Wirtschaft : Geb. 1966

Thomas Sojka

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Er diskutiert nicht so gern wie die anderen im Tacheles. Er bringt Sachen zu Ende.

Es kommt schon mal vor, dass sich ein Künstler benachteiligt fühlt, im freien Haus der Kunst. Gemeint ist das Tacheles, Berlins Kreativ-Ruine. Da hat zum Beispiel der eine ein Fenster in seinem Atelier und der andere nicht. Das ist nicht fair. Da muss man was gegen machen. Ein Loch zum Beispiel, ganz frei mit dem Hammer in die Wand gehauen. Geht doch, sagt der Künstler. Was kümmern ihn der Regen, das Bauamt, die Feuerwehr? Er ist längst wieder bei seiner Kunst, bei neuen Projekten. Da kommt Thomas Sojka, genannt Tombo, und mauert das Loch in der Wand wieder zu. Ohne Worte. Er diskutiert nicht so gern wie die anderen im Tacheles, er bringt Sachen zu Ende.

Manche nennen ihn den „technischen Direktor“ des Hauses, in dem es solche Titel offiziell nicht gibt. Aber einer muss es ja machen. Muss mit dem Bauamt verhandeln, wenn mal wieder die Sprengung des Hauses ansteht, muss sich die Beschwerden der Feuerwehr anhören, das große Schlüsselbund für das fünfstöckige Haus mit sich herumtragen und abends im Safe verschließen. Das ist Tombo. Er hat den undankbarsten Job im Haus, keiner bezweifelt das. Und er wird kaum dafür bezahlt. Um zu leben, jobbt er nebenbei als Ausstellungsbauer, in der Nacht.

Er malt auch selbst, in einem kleinen Hinterhofatelier, einem ehemaligen Holzlager. Für die große Idee des freien Kunsthauses stellt er die eigene Arbeit aber in den Hintergrund. Aus Aachen war er nach Berlin gekommen, irgendwann in den achtziger Jahren, wie so viele auf der Suche nach einer Sache, für die es sich zu leben lohnt. Schon bald gehörte er zu der Gruppe, die den „Stuttgarter Hof“ am Anhalter Bahnhof besetzte. Ein paar Jahre später, im Februar 1990, fanden sie dann das Tacheles, fast zufällig bei einer Spritztour durch den unbekannten Osten.

Die ersten Jahre sind die, in denen alles möglich scheint. Plötzlich hat die Utopie doch einen Ort: die alte Kaufhausruine auf der Oranienburger Straße, in die ein paar Dutzend Männer einziehen, um Kunst, Leben, Gesellschaft und den ganzen Rest von Grund auf neu zu definieren.

Thomas Sojka hält für diesen Ort zur Not auch die Haut hin: Im Juni 1990 greifen Neonazis an und werfen Molotowcoctails in die Fenster im Erdgeschoss. Als der erste Sprengsatz explodiert, löscht er das Feuer. Es geht ganz gut – bis der zweite Molli angeflogen kommt, direkt auf ihn zu. Das Ding explodiert, zerfetzt ihm die Haut an den Händen, auf der Brust, im Gesicht. Wie ein Monster sieht er aus, sagt ein Freund. Die Ärzte nehmen Haut von den Oberschenkeln und verpflanzen sie ins Gesicht, so viel, bis man irgendwann wieder hineinschauen kann. Ein Jahr lang trägt er weiße Handschuhe, die Haut an den Händen muss nachwachsen.

Die frühen Neunziger sind die legendären Jahre des Tacheles, auch die der wildesten Parties. Bei einer fällt ein Mädchen vom ungesicherten Dach, liegt monatelang im Koma. Darum kümmert man sich, wenn man wie Sojka im Vorstand des Tacheles e.V. arbeitet. Er schlägt sich mit den Rechtsanwälten rum, geht auch mal ins Krankenhaus. Die anderen feiern weiter, während Sojka und ein paar weitere das fast Unmögliche versuchen: Verantwortung für das Chaos zu tragen. Auch, als es in den nächsten Jahren aufwärts geht mit dem Tacheles.

Der Ruinencharakter bleibt zwar erhalten, äußerlich, doch innen wird für viele Millionen saniert. 400 000 Touristen kommen jährlich zum Staunen, und im Erdgeschoss verkauft ein Kleinkünstler eingefasste DM-Münzen als Schlüsselanhänger. Die Anrufe der Feuerwehr und Bauaufsicht werden weniger. Eigentlich müsste er sich freuen, der Sisyphos von der Oranienburger, der jeden Stein wieder hochträgt, den ein anderer hinunter geworfen hat. Doch es macht ihn nicht glücklich. Zu viel Kommerz, zu viel Streit um Macht und um Geld, vom dem er nicht mal genug hat, um zu überleben. Zu viel Einsamkeit. Immer häufiger verkriecht er sich in seinem Atelier, das nun 200 Meter vom Tacheles entfernt in der Linienstraße liegt. Er kommt immer seltener rüber, und irgendwann kommt er gar nicht mehr.

Ganz hinten auf dem Speicher des Tacheles steht ein Bild von ihm, sehr groß, sehr rot, sehr schwarz. Dass er suizidgefährdet war, wussten einige, aber was macht man mit dem Wissen? Hier kümmert sich jeder um sich selbst, das ist der Preis der Freiheit. Man kann ihn ja nicht rund um die Uhr bewachen, den erwachsenen Mann, der sich plötzlich allein fühlt unter vielen Menschen, dem die Kraft, für eine Idee zu leben, irgendwann abhanden kam.

Anfang Juni hat sich Thomas Sojka in seinem Atelier erhängt. Es dauerte eine Woche, bis jemand nach ihm suchte und ihn vom Seil schnitt. Zu seiner Beerdigung kam die Verwandtschaft aus Aachen. Zwei Künstler aus dem Tacheles wurden auch gesehen. Kirsten Wenzel

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