ihn kannten, gesagt: Für den ist der Krebs wie eine Staatsmacht. So was überlistet der einfach. Da haben sie den Krebs unterschätzt.

Als die Strahlenbehandlung abgebrochen werden musste, hat er versprochen, mit seiner Tochter über das Sterben zu reden. Stattdessen stritt er wenige Tage vor seinem Tod im Abgeordnetenhaus um den Ausstieg aus der Anschlussförderung im Wohnungsbau. Wegen seiner Schmerzen musste er auf dem Fußboden sitzen. Geh nach Hause, leg dich ins Bett, haben sie gesagt – aber nach Hause gehen hieß dem Tod näher kommen.

Vielleicht war sein Optimismus ja schon aufgebraucht. Die Oderberger ist schick geworden, das Bad liegt wie ein alter, grauer Elefant zwischen Häusern in frischem Pastell. Von den Gewerbetreibenden, für die er 1992 die Initiative „Wir bleiben alle“ gegründet hatte, ist keiner geblieben. Am Ende ist auch Bernd weggezogen, ein paar Straßen weiter, in die Genossenschaft Bremer Höhe, für die er gekämpft hat im Abgeordnetenhaus. Vielleicht wollte er nicht, dass die Oderberger ihm beim Sterben zusieht, vielleicht war es auch nicht mehr seine Straße.

Lea Rosa hat anderswo das Schwimmen gelernt. Das Becken in der Oderberger ist immer noch ohne Wasser, inzwischen aber gehört es der Genossenschaft.

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