Wirtschaft : Geb. 1955

Hans-Jürgen „Otto“ Schneider

H.P. Daniels

Auf Tourneen mit den Escalatorz aß er Jägerschnitzel und Zigeunerschnitzel im täglichen Wechsel. Er hatte alles, was man zum Rockstar braucht, hätte ganz groß rauskommen können.

Dass Otto eigentlich Hans-Jürgen hieß, weiß kaum jemand. Auch nicht, dass er als Fünfjähriger mit den Eltern und zwei älteren Schwestern aus der Lüneburger Gegend nach Berlin gezogen ist. Dass er nicht glücklich war über den Umzug.

Die Band-Kollegen hatten alle irgendwann andere Namen: Fahrenkroog-Petersen wurde zu Schröder. Wegen Schröder von den Peanuts. Der mit dem Kinderklavier. Den Gitarristen nannten sie Lömel. Ganz einfach: Römer auf Chinesisch. Aber Otto? Weiß keiner. Ende der Siebziger trommelte er bei „Odessa“. Gute Musiker, die sich in Bombastrock übten. Und auf den großen Durchbruch hofften.

Otto hatte seine Leidenschaft fürs Trommeln schon als Kind entdeckt. Mit 13 fragte er vorsichtig: „Mama, kaufst du mir ein Schlagzeug? Ich ess dafür auch jeden Tag eine Stulle weniger zum Abendbrot!“ Otto liebte pompöse US-Art-Rocker, „Boston“ und „Foreigner“, und spielte selber gar nicht bombastisch. Eher bodenständig, geradeaus, auf den Punkt. Ein exzellenter Drummer, der es verdient hätte, mit interessanteren Bands zu spielen als „Boston“, „Foreigner“, „Odessa“. Und er sah auch noch verdammt gut aus, in den Klamotten, die ihm seine Freundin Ilonka schneiderte, den engen Hosen, den gestreiften Jacken mit dem hochgeschlagenen Kragen. Hatte alles, was man zum Rockstar brauchte, hätte ganz groß rauskommen können. Groß rausgekommen sind die Odessa-Kollegen Schröder und Jürgen, Anfang der Achtziger. Mit Nena. Pech für Otto, dass Nenas Freund Rolf schon am Schlagzeug saß.

Vielleicht auch Glück, dazu hat er selbst sich nie geäußert. Überhaupt hatte er ja immer dieses charmante, etwas rätselhafte Lächeln, bei dem man sich nie sicher war, ob es Zustimmung signalisierte oder ein nach innen gewandtes Ich-denk-mir-mein-Teil. Ob es die größte Selbstsicherheit bedeutete oder das Gegenteil. Otto lächelte viel, lachte oft. Ein bisschen geheimnisvoll. Ein bisschen herausfordernd. Aber auch ein bisschen scheu. Vielleicht war es diese Mischung, dieses Unergründliche, was die Frauen so anzog. Ilonka. Miriam. Mit Susi war er eine Weile verheiratet. Bis er Susan kennen lernte, bei einem seiner Konzerte im Irish Pub, Europa Center. Und sie zufällig feststellten, dass sie beide am selben Tag geheiratet hatten, im selben Jahr. Es dauerte noch eine Weile, bis beide zum zweiten Mal heirateten. Und wieder am selben Tag.

Es gibt diese Schlagzeuger-Klischees: der Stille im Hintergrund. Oder der aggressive Exzentriker. Vielleicht hätte Otto gerne einem Klischee vom coolen Rockstar entsprochen, hart und arrogant, ein Hallodri, ein Frauenheld. „Dabei hatte er fast was Spießiges“, sagt Ilonka, die in den Achtzigern eine Zeit lang mit ihm zusammengelebt hatte. Was ist „spießig“? Wenn einer eine häusliche Ader hat? Sich manchmal nach Ruhe sehnt? „Na, seine Pflanzen zum Beispiel. Diese Gummibäume, dieses spießige Grünzeug, das er immer gepflegt und gehegt hat!“ Susan findet das nicht spießig. Schon als Kind hatte er eine Liebe für Blumen und Pflanzen. „Nicht auf die Blümchen treten!“, hatte er gerufen, wenn die Mama mit ihm über eine Wiese spazierte. Und noch in diesem Frühling hat er einen zauberhaften Rosenstrauch auf dem Balkon zum Blühen gebracht.

„Und sein spießiges deutsches Essen!“, sagt Ilonka. „Er wollte immer nur Deutsch: Braten mit Soße, paniertes Schnitzel!“ Auf Tourneen Anfang der Achtziger, Otto spielte inzwischen bei den „Escalatorz“, aß er Jägerschnitzel, Zigeunerschnitzel, im täglichen Wechsel. Otto, den sie jetzt den „Admiral“ nannten, „Admiral Don Schneider“, fuhr den Bandbus: ruhig, konzentriert, sicher. Setzte beim Autofahren immer diese große Hornbrille auf, die mit Tesafilm zusammengeklebt war. So wollte er sich natürlich niemals fotografieren lassen. Rockstareitelkeit. Bis sie ihn doch einmal erwischt haben. Otto mit Brille, ha ha ha!

Der Erfolg der Escalatorz reichte nicht für den Lebensunterhalt. Nebenbei arbeiteten die Musiker als Taxifahrer, renovierten Wohnungen. Otto trommelte in diversen Tanzmuckertruppen. Jeden Tag ein Auftritt. Dafür ließ er dann die Escalatorz sausen, denn so ließ es sich doch besser leben. Aber es war auch ein Jammer, den talentierten Otto sehen zu müssen, wie er sich mit drittklassigen Oldie-Kapellen in miesen Tanz- und Trinkhallen aufrebbelte. Und das Leben wird ja auch nicht einfacher, wenn man älter wird, zwischen unzähligen Zigaretten und alkoholischen Erfrischungen.

Und das einst so geliebte Trommeln wurde irgendwann zur Last. Otto redete nicht mehr über Musik, übers Schlagzeug, sondern interessierte sich mehr für die Familie, die Kinder. Machte den Haushalt, kochte und putzte Fenster. Spielte Fußball mit seinen drei Söhnen oder mit einer Freizeitmannschaft. Drei Stunden auf dem Sportplatz, immer mittwochs. Produzierte lieber andere Bands im eigenen Studio, das er mit seinem alten Kumpel Lömel in zwei kleinen, fensterlosen Räumen in einer Schöneberger Tiefgarage aufgebaut hatte. Und dann hatte er doch noch einen Hit: „Eine Insel schenk ich Dir“, 1987, dumpfer deutscher Schlager. Aber ein Hit, wenn auch eine Eintagsfliege.

Die Arbeit im Studio machte mehr Spaß als die Auftritte in den Suff- und Aufreißschuppen. Aber dann kamen diese Schmerzen in der Leistengegend. Immer wieder, mal mehr, mal weniger. Vielleicht was verrenkt? Einen Muskel gezerrt? Was soll schon sein. Zu unwichtig, um deshalb zum Arzt zu gehen. Dann wird es schlimmer mit den Schmerzen, und Otto, der nie zum Arzt gegangen ist, geht zum Arzt, im Oktober. Und gleich ins Krankenhaus. Krebs. Eine Niere raus. Und da ist noch was an der Leber. Und noch irgendwas.

Raus aus dem Krankenhaus, Otto arbeitet wieder im Studio, spielt Fußball mit den Söhnen. Wenn nur nicht diese Schmerzen wären. Dagegen bekommt Otto eine Morphiumpumpe. Er will nicht, dass die Ärzte die Dosis zu stark einstellen, will nicht diesen Dämmerzustand, will klar bleiben im Kopf. Für die Familie, für die Arbeit, für sich selbst. Geht noch manchmal ins Studio. Bis es gar nicht mehr geht. Und wieder Krankenhaus. „Wo sind die anderen?“, fragt er, als Ilonka und Susan an seinem Bett sitzen. Und irgendwann: „Jetzt seid mal still, das ist doch alles nicht so wichtig!“

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