Wirtschaft : Geb. 1952

Werner Brecht

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Er schlurfte an den Bühnenrand, setzte sich – und schlief ein. Wenn er wieder aufwachte, ging das Stück weiter.

Werner Brecht wurde fürs Theater entdeckt von Christoph Schlingensief. Auf der Suche nach Talenten fand der Regisseur ihn vor sechs Jahren in einem Behindertenwohnheim zwischen drei strickenden Damen, selbst Strickzeug in den Händen, Zigarette im Mund, vor sich auf dem Boden ein ganzes Kehrblech voller Kippen.

Die Leitung der Behindertenbetreuung sagt, er sei zu nichts zu gebrauchen. Völlig ungeeignet für die Bühne, und überhaupt für alles ungeeignet. Außerdem absolut unzuverlässig. Schlingensief sagt ihm seine Theater-Adresse und das Datum des Probenbeginns. Zwei Stunden vor der Probe erscheint Werner Brecht, setzt sich in die Theaterkantine, raucht und wartet, dass man ihn ruft. So überpünktlich wird er auch später immer zu den Vorstellungen erscheinen.

Schlingensief stellt Werner Brecht als einzig legitimen Brecht-Erben vor, als zur Wendezeit entlassenen Volksbühnenschauspieler, der alles gespielt, dem aber nach der Wende niemand dafür gedankt habe.

Werner schiebt einen Bauch vor sich her wie ein Fass. Der Druck lässt im Schlaf die Atmung aussetzen und bewirkt ein schreckhaftes Erwachen. Er schläft wieder ein und schreckt wieder hoch, so geht das die ganze Nacht. Am Morgen fühlt er sich wie gerädert und muss tagsüber den Schlaf in kleinen Portionen nachholen.

Im Theaterstück „Schlacht um Europa“ bekommt er eine Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert ist. Mit der Sondererlaubnis zum „Rauchen und Alkohol-Trinken auf offener Bühne“ schlurft er während der Vorstellung im Nachthemd zum Bühnenrand, macht es sich in einem Sessel gemütlich und lebt vor dem Publikum sein Schlafbedürfnis aus.

Während die anderen auf der Bühne das Leben spielen, dreht er die Sache um und lebt das Spielen. Für die Zuschauer ist er ein Darsteller, der großartig Schlafen spielt.

Es wird erst weiter gespielt, wenn Werner aus seinem Schlaf erwacht ist. Das kann lange dauern, die Akteure warten mitunter eine halbe Stunde, und alles sieht aus, als wäre es Theater. Werner Brecht, „der Erfinder des erweiterten Theaterbegriffs“, so sieht ihn Schlingensief: „Durch ihn wurde vieles, was auf der Bühne geschah, vom Sockel geholt. Er ließ die Sachen einfach durch sich laufen. Das reinigt, sonst wäre Theater noch viel schlimmer.“

Werner schnarcht, zuckt mit den Armen und Beinen, wacht auf, ist wieder frisch und raucht weiter. Er steht auf und beginnt seine Verkaufsschau auf der Bühne. Eine Kiste voller Krimskrams, gefunden oder im Tauschhandel erworben: Badewannenbürsten, Topflappen, kleine und große Stoffbären, ein Vibrator ohne Batterie, und schließlich die Sensation: Ein Garantieversprechen der SKL über zehn Millionen Mark. Für einen schlappen Zehner ist er bereit, es abzugeben. Der Erlös wird selbstverständlich geteilt: ein Teil für Zigaretten, der andere für Bier.

Auf Reisen mit den Theaterleuten hat Werner Probleme mit den Hotelzimmern. Oder sind es die Theaterleute, die mit Werners erweitertem Theaterbegriff in Hotelzimmern Probleme haben? Als sie in Hamburg mit dem „Bahnhofsmissionsprojekt“ gastieren, produziert Werner viele Brandflecken im Zimmer und einen Schaden von mehreren tausend Mark. Von nun an werden seine Zimmer mit vielen Aschenbechern ausgestattet. Alles nur eine Frage der Requisiten.

Werner Brecht hätte schon länger operiert werden müssen, aber das geht nicht, weil er blutverdünnende Mittel nimmt, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Die Operation soll nun, im Sommer, endlich geschehen. Tage vor dem neuen Termin setzt Werner Brecht die Medikamente ab – und stirbt.

In der letzten Folge der Viva-Fernsehshow „Freakstars 3000“ liegt Werner im Krankenhaus und kann nicht operiert werden. Wieder draußen aus dem Krankenhaus tritt er vor das jubelnde Publikum in der Aufmachung des gealterten Elvis Presley, aufgedunsen, dem Tode nahe und gibt Autogramme. Am Ende des Films sitzt Werner auf einem Stuhl. Er schaut in die Kamera und sagt: „Wiedersehen.“

Es gibt Momente, so Christoph Schlingensief, an denen sich die Schnittstelle zwischen Inszenierung und Wirklichkeit auflöst.

„Wiedersehen“, sagte Werner Brecht, stand auf und trat aus dem Bild. Eckard Kipping

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