Wirtschaft : Geb. 1965

Ines Rothenhagen

Stefan Jacobs

Ines Rothenhagen

Selten hat sich eine Investition so schnell bezahlt gemacht wie der Motorradhelm, den sie sich am 27. April 1982 gekauft hat. Tags darauf spielte die Blues-Band „Engerling“ am Plänterwald. Ines, gerade in der elften Klasse, fuhr mit ihrem neuen Freund Ralph auf dessen Motorrad hin. Auf einer 250er mit verkleidetem Scheinwerfer und Windschutzscheibe. Auf der Rückfahrt dann der Unfall – noch am selben Abend durften sie mit frisch gegipsten Beinen wieder nach Hause. Ines’ Eltern lernten bei dieser Gelegenheit ihren künftigen Schwiegersohn kennen. Während der langen Gipsbeinzeit beschlossen Ines und Ralph, ihr weiteres Leben gemeinsam zu verbringen.

Ines studierte Mathe und Physik, um Lehrerin zu werden, Ralph war Bauleiter, und wenn sie Zeit hatten, fuhren sie nach Lichtenberg in die Weitlingstraße zum „Kleinen Café“. Von dem Motorradtreff aus brachen die Biker zur kontrollierten Rebellion auf: Bei schönem Wetter fuhren sie zum Kaulsdorfer See, bei mäßigem veranstalteten sie illegale Beschleunigungsrennen und bei schlechtem bastelten sie an ihren Maschinen. Bei den Touren fuhr mal Ines, mal Ralph, und so kamen sie mit ihrer MZ auf 30000 Kilometer im Jahr – angesichts der Ausmaße der DDR eine Menge.

Seit 1984 wurde es viel weniger, weil Ines sich ein Geschwür am Hals wegoperieren lassen musste. Danach konnte sie ihren rechten Arm nicht mehr heben und deshalb auch nicht mehr allein Motorrad fahren. Lehrerin konnte sie nun auch nicht mehr werden. Die Freunde blieben, weil auch Ines sich kaum veränderte. Von Verzweiflung keine Spur. Eigentlich trug sie nur die Haare anders als zuvor. Nicht mehr so lang und ein bisschen dunkler. Die Wahrheit kam zum Vorschein, als Ines bei einer Gartenparty den Pflaumenbaum streifte und ihre Perücke an einem Zweig hängen blieb. Nun wussten alle, warum Ralph sie jedes Mal so fest umarmte und ihre Haare umfasste, wenn sie vom Motorrad stieg und ihren Helm abnahm. Immerhin gab das Geschwür nach der Chemotherapie Ruhe, Ines studierte Betriebswirtschaft und die Haare wuchsen wieder.

Zehn Jahre später flog sie mit Ralph in die USA. Fast ein Vierteljahr lang waren sie dort. Sie genossen die Gemütlichkeit von Philadelphia und Boston, staunten über den Wahnsinn von New York und lachten über die kleinstädtische Ödnis, die sich an jedem Freitagnachmittag über Washington D.C. legte. Meist stiegen sie freitags in den Zug, wenn die letzte Krebsbehandlung überstanden war. Das Geschwür an Ines’ Hals hatte wieder zu wachsen begonnen und sich so fest zwischen Halsschlagader und Wirbelsäule eingenistet, dass sich kein Arzt in Deutschland herantraute. In Harvard gab es ein Bestrahlungsgerät, das auf einen zehntel Millimeter genau zielen konnte. Es half. Zumindest ein wenig.

Ines bekam inzwischen Rente, obwohl sie gern wieder bei der Allianz als Vertreterin gearbeitet hätte. Sie war dort die Verkaufskanone, die sogar mit den Leuten in Mecklenburg Geschäfte machen konnte. Vielleicht lag das ja einfach ihrem Prinzip, den Leuten keinen Unsinn aufzuschwatzen. Sie hätte den Job gern weiter gemacht, aber sie ging auch nicht daran kaputt, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Nicole hat ihr viel Kraft gegeben, die Tochter. Ein Kind hatten sie sich schon lange gewünscht, aber sie haben nach der ersten Chemotherapie vorsichtshalber fünf Jahre abgewartet. Nicole wurde 1991 geboren und wusste schon als kleines Mädchen, dass sie ihre Mutter nicht für immer haben würde. Sie ist nicht nur ein Wunschkind, sondern auch ein geplantes. So, wie bei Ines und Ralph in den letzten Jahren eigentlich alles geplant war. Ein Haus haben sie nicht gebaut, weil Ralph nicht allein auf den Schulden sitzen bleiben sollte. Urlaub haben sie gebucht, wenn gerade keine Behandlung anstand. Aber am Ende haben sie dann doch mehr für Stornierungen als für die Reisen ausgegeben.

Letzten Sommer haben sie es noch einmal geschafft: Zwei Wochen lang mit einer 1100er BMW, einem richtig bequemen Dickschiff, alle Pässe in der nördlichen Schweiz rauf und runter. Sie haben es genossen, obwohl die Ärzte längst gesagt hatten, Ines sei „austherapiert“. An dieses Wort konnte sich Ralph nicht gewöhnen, obwohl sein Verstand sonst alles mitmachte. Den Bauch fragte er schon längst nicht mehr.

Nach dem Sommerurlaub haben sie angefangen, Abschied zu nehmen. Ines’ großer Traum war es, eines Tages auf Nicoles Hochzeit zu tanzen. Schließlich wünschte sie sich einfach, dass aus ihrem Kind was wird. Zum nächsten Schuljahr wechselt Nicole aufs Sport-Gymnasium, weil sie so gut Volleyball spielt. Die normalen Schulfächer sind sowieso kein Problem.

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