Wirtschaft : Geb. 1955

Klaus Brünig

Eckard Kipping

Ein Leben lang fuhr er Fahrrad. Für sein Leben gern. Der eigene Antrieb. Weiter, immer weiter.

Er wird sich doch nicht etwa beeilt haben, wegen des neuen Herdes nach Hause zu kommen?

Es war ein Tag wie jeder andere. Nein, es war kein Tag wie jeder andere. Der neue Herd war da. Ein Traum aus Oberhitze, Unterhitze, Rundumhitze. Brauchte nur noch angeschlossen zu werden. Monika, seine Frau, fing schon mal an, die Speisekammer zu streichen. Da sagte der Monteur ab. Kein Problem, beruhigte Klaus seine Frau am Telefon: Die Konferenz ist bald zu Ende. Ich bin gleich zu Hause.

Philine, die Tochter, hatte ein ungutes Gefühl. Traf diesen Bekannten auf der Straße: Du, ich habe gerade meinen ersten Toten gesehen, einen Radfahrer. Sag nicht so was, mein Vater ist Radfahrer. Sie schaute im Stadtplan nach. Nein, über den Potsdamer Platz würde er nicht fahren. Sicher nicht. Ach Philine, Du mit deinen Unkenrufen, sagte die Mutter am Telefon: Was soll denn sein. Vorhin hab ich noch mit ihm telefoniert. Gar nichts wird sein. Er wird sich verspätet haben. Das wird’s sein. Es klingelte an der Tür: Verkehrspolizei. Frau Brünig, wir haben eine traurige Nachricht zu überbringen.

Monika, Philine und Sohn Konrad haben im Wohnzimmer Platz genommen. Die Mutter hat alles umgeräumt nach seiner Beerdigung, von vielem Abschied genommen. Auch von seinem Lieblingsstuhl, der war längst durchgesessen. Philine richtet sich ihre eigene Wohnung ein. Konrad verwahrt die Trauer in sich, wie er da rankommt, weiß er nicht.

Wir haben Angst um ihn gehabt. Seit seinem Skiunfall vor zwei Jahren. Unbegründete Angst? Klaus war Arzt. Es waren die anderen, die verunglückten, und andere, die starben. Dass ihm selbst etwas zustoßen könnte, war unvorstellbar. Dann brach er sich das Genick. Blieb stecken im Tiefschnee.

Als die Retter sahen, wie schwer verletzt er war, wollten sie ihn nicht transportieren. Sie können mir vertrauen, hat er gesagt. Ich weiß, was ich tue. Mit der Hand hielt er sein Genick umklammert. So zogen sie ihn über den Schnee.

Acht Stunden Operation. Wir erschraken, als wir ihn auf der Intensivstation besuchten: Sein Bett war leer. Mit all den Schläuchen und Kabeln an Maschinen angeschlossen war er aufgestanden und hatte sich auf einen Stuhl gesetzt. Sein Kopf war mit einem Gestell fixiert, Schrauben am Schädel, und er lächelte uns an. Es geht weiter, wollte er uns zeigen. Immer weiter.

Mein Großvater ist nicht alt geworden, hat er gesagt, mein Vater starb früh an Herzinfarkt, meine Mutter ist im Meer ertrunken, schöne Aussichten sind das. Er hat darüber gelacht, hat an sich gearbeitet und sich wieder gesund gemacht. Eine mitreißende Kraft.

Seine Patienten auf der Krebsstation. Es war dieser Lebenswille, der ihnen weiterhalf. Jenen, die sich schon aufgegeben hatten. Er konnte sie zum Lachen bringen. Schwarzer Humor, rabenschwarz. Vom Teufel geritten, die Wahrheit im Auge, die schreckliche Wahrheit, die irgendwann nur noch zum Lachen ist. Zum Totlachen.

Die Rentnerin im letzten Stadium ihrer Krankheit. Einmal noch das große Wasser sehen. Ihr Wunsch ist mir Befehl, Prinzessin. So fuhr sie nocheinmal ans Meer.

Er stieg aufs Fahrrad und holte sich neue Kraft. Ein Lebenlang fuhr er Fahrrad. Für sein Leben gern. Der eigene Antrieb. Weiter, immer weiter.

Sein Rennrad nahm er mit in den Urlaub. Auf Wallfahrt mit seinen portugiesischen Radfreunden. Am Ziel wartete der Geistliche und hat sie alle gesegnet, die Fahrräder. Klaus, im grünen Renntrikot, konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Schuld hat der Busfahrer, der beim Rechtsabbiegen den Radweg kreuzte. Er hat ihn nicht kommen sehen, den Mann auf dem schnellen Rad, auf der langen Geraden an der Philharmonie vorbei auf die Neue Nationalgalerie zu, der unterm Vorderreifen liegt. Sein Mountainbike ein Haufen Schrott. Das Rennrad mit Gottes Segen steht zu Hause.

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