Wirtschaft : Geb. 1966

Stephanie Dahms

Ariane Bemmer

Stephanie Dahms

Einmal ging sie in die Deutsche Oper, sah sich ein Ballett an, und fand so die Liebe ihres Lebens, den Tanz. Ein andermal, knapp 20 Jahre später, fuhr sie mit ihrem Freund und seinem kleinen alten Auto in den Urlaub. Auf dem Rückweg hatten sie einen Unfall.

Wie viele Entscheidungen fällt ein Mensch am Tag, in einer Woche, im Jahr? Zigtausende. Ob er Ja sagt oder Nein, links geht oder rechts, zu Hause bleibt oder ausgeht, sich einmischt oder raushält. Manche haben kleine, einige keine und ganz wenige große Folgen. Stephanie Dahms hat zwei Entscheidungen getroffen, die alles entschieden.

Als sie nach dem Ballett wieder zu Hause in Frohnau war, saß sie in ihrem Kinderzimmer und dachte nach. Die Bilder tanzten noch vor ihrem inneren Auge. Diese schwebenden, tippelnden, trippelnden, sich drehenden, springenden, wunderbaren Körper. Verkleidet wie Hänsel und Gretel, wie die böse Hexe, in simpler Kulisse. Das müsste man können. Aber wie? Sie war 18 Jahre, erwachsen. Viel zu alt für den rosa Turnanzug, für Ballettschühchen und Demi Plié. Oder sollte sie doch noch anfangen zu tanzen? Sie saß und überlegte und dann entschied sie sich, den zu fragen, der es wissen musste. Sie schrieb einen Brief an David Roland, den Solotänzer aus der Aufführung. Der schrieb zurück: Wenn du tanzen willst, dann tanze.

Mit klassischem Ballett ging es durch die Abitur-Zeit, dann die Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, da kam zum klassischen Ballett Jazzdance dazu, dann der erste Job in der Schreibstube der Kulturverwaltung, sie hatte sich auf eine Anzeige beworben. Sie tippte für die Behörde und tanzte hinterher im Ballettcentrum, in der Tanzfabrik, Dock11 oder TanzArt. Dazu Aufführungen: bei einer Modenschau, bei Galas, beim Musik-Festival. In der Kulturverwaltung lernte sie immer mehr Namen von Gruppen und Theatern kennen, und durchs Tanzen bekamen die Namen Gesichter. Eine Annäherung von zwei Seiten: Professionelle Tänzerin konnte sie nicht werden, also hat sie die Verwaltung des Hobbys zum Beruf gemacht. 1994 fing sie auch noch ein Studium an. Theaterwissenschaften an der Freien Universität. Sie hat es abgeschlossen, eine 1,7 für ihre Magisterarbeit bekommen: gut und besser. Alles lief rund, das Leben machte Spaß.

Einer aus der Behörde, Sandy, hatte eine Band. Die „Weirdo Stompers“. Steffi schlug vor, bei den Auftritten zu tanzen. Sie hätte da eine Freundin, die mitmachen würde. Die beiden überlegten sich ein Bühnenprogramm mit Verkleidung: spitze Sonnenbrillen und Wasserpistolen zum James-Bond-Sound, Pelzmützen zum russischen Stück, Goldlametta für den Egyptian Reggae. Einer, dem das besonders gefiel, war Jens.

Jens war Gitarrist, spielte am liebsten diese Surf-Musik und half auch mal bei den „Weirdo Stompers“ aus. Er war einer von diesen verrückten Typen, so ein Dünner mit Koteletten und bunten Hemden und mittendrin in der Szene. Das gefiel ihr. Sie wurden ein Paar, fünf Jahre ist das her. Vor drei Jahren ist sie bei ihm eingezogen, in seine Sechs-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg. Vierter Stock und Kohleofen. Es war nicht immer friedlich.

Die Musik und der Tanz, das vor allem war es, was sie gemeinsam hatten, das war die große Liebe, der die Verschiedenheit der beiden nichts antun konnte. Jens, der sich nichts leisten wollte, alles dauernd reparierte und seine Ansprüche den Mitteln anpasste. Steffi, die von zu Hause anderes gewöhnt war. Kein Geprotze, aber was man mochte, das gönnte man sich. Jens, der früh aus Darmstadt nach Berlin gezogen war, der Verpflichtungen scheute. Und Steffi, die Zielstrebige, die immer auch Tochter aus Frohnau blieb. Einmal die Woche Treffen mit der Mutter, dicke Einkäufe und lecker Essen, oder mit dem Vater am Computer sitzen und mit ihm Kunstforen fürs Internet entwerfen. Manchmal schimpfte sie auf ihren knauserigen Freund. Dabei musste sie, die Tänzerin, sich doch auch einiges verkneifen, musste sich schlank und fit halten. Später, das hatte sie sich vorgenommen, würde sie nur noch Kuchen mit Sahne essen.

Im Sommer ging es erst mal in den Urlaub. Jens wollte, dass sie mit seinem Mini Cooper fahren, ein altes Ding aus den Sechzigern. Für den brauchte er nur noch neue Reifen. Aber die kamen und kamen nicht. Kein Problem für einen, der sich seine Zeit einteilt, aber wohl eins für Steffi, die ihren Urlaub abzustimmen hatte im Büro. Wehe, wenn die Reifen nicht pünktlich kommen! Ende August waren sie da und es ging los. Zwei Wochen Gardasee. Sie hatten eine Digitalkamera dabei, die Steffi zum 37. Geburtstag von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Die Bilder hat niemand je gesehen.

Der Rückweg am 7. September. Die beiden freuen sich auf den Besuch bei Jens’ Eltern. Am Abend um acht haben sie übers Handy Bescheid gegeben, dass sie nicht mehr lange bräuchten bis Darmstadt. Einen Kilometer vor der Autobahnausfahrt übersieht ein betrunkener Franzose den weißen Mini auf der rechten Fahrspur, rammt ihn mit hoher Geschwindigkeit, schleudert ihn auf die Mittelleitplanke. Das kleine Auto fängt Feuer und brennt aus. Im Polizeibericht steht: „Für die Insassen des Mini Cooper kam jede Hilfe zu spät.“

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