Wirtschaft : Geb. 1964

Jens „Jet“ Hering

H.P. Daniels

Jens „Jet“ Hering

Bastler, Tüftler sind oft sparsame Menschen. Die werfen nichts weg, die reparieren, was noch zu reparieren ist. Die sammeln jede Menge Teile, weil man die ja vielleicht noch mal brauchen kann. Jens war so einer. Machte aus allem etwas: aus alten Mikrofonen, Tonbandgeräten, Radios, aus Motorrädern und Motorrollern. Er ertauschte sich solche Sachen, fand sie auf Flohmärkten. Geld war ihm nicht so wichtig, nicht jetzt. Vielleicht mal später, dafür sparte er, fürs Alter. Aber noch war er jung, und die Freiheit, tun zu können, was Spaß machte, war ihm wichtiger als eine Karriere in festen Bahnen mit regelmäßigen Bezügen.

Vor 15 Jahren war er aus Darmstadt nach Berlin gekommen. Hatte ein Studium abgeschlossen als Landschaftsarchitekt, es dann aber vorgezogen als Teilzeitangestellter im Kreuzberger Zweiradmuseum zu arbeiten. In der Köpenicker Straße bauten sie originalgetreue Nachbildungen des alten Nürnberger „Steib“-Seitenwagens aus den fünfziger Jahren, der heute wieder in aller Welt gefragt ist. Er machte die Werbung und später auch ein bisschen Management. Am Computer setzte er den Nikolaus in den „Steib“-Seitenwagen, die Grußkarte haben sie auch dieses Weihnachten wieder verschickt. Neben dem Job blieb Jens genug Zeit für die Basteleien zu Hause. In seinem Wohnzimmer nahm er mal ein schweres Motorrad auseinander. Mit drei Freunden hat er das Ungetüm die vier Stockwerke hochgeschleppt – und da stand es dann monatelang rum. Warum auch nicht, Jens hatte in seinen sechs Zimmern ja genug Platz. Der reichte auch für seine zweite Leidenschaft: Musik, Gitarren.

Überall an den Wänden der zwei Flure hingen elektrische Gitarren. Stundenlang hat Jens geübt. Die schönen Instrumentals aus den fünfziger und sechziger Jahren: Link Wray, Dick Dale, Shadows. Die gemeinsame Vorliebe für den drahtigen Klang von Surf und Twang hatte Jens mit der Instrumental-Band „Weirdo Stompers“ zusammengebracht, deren Gitarrist er schließlich wurde. Zwei Jahre ist das her.

Früher, als er noch bei „Vintage Riot“ spielte und bei „Astromama“, hatte er schon ein Auge auf die „Weirdo Stompers“ geworfen – auch auf deren hübsche Tänzerinnen, vor allem auf Stephanie. „Plötzlich waren die zusammen“, sagt Gitarrist Sandy, der Stephanie auch als langjährige Arbeitskollegin aus der Kulturverwaltung kannte. Steffi zog zu Jens, und er reparierte ihre alte Vespa, die ständig kaputt war. Irgendwann wollte sie sich einen neuen Roller kaufen, aber Jens sagte: So lang man den noch reparieren kann…! Er war schon sehr sparsam, fast knauserig, fand Steffi.

Weiße Jeans als Bühnenkleidung für die Auftritte? Ach nee, zu teuer. Und so oft kann man die eh nicht tragen. Jens war der Mann für die günstigere Lösung. Hawaii-Hemden aus dem Second-Hemd-Laden – warum nicht? Gepunktete und getigerte sahen auch gut aus am langen, dünnen, etwas blassen Jens, mit der großen Nase, den kurzen Cäsaren-Haaren und den langen, dünnen Koteletten. Auf der „Schönen Party“ in der Kalkscheune standen die Weirdo Stompers auf der Bühne. In Hawaii-Hemden. Aber, hey, wo bleibt denn Jens? Ach da ist er ja! Er kam im Baströckchen. Und sie spielten „Hawaii Five-O“.

Eine elektrische Gitarre durfte nicht mehr als 150 Mark kosten, fand Jens. Einmal war er dennoch drauf und dran, sich eine teure Fender Jazzmaster zu leisten – den Unterschied hört man ja doch. Aber dann: Ach nee, lieber nicht! Hingen ja schon genug Gitarren im Flur, diese ganzen exotischen Billigmodelle, die die Kollegen etwas mitleidig, aber auch bewundernd belächelten: Framus Strato DeLuxe, Hohner, Eko und so weiter. Da konnte er immer noch dran rumschrauben: Tonabnehmer auswechseln, Schaltungen verbessern, Teile tauschen. Und in ihren merkwürdigen äußeren Erscheinungen waren die Billigdinger natürlich ultracool. Und mit seinem Bandechogerät vor den Verstärker geschaltet, klangen sie auch gar nicht so übel.

Die blau glitzernde italienische Eko zum Beispiel mit den dicken Tonabnehmern und den seltsamen kleinen Schiebeschaltern, die Jens bei seinem letzten Auftritt spielte, Mitte August im „Blauen Affen“. Danach wollte er Urlaub machen mit Steffi, die gerade ihr Examen als Theaterwissenschaftlerin bestanden hatte. Zwei Wochen Gardasee. Aber da gab’s noch ein Problem. Sie konnten nicht los, bevor Jens nicht den Satz Reifen für seinen uralten Mini Cooper gefunden hatte. Keine leichte Sache, wegen dieses speziellen kleinen Formats. Auf den letzten Drücker bekam Jens noch die Reifen, und der Urlaub war gerettet.

Der Rückweg am 7. September. Die beiden freuen sich auf den Besuch bei Jens’ Eltern. Am Abend um acht haben sie übers Handy Bescheid gegeben, dass sie nicht mehr lange bräuchten bis Darmstadt. Einen Kilometer vor der Autobahnausfahrt übersieht ein betrunkener Franzose den weißen Mini auf der rechten Fahrspur, rammt ihn mit hoher Geschwindigkeit, schleudert ihn auf die Mittelleitplanke. Das kleine Auto fängt Feuer und brennt aus. Im Polizeibericht steht: „Für die Insassen des Mini Cooper kam jede Hilfe zu spät.“

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