Wirtschaft : Geb. 1965…

Patricia Ränker-Plischkowsky

Thomas Loy

…und Alexander Plischkowsky, geb. 1995. Das gemeinsame Leben – ein ruhiger Fluss. Ein kurzer Fluss.

Was ihm zu schaffen macht, ist die große Leere. Ein Phantomschmerz. Funktionieren muss man, sagt er. Also funktioniert er und redet. Er kann sogar lachen – tonlos. Was er an ihr mochte? „Alles.“ Er könnte auch sagen: Sie war die Frau meines Lebens. Meine Traumfrau. Wenn das nicht so abgenutzt und pathetisch klänge. Der Pfarrer hatte nach den „Highlights“ in ihrem gemeinsamen Leben gefragt, und er musste lange nachdenken. Am liebsten würde er sagen: Jeder Tag war ein Highlight. Ihr gemeinsames Leben, ein ruhiger Fluss und zugleich ein Glückslichtblitz. Schön war es. Kurz war es.

Da gibt es die Urlaubsfotos, wie Karteikarten abgelegt in einer Schachtel, die mit pastellfarbenen Muscheln bemalt ist. Die Fotos zeigen eine große Frau mit schulterlangen blonden Haaren, ein wenig pausbäckig, oft lachend, manchmal erschreckt vom Fotografen Marcus. Patricia auf den Bahamas, Patricia in Kenia, Patricia in Florida, Patricia und Marcus in Kalifornien. Orte voller Verheißungen. Urlaubsziele mit Wohlfühlgarantie. Patricia suchte sie aus, und Marcus wusste, dass sie ihm gefallen würden, weil sie zu ihnen passten. Urlaub sollte schön sein, nicht anstrengend. Trekking in Nepal hätte sie niemals ausgesucht.

Vor 15 Jahren begann das gemeinsame Leben mit einer Art Offenbarung. Es war der Abend vor dem 1. Mai und sie saßen im Café Bleibtreu. Vorher hatten sie sich nur beiläufig gekannt, mal in einer Discothek gesehen. Marcus hielt sie für fürchterlich arrogant. An diesem Abend trafen sie nun aufeinander und es war, so erscheint es, wenn Marcus davon erzählt, als hätte ein genialer Autor den Dialog geschrieben und ein genialer Regisseur die Pointen, die Blicke und das Lachen arrangiert. Das Gespräch dauerte viele Stunden, und die gemeinsame Freundin, die dabeisaß, wurde bald zur stummen Statistin.

Am 1. Mai frühstückten sie zusammen, wanderten durch den Tiergarten. Und zwischen ihnen war eigentlich alles geklärt. Einen Tag später zog sie zu ihm, damals war sie 22, er 23.

Das Glück lässt sich nicht beschreiben, also fahren wir im Zeitraffer fort: 1993 heiraten sie, klassisch in Weiß, mit Oldtimer. 1995 kommt Alexander zur Welt, „ein Wunschkind“. 1997 folgt Robert. Alles dreht sich um die Kinder, und keiner der Eltern vermisst sein eigenes Leben. Abends sitzen sie auf der Couch. Marcus liest und Patricia näht Kissen für das Kinderzimmer. Eine klassische Familie. Klassisch sagt Marcus immer wieder, klassisch und schön sind seine Worte, und manchmal klingt er selbst überrascht, wie geordnet und mustergültig ihr Leben verlief. Fast meint er, sich dafür entschuldigen zu müssen. Als langweilig hätten es wohl Außenstehende empfunden, aber Marcus sagt: „Uns war dit schön.“ Und er sagt: „Unser Hobby waren wir.“

Marcus macht sich selbstständig, damit er zu Hause arbeiten kann und mehr mit seiner Familie zusammen ist. Karriere und das große Geld verdienen waren nie ein Thema. Patricia ist Krankenschwester und muss früh aus den Federn. Marcus steht noch früher auf, geht zu seinem Bäcker, der noch in der Backstube schwitzt, und holt die frischesten Brötchen des Tages. Gemeinsam frühstücken, auch das war wichtig, weil es schön war. Von außen dringen nur selten Schatten in ihr kleines Himmelreich. Patricia erzählt nicht viel von ihrer Arbeit auf der Dialysestation, von den Menschen, die „scheibchenweise sterben“. Wenn sie jemand darauf anspricht, kontert sie mit schwarzem Humor.

Zu sprechen ist an dieser Stelle auch von Alexander, dem älteren Sohn. Blond und fröhlich wie seine Mutter war er. „Ein Schöngeist“, sagt sein Vater, nachdenklich, aber auch quirlig. Wie ein Flummi ist er oft herumgesprungen in der Wohnung. Alexander konnte sich freuen, wenn ein frischer Blumenstrauß auf dem Küchentisch stand. Er konnte draußen mit seinen Freunden herumtoben und dann plötzlich hereinschneien und Patricia sagen: „Mami, ich hab’ dich lieb.“

Im Kinderzimmer, das er sich mit Robert teilte, stehen noch das Piratenschiff und die Ritterburg von Playmobil, monströse Steckfiguren von Lego und die kleine Rennbahn. Damit spielten die Brüder – oder sie kloppten sich drum. Die Kissen in seinem Bett hatte Patricia für ihn genäht, mit Clowns und Tieren drauf. Alexander brauchte viele Kissen, um sich wohl zu fühlen.

In diesem Sommer sollte Patricia mit den Kindern und ihrer Mutter allein in den Urlaub fahren, nach Österreich. Marcus hatte keine Zeit. Kurz hinter Bayreuth stauten sich die Autos. Patricia hatte gerade angehalten, da raste von hinten ein Auto heran. Den Unfall überlebten nur Robert und Patricias Mutter.

Die Frage nach dem Warum ist abstrus, sagt Marcus. Hätte er jemals an einen gütigen Gott geglaubt, dann würde er jetzt damit aufhören. Aber das Warum lässt sich nicht einfach aus dem Bewusstsein drängen. Nicht, wenn man aus dem Himmel in die große Leere fällt. Warum wir, die doch alles richtig gemacht haben? Die zufrieden, gesund, heiter waren? Warum?

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