Wirtschaft : Geb. 1967

Andy Heimke

Gregor Eisenhauer

Andy Heimke

Achtzehn Stockwerke. Ist er die Treppen hinaufgelaufen? Oder im Aufzug gefahren? Hat er innegehalten, bevor er sprang? Gab es kein Zögern, keine Erinnerungen, die ihn am Leben hielten?

Damals als er auf der Berliner Mauer stand, drei Tage und Nächte feierte. „Wir waren dabei, wir haben die Mauer eingerissen!“ Die Zeit der Träume. Im Westen wie im Osten. Die große Befreiung, die Riesenparty und das gute Gefühl, dass sich Nationalstolz einmal nicht am Bruttosozialprodukt misst. „Endlich bewegt sich was!“

Die Welt stand offen. Für ihn ohnehin. Perfekt zweisprachig, charmant, lebensfroh. So viele Bilder von so vielen Reisen. Animateur in Apulien, Rucksacktourist in Thailand, in Vietnam. Südamerika. Die Rückkehr aus Afrika, er trug afrikanische Kleidung, wollte Afrika hier – denn dort zu bleiben, dazu fehlte ihm dann doch der Mut.

Erwachsen. Wann ist man erwachsen? Wenn man Fehler macht, die sich nicht mehr revidieren lassen. Kafkas Dilemma.

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Der Tag der Segelregatta. Er kam zu spät, wie so oft, verpasste die Steuermannsbesprechung. Starkwind, alle Boote kenterten, er nicht, er kam an, aber er war den falschen Kurs gesegelt. Disqualifikation. Die erste in einer langen Reihe.

Die Entscheidung für das betriebswirtschaftliche Studium – war vernünftig. Die Entscheidung für einen großen Konzern zu arbeiten – war vernünftig.

Er brauchte Sicherheit, schloss drei Lebensversicherungen ab. Er brauchte klar umrissene Aufgaben, in die er sich hineinknien konnte.

Er arbeitete im Controlling, das tat er sehr gerne. Das Private vergessen. Klein, klein.

Aber er konnte auch gut mit Menschen, war offen, ehrlich, viel zu ehrlich, keine Führungskraft also.

Und dann, statt des erhofften Karrieresprungs nach China: lebenslänglich die Pfalz. Einfamilienhaus. Fröhliche Weinberge. Besenwirtschaften. Garagenfeste. Samstägliche Wagenwäsche. Aus allen Träumen verkatert erwacht.

Vier Millionen Deutsche sind schwermütig, manche sagen acht Millionen. 33 Millionen in Europa. Jeder sechste stirbt daran. Und die Zahlen steigen weltweit – in den reichen Ländern.

Die besorgte Frage der Mutter: „Ist er jetzt eigentlich glücklicher in seinem Job?“ Die Antwort des besten Freundes: „Nein, er ist nur seriöser geworden.“

Er war nicht allein. Die Mutter, der beste Freund, die Freundin. Der Karrierepakt. Keine Kinder im Haus. Stattdessen: zwei Wurlitzer Jukeboxen bestückt mit Hunderten CDs. Und penibel katalogisiert mehrere Hundert CDs im Schrank. Er konnte sich jeden Musikwunsch erfüllen, aber er wusste nicht mehr genau, welche wirklichen Wünsche ihm noch geblieben waren.

Die Tristesse der materiellen Welt. Der praktischen Vernunft. Er war nicht antriebsschwach, nicht handlungsunfähig in den alltäglichen Dingen: Im ICE wollte er wissen, ob er in Neustadt oder in Mannheim umsteigen muss. Der Schaffner konnte die Auskunft nicht geben. Also stieg er in Neustadt aus, tat so als wolle er aussteigen: ein Bein auf dem Bahnsteig, ein Bein im ICE. „Dieser Zug fährt nicht ab, bevor ich nicht die Auskunft habe!“

Keine Kompromisse im Kleinen. Da war er ganz souverän. Den Zug konnte er aufhalten, den eigenen Niedergang nicht.

Manisch depressiv, bipolar, das erklärt viel und nichts. Schon die Diagnose ist zwiespältig: hilfreich zu wissen, woran man ist – stark die Verführung, sich von nun an in die Krankheit hineinzusteigern. Als wäre das Ende unausweichlich.

„Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, beenden Sie Ihr Leben! Aber dafür müssen Sie doch nicht sterben!“ Es gab kluge Ratschläge. Von vielen Seiten.

Therapiesitzungen, Einzelgespräche – aber, auch das war eine Bühne, er nahm die Rolle des Kranken an, spielte mit, und hätte doch gern die Maske fallen lassen.

Und natürlich nahm er Medikamente. Suchte die Hilfe der Ärzte. Wurde in den letzten Wochen zum pharmazeutischen Versuchsfeld.

„Ich will nicht sterben, aber ich hab’ so Sehnsucht danach.“ Das sah man ihm nicht an. Vielleicht wurde er deshalb nicht so ernst genommen.

Er hätte nicht unbegleitet aus der Tagesklinik gelassen werden dürfen. Obwohl er Medikamente nahm. Natürlich nahm er Medikamente. Er hätte sich lebenslänglich auf Medikamente verlassen können, aber er konnte sich auf sich selbst nicht mehr verlassen. Dann helfen auch Medikamente nicht mehr.

Die Angst es nicht zu schaffen, die Angst etwas versäumt zu haben, lässt sich nur auslöschen, wenn man sich selbst bis zur Unkenntlichkeit auslöscht.

Auf dem Rückweg in die Klinik ist er aus dem Wagen gestiegen.

„Du, ich such mir schon einen Baum aus“, hatte er der Mutter Wochen zuvor gesagt. „Ich funktioniere nicht mehr.“ Den Irrtum ließ er sich nicht mehr ausreden. Von keinem.

Er war nicht allein. Nicht ungeliebt. Er hatte Erfolg. Nüchtern gesehen fehlte es ihm an nichts. Nur Lebensmut hatte er keinen mehr. Aber wie viel Mut braucht es, vom achtzehnten Stock zu springen?

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