Wirtschaft : Geb. 1961

Sunil Kumara Adikaram

Gregor Eisenhauer

In Deutschland geht es dir sicher viel besser! Ein schönes Land, ein reiches Land! Wir sind stolz auf dich!

Belastungsheimfahrt: So nennt sich das, wenn ein Alkoholiker für einige Tage nach Hause geschickt wird. Er soll darauf vorbereitet werden, in seinem alten Umfeld überleben zu können. Dort, wo alles zum Trinken animiert, ach was zum Trinken, zum Saufen. Zum Totsaufen.

Belastungsheimfahrt: Wenn ein Mann nach Aluthgama zurückkommt, seiner Vaterstadt in Sri Lanka, um seine Familie zu besuchen. Eine große Familie, sechs Geschwister, die viele Erwartungen an ihn, den Erstgeborenen haben. Denn der Vater ist tot, die Töchter brauchen eine Mitgift, die Brüder wollen ein kleines Startguthaben.

„Schön, dass du hier bist, aber in Deutschland geht es dir sicher viel besser! Ein schönes Land, ein reiches Land! Wir sind stolz auf dich!“

Wo ist dann Heimat?

Sri Lanka, ein Paradies für deutsche Urlauber. Kein Paradies für die Millionen Tamilen, die dort von den Briten angesiedelt wurden, auf Ceylon, so der alte Name, um Tee anzupflanzen und um einen Bedrohungsfaktor zu schaffen. Denn bewohnt wurde die Insel mehrheitlich von Singhalesen, die fortan, so das imperiale Kalkül des „Teile und herrsche“, leichter zu kontrollieren waren.

So kam es, nach Abzug der Briten, zu dem nicht enden wollenden Terror des Bürgerkriegs: 70000 Opfer bislang. Nicht die Palästinenser, die Tamilen halten den Rekord bei den Selbstmordattentaten.

Wenn ein Mann seine Heimat verlässt, die keine Heimat mehr ist, um einem anderen Mann nach Deutschland zu folgen, dann ist er schwul oder berechnend, beides womöglich. Dass er neugierig sein könnte und ein offenes Herz hat, dass er Männer wie Frauen mag, als Menschen, dass er keine Lüge kennt und sich nicht verstellen kann – „Wem wollen Sie diese Geschichte erzählen?“

Sunil fand Arbeit in einer Pizzagroßbäckerei, aber er fand keine Freunde. Er litt unter dem Rassismus seiner Arbeitskollegen, der muslimischen Arbeitskollegen.

„Bist du auch Muslim?“ – „Nein, ich bin Buddhist, kein praktizierender, aber…“ Er musste nicht weiterreden, sich nicht erklären, er war fortan nur noch geduldet.

Eigentlich hatte er Elektriker gelernt, weil er fasziniert war von der geheimnisvollen Welt der Transistoren, diesem Dschungel an Kleinteilen, durch den er zu spazieren liebte. Als er in der Elektroverschrottung arbeitete, eine ABM-Stelle, blutete ihm das Herz. Was da alles auf den Müll kam.

Eigentlich war er ein lernwilliger Mensch, aber den Sprachkurs brach er ab, weil die Familie das schnelle Geld forderte.

Und eigentlich, eigentlich hätte er sich wohlfühlen können. Er war glücklich, anfangs. Er hatte diesen Freund, mit dem er neun Jahre zusammen lebte, in tiefer Sympathie. Er hatte viele Bekannte in der singhalesischen Gemeinde, mit denen zusammen er Musik machen konnte.

Aber er fand keine Frau in den ersten Jahren. Er war romantische Aushilfe für Ehefrauen, die sich nicht trennen wollten. Dann endlich eine Freundin, sie Tamilin, er Singhalese. Aber das war nicht das Problem, nicht hier in Deutschland. Das Problem war auch nicht der Altersunterschied oder die soziale Kluft, sie war kaum über zwanzig, studierte Medizin. Sie trafen sich heimlich, noch war sie in der Obhut ihrer Eltern, aber die würden eines Tages „Ja“ sagen, da war er sich sicher, sicherer vielleicht als sie, die ihn letztlich auch nur als Aushilfe betrachtete. Denn da war noch das andere Problem: der Suff.

Sunil trank nie in der Öffentlichkeit. Er trank zu Hause, allein. Und er fand keinen Grund aufzuhören.

Belastungsheimfahrt: Wenn man nach Sri Lanka zurückkehrt, für einige Wochen Urlaub, und die Mutter stirbt, mitten im Gespräch, einfach so. Er war der Erstgeborene, nach drei Mädchen, er lag lange im Brutkasten, ihn hatte sie immer am innigsten behütet und geliebt und auch gefordert.

Malen hilft bei Kummer, Musizieren hilft, aber in den verbleibenden Stunden half nur der Suff.

Wenn er sich selbst trocken legte, dann kamen die Krampfanfälle, also musste er in die Therapie.

Ein langer Klinikaufenthalt, Belastungsheimfahrt und Rückfall. Er meldete sich freiwillig zurück, wurde aber aus disziplinarischen Gründen in die Freiheit entlassen.

Weitere Entziehungskuren. Oft bat er um Verlängerung des Klinikaufenthalts. Der wurde nicht gewährt, denn medizinisch gesehen war Sunil nach einigen Wochen gesund.

Das Gift ist schnell aus dem Körper, aber das eigentliche Gift war nie der Alkohol, sondern das Heimweh.

Wenn er nach Sri Lanka zurückkehren könnte, mit seinem eigenen Geld, dort einen Laden aufmachen, heiraten, eine Familie gründen und seltene Orchideen malen, die es nur im Dschungel gibt, dann wäre er glücklich geworden.

Die letzte Belastungsheimfahrt, die der Schwester. Sie war zu Besuch in Deutschland, eine gute Zeit, drei Monate waren geplant. Nach vier Wochen starb ihr Bruder an einem Schlaganfall, und sie fuhr mit der Urne zurück nach Sri Lanka.

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