Wirtschaft : Geb. 1957

Günter Lobmeyer

Kirsten Wenzel

Günter Lobmeyer

Der Deutsche fragte nach Sicherheitsschlössern für die Wohnungstür. Sicherheitsschlösser! Die hatte niemand in der ganzen Stadt, so was brauchte man einfach nicht in Tarbes, im Süden von Südfrankreich. 50000 Einwohner, kein Dorf, aber eine richtige Stadt eben auch nicht. Die Attraktion des Jahres: das Festival der militärischen Blasmusik, die Straßen voller Taktstöcke und marschierender Hornisten in Uniform. Unwahrscheinlich, dachten sich die Nachbarn, dass der Deutsche ausgerechnet deswegen nach Tarbes gekommen war.

Er wohnte in einer kleinen Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss, zusammen mit seinem Kater Max. Tagsüber und manchmal auch bis spät in die Nacht saß er an zwei zusammengeschobenen Küchentischen, mit arabischen Wörterbüchern und Computer. Seit kurzem arbeitete er als Übersetzer, hielt den Kontakt zu den wenigen Auftraggebern, die er hatte, über das Internet. Im Regal an der Wand standen etwa hundert Bücher von Tucholsky und Erich Kästner, in der Ecke Ersatzräder und Werkzeug für seinen hellblauen, vierzig Jahre alten VW-Käfer. Mehr hatte er aus Deutschland nicht mitgebracht.

Man sah ihn selten in der Stadt. Wenn er ausging, dann für einen Spaziergang im Jardin de Marseille, ein kleiner Park mit Pfauen, Rosen und Palmen. Es hätte die Bewohner von Tarbes gewundert, dass eigentlich schon diese paar Palmen ausgereicht haben, ihn in ihre Stadt zu locken. Neben den günstigen Mieten und sonst noch ein oder zwei Gründen, von dort wegzugehen, woher er gekommen war.

In Paris hatte er es ein paar Jahre versucht, aber nicht ausgehalten. Obwohl seine arabischen Freunde sich dort trafen, die oppositionellen Exil-Syrer, über die er jahrelang geforscht und eine 400 Seiten dicke Doktorarbeit geschrieben hatte. Doch der Himmel über der Stadt war auf die Dauer oft mehr grau als rouge, besonders wenn man ihn aus den schrägen Klappfenstern einer Dienstbotenmansarde betrachtete – selbst wenn so etwas in Paris reichlich prosaisch Chambre de Bonne heißt. Elf Quadratmeter inklusive Bad und Kochecke für 400 Euro.

Eigentlich muss ich nicht hier bleiben, sagte er zu einem anderen Exil-Deutschen abends beim teuren Bier, schließlich gibt es E-Mails. Um die Zeitschrift über den Nahen Osten, die er ehrenamtlich mitherausgab, kann er sich auch so kümmern. Eigentlich kann ich fortgehen, – das hatte er zwei Jahre zuvor schon einmal gesagt, damals, als er Berlin verließ, weil die Stadt ihm einfach kein Glück brachte.

Berlin hatte ihn gründlich enttäuscht. Als Student der Politikwissenschaften war er gekommen, lebte in einer Einzimmerwohnung mit Ofenheizung in Wedding, in der Kammer bewahrte er Insulin auf, aber davon wussten nur wenige. Er machte nicht gern Aufhebens um sich. Saß von morgens bis abends über Büchern und Fachzeitschriften in der Bibliothek des Otto-Suhr-Institutes, damals eines der großen Politikwissenschaftlichen Institute in Europa. Berlin versprach ihm ein interessantes Wissenschaftlerleben, und vielleicht sogar Erfolg.

Um Arabisch zu lernen, ging er am Ende seines Studiums nach Damaskus. Die Menschen dort mochten ihn, Nachbarn stellten ihm manchmal sein Lieblingsessen, gefüllte Auberginen vor die Wohnungstür, ein Gericht, mit dessen Zubereitung man bereits morgens beginnen muss, um es abends servieren zu können. Zurück in Berlin war er bei Freunden zum Essen eingeladen und selbst für den Salat zuständig – stundenlang zupfte er einen Riesenberg Petersilie zusammen, um den Salat so arabisch, wie er’s mochte, zuzubereiten. Dabei war er, sagen die Freunde, als Kopfmensch nicht besonders geschickt mit seinen Händen.

Drei Experten in Deutschland fallen seinem Doktorvater zum heutigen Syrien ein, nicht viel für ein so brisantes Thema, tief verschlungen in den Nahost-Konflikt. Er hatte gute Kontakte, er hatte keine Angst vor dem syrischen Geheimdienst. Und doch fand Günter Lobmeyer keine Stelle nach der Promotion, hangelte sich von einem kleinen Forschungsauftrag zum nächsten, noch kleineren. Hatte nie Geld oder Aussicht auf eine sichere Existenz. Warum? Er kam zum falschen Zeitpunkt auf den Markt, sagen seine Freunde Schulter zuckend. Ende der neunziger Jahre, da waren nur Balkanexperten gefragt. Und nach dem 11. September? Da war seine Forschungsarbeit über islamische Oppositionelle schon zu alt. Die Journalisten riefen ohnehin immer nur den einen Nahost-Experten an, den sie schon aus dem Fernsehen kannten. Er war nicht mehr im Gespräch. So schnell geht das.

Und es war ja auch kein Geld da für einen wie ihn, in Berlin, der Stadt ohne Geld. Für eine Englisch-Übersetzung seiner Arbeit zum Beispiel, die so wichtig gewesen wäre. Inzwischen hatte das Otto-Suhr-Institut von 46 nur noch 15 Professorenstellen.

Vor zwei Jahren hatte er bereits einen Herzinfarkt. Der Arzt in Berlin stellte ihn bei einer Routineuntersuchung fest. Günter Lobmeyer lebte mit vier Bypässen weiter, rauchte, trank, diskutierte, schrieb in der Nacht. Dass er alt werden würde, davon ist er sowieso nicht ausgegangen. Um die spärliche Rente, die ihm eines Tages zustehen würde, machte er sich keine Sorgen – so alt würde er ohnehin nicht.

Zwei Wochen vor seinem Tod sagten ihm die Ärzte, er müsse noch einmal und dringend am Herzen operiert werden, ein syrischer Freund meinte, er solle das am Berliner Herzzentrum machen lassen. Die Reise dorthin konnte er sich nicht leisten.

Seine Freunde in Deutschland wussten, er wollte im nächsten Jahr noch umziehen, wenn das Geschäft mit den Übersetzungen besser geworden wäre. Eigentlich wollte er nach Bayonne, an die Atlantikküste.

Seine Doktorarbeit soll jetzt doch noch auf Englisch erscheinen, posthum. Sein Professor sagt, jetzt gerade sei dafür ein bisschen Geld da, in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben