Wirtschaft : Geb. 1954

Peter Kramm

Gregor Eisenhauer

Erfolge hatte er nicht nötig; das war sein Problem. Alles in seinem Leben blieb Fragment. Warum musste er sterben?

Ein Mann liegt auf dem Bett. Bekleidet. Die Decke über das Gesicht gezogen. Er ist seit Tagen tot. Wann genau er starb, lässt sich nicht mehr feststellen. Es war warm im Zimmer. Die Sterbeurkunde stellt fest: zwischen dem 28. November und 4. Dezember trat der Tod ein. Die Todesursache? Unbekannt. Keine Spuren von Gewalt oder Fremdverschuldung. Kein Suizid.

Die Ermittler sind ratlos. Plötzlicher Herztod, Hirnschlag, irgendwas in der Art? Oder Gifte? „Nein, definitiv nichts dergleichen“, sagt der Gerichtsmediziner – „Eigentlich müsste dieser Körper noch leben.“

Peter Kramm war nicht allein vor seinem Tod. Eine zweite Person war zugegen. Eine Zufallsbekanntschaft – oder ein Freund? Warum hat der Betreffende ihm die Decke über das Gesicht gezogen? Ein letzter Liebesdienst? Scham?

Vermutlich war es dieser Unbekannte, der auch die EC-Karte entwendete, mit der in den Tagen danach mehrere höhere Geldbeträge vom Konto des Toten abgehoben wurden. Denn Peter Kramm war reich. Nicht unermesslich reich, aber wohlhabend. Er konnte gut leben, ohne arbeiten zu müssen.

Es gibt übliche Verdächtige – aber die polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere. Die Fantasie eines Drehbuchschreibers wäre gefragt: ein russischer Stricherring, der mit Agentengiften reiche Freier zu Tode bringt? Oder doch ein Freund, der von seinem Tod überrascht wurde und der Versuchung nicht widerstehen konnte?

Sechs Wochen zuvor hatte Peter Kramm sein Testament gemacht. Auch das eine falsche Fährte: keine Neufassung, nur kleine Korrekturen. Nach wie vor gehen zwei Drittel des Vermögens an die Deutsche Aids-Hilfe.

Seinem Bruder missfällt das Testament. Er ließ den Toten überführen, ohne die Freunde in Kenntnis zu setzen. Eine Beerdigung im engsten Familienkreis. Und eine zynische Todesanzeige: „Den Bekannten danke ich für die Anteilnahme.“ Es geht nicht um Bekannte, es geht um Freunde. Peter Kramm pflegte Freundschaften sehr intensiv, zu Männern wie Frauen; Freunde, die sich untereinander kaum kannten. Peter Kramm hasste Parties, gesellige Essen, Zerstreuung im Gespräch mit vielen. Sein Charme wirkte im konzentrierten Umgang mit einzelnen. Ein guter Zuhörer, der sich gern ein wenig ironisch gab – und ein wenig widerspenstig, weil er es liebte, das Unerwartete zu provozieren, auf Unbekanntes zu treffen.

Ein Vagabund der Ideen und der Lebensräume. Gerne auf Reisen. Spanien, Kuba, die arabischen Länder – und dennoch sesshaft in Berlin, weil er nicht loskam von der Stadt.

Seine Wohnung: Drei Zimmer in Schöneberg. Schlicht, bis auf die Küche, deren Design ihm wichtig war, ohne dass je die Absicht bestand, sie wirklich zu benutzen. Denn er aß in seinem Stammcafé: immer nachmittags, wenn möglich immer am gleichen Tisch. Und natürlich immer elegant: Schuhe aus weichem spanischen Leder, das Hemd gebügelt, aber leger getragen, die Sakkos dezent exquisit.

Ein Hedonist ist ein Mann, der jeden Tag Geburtstag hat und auch gewillt ist, ihn zu feiern. Peter Kramm verdankte die Mittel dazu dem Vater. Der war Bauunternehmer, hatte ein Vermögen verdient, aber die Familie ruiniert. Scheidung, Internat, Liebesverrat. Über seine Kindheit schwieg Peter Kramm: eine verlorene Zeit, aus der er nur einen Schatz hinübergerettet hatte – die Comics von Donald Duck. Originalausgaben der ersten Hefte, die ihn schon beim Anblättern aus jenen Depressionen retten konnten, in die er gelegentlich verfiel: voll Selbstmitleid und zugleich voll Spott darüber.

Ein Hedonist ist ein Mann, der das Misstrauen nie los wird, dass es eigentlich schöner wäre, nur einmal im Jahr Geburtstag zu haben. Peter Kramm hatte Erfolg nicht nötig; das wurde ihm zum Problem, denn alles in seinem Leben blieb Fragment. Er erhielt mit seinem Co-Autor den ersten Deutschen Drehbuchpreis, für ein Manuskript, das dann oft verkauft, aber nie produziert wurde.

Er schrieb ein Dutzend gute Drehbücher, hatte Ideen für zwei weitere Dutzend, ohne je im Kino einen Film von sich gesehen zu haben. Der letzte Biss fehlte, die Leidenschaft. Alles zu temperiert. Denn da gab es diesen seltsamen Pakt mit dem Schicksal: Ich verliebe mich nicht mehr. Nicht nach der einen Enttäuschung, von der keiner seiner Freunde weiß, wann sie eigentlich geschehen war.

Peter Kramm war einsam. Eine gewisse Kühle umgab ihn, trotz aller Warmherzigkeit. Ein Zyniker nicht aus Überzeugung, sondern aus der Not eines verwundeten Herzens: Komm mir nicht zu nah, es sei denn, du weißt wie. Insofern wird er mit dem wirklich Bösen nie gerechnet haben. Letztlich hat er Walt Disney vertraut und darauf, dass alle guten Geschichten den Zuhörer ein wenig glücklicher machen – und ein wenig unglücklicher, weil sie ein unlösbares Rätsel aufgeben.

Eine seiner Lieblingsstories, gezeichnet von Carl Barks: Eine Ente will den Ärmelkanal überqueren. In ihrem Schnabel eine Makkaroni. Auf der Makkaroni eine Pampelmuse. Klar, die Ente kann nur Donald Duck heißen. Klar auch: Donald verliert die Pampelmuse, kommt aber heil an Land. Ein lucky looser eben, der berühmteste der Welt. Donald Duck? Keine Frage, kenn ich. Gut, wenn du ihn kennst, verrate mir eins: wann hat Donald Geburtstag?

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