Wirtschaft : Geb. 1965

Helge Boekstegers

Marc Neller

Helge Boekstegers

Vielleicht hat die Geschichte seines Lebens erst im vergangenen Sommer begonnen, die Geschichte, auf die alles hinauslief. Wenn Helge Boekstegers nach Hause kam, wirkte er ganz verändert. Diese unterschwellige, fiebrige Unruhe dessen, der sein Ziel sucht, war kaum mehr zu spüren. Irgendwann sagte er: „Jetzt weiß ich, dass es richtig ist. Ich glaube, ich kann noch einiges schaffen“. In den folgenden sechs Wochen betreute er tagsüber die behinderten Kinder, danach arbeitete er an einem Handbuch zur Pflegebetreuung, hastig, wie einer, der viel nachzuholen hat. Manchmal bis spät in die Nacht. Am Donnerstag, den 23. Oktober übergab er seinem Chef einen schmalen Aktenordner. Zwei Tage später war er tot. Herzinfarkt. Sechs Wochen für ein Leben.

Seine Frau sagt: „Schön, dass er noch so etwas wie seine Berufung gefunden hat. Schön, dass jemand seine Arbeit und sein Talent anerkennt.“ „Tragisch“, sagt sein Chef. Seit er 36 war, arbeitete Helge regelmäßig. Endlich konnte er sich und die Familie ernähren. Zwei Studien hatte er nach jeweils sieben Jahren abgebrochen, nebenher und danach gearbeitet, aber immer wenig verdient. Danach zwei Jahre Sozialhilfe. Mit der Frau hat er vereinbart, dass er das Geld ranschafft und sie den Sohn erzieht. Seit eineinhalb Jahren machte er den Pflegedienst, und sein Chef war erstaunt, wie schnell Helge Zugang auch zu den sehr Verschlossenen fand.

Der Chef war auch Freund. Er wusste von Helges schwierigem Verhältnis zu den Eltern und den beiden Brüdern. Der Vater war Arzt, die Brüder wurden Ärzte. Helge nicht. Sein Medizinstudium hat er nie ernst genommen. „Er wollte zwei Dinge: helfen und dass alles einen Sinn hat“, sagt seine Frau. Er versuchte es dann noch mit einem Theologiestudium, aber auch das war ein Missverständnis. Er verachtete die Dogmen, blickte nicht an den Gedankengebäuden hoch, sondern besah misstrauisch ihr Fundament. Theorien interessierten ihn, aber ein Theoretisierer war er nicht.

Er hatte andere Stärken. „Es gibt nicht viele, die sich so schnell und bedingungslos auf jemanden einstellen können wie Helge“, sagte sein Chef auf der Beerdigung. „Er hatte von Anfang an den Mut, sich ganz zu zeigen, ohne jeden Schutz. Den Mut sich ganz zu verlieren.“ Helge Boekstegers hat oft gedacht, dass irgendwann die Welt begreifen müsse, dass gut ist, was er tat. Auf der Trauerfeier, so scheint es, beginnt ein Teil seiner Welt zu begreifen. Was die Familie über ihren Sohn und Bruder hört, lässt sie erstmals ahnen, dass Helges Leben nicht gescheitert ist.

Wie viel Geld braucht man, um dem Leben einen Sinn zu geben? Er hat die Frage anders beantwortet als die Familie. Nicht, dass er kein Geld haben wollte. Er hatte immer welches, Taschengeld, später, nachdem sein Vater gestorben war, Waisenrente. Er hatte Zeit, zu suchen und konnte es sich leisten, ehrenamtlich zu arbeiten, seit er vierzehn war. Doch die Regeln, die das Geld dem Leben aufzwingt, hat er noch verleugnet, als er es sich eigentlich nicht mehr leisten konnte. Er gab zu viel Trinkgeld. Und wenn seine Frau etwas haben wollte, es aber zu teuer fand, sagte er: „Jetzt erst recht.“ Sie fuhren mal zu einem Juwelier in die Münchner Maximilianstraße, der Student und die Arzthelferin. Sie wollten 1000 Mark ausgeben, doch der Juwelier bedauerte. Er zeigte ihnen einen Ring aus Gelbgold, mit einem Aquamarin und zwei in Platin gefassten Saphiren. 2800 Mark. Draußen setzten sich auf eine Treppe, besprachen die Angelegenheit – und gingen zum Geldautomaten. Als später die Sorgen kamen und sie den Ring verkaufen wollte, sagte er: „Das bringt doch nichts. Das Geld, das wir bezahlt haben, kriegen wir nie wieder. Wenn Du den Ring behältst, behältst Du die Erinnerung, einen glücklichen Moment.“

Wie viele solcher Momente mag er gehabt haben? „Glück war in seinem Leben wohl so selten wie in meinem“, sagt die Frau. Gesucht hat er es in Dingen, in denen er sich verlieren konnte: in der Musik, die er stundenlang auf Kassetten überspielte, auf seinem Surfbrett, auf dem er sich übers Meer treiben ließ, in den Gedanken über Leben und Tod, denen er sich Nachmittage lang auf einer Parkbank ergab. Vielleicht war der Mut, sich ganz zu verlieren, von dem sein Chef sprach, auch ein Zwang, eine Strategie.

Und dann ist da Ascher Lev, eine Romanfigur von Jaim Potok, ein hochbegabter, sensibler, in sich gekehrter Junge. Er kennt nur eine Passion, die Malerei. Er malt und zeichnet immer, auch in Gedanken, wenn er kein Papier vor sich hat, und stellt klare, direkte Fragen nach Leben und Tod. Mit weit offenen Augen beobachtet er gedankenverloren die Welt, nimmt sie in sich auf. Aber immer ist er auch abgewandt von dieser Welt. Seine Eltern verstehen ihn nicht. Es war eins von Helges Lieblingsbüchern.

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