Wirtschaft : Geb. 1970

Lars Rutz

Bernd Matthies

Lars Rutz

Das große Foto am Eingang des Restaurants zeigt, wie Lars Rutz es am liebsten hatte: Da sitzt er glücklich zwischen Küchenchef Ralf Zacherl und seiner Lebensgefährtin Anja Schröder, und beide lassen aus einer Kiste einen Regen von Weinkorken über ihn prasseln. Genuss und Lebensfreude bei Wein und gutem Essen - das waren die Koordinaten seines Lebens, seit er mit 17 eine Lehre als Restaurantfachmann begann. Eine ziemlich unnütze Lehre, wie sich bald herausstellte. Denn Rutz stammt aus Wernigerode, und die kleine Stadt am Ostrand des Harzes konnte zu DDR-Zeiten einem Perfektionisten wie ihm wenig bieten. Als die Mauer fiel, ließ er Heimat und Familie hinter sich und lernte den Job noch einmal richtig, in einem Spitzenrestaurant am Main.

Dabei hätte er es auch in der DDR zu etwas gebracht. Als Jugendlicher gehörte er zu den besten Nachwuchsfechtern des Landes. Fußball, das war nicht das Richtige, denn als er das erste Mal mit Schwung im Matsch landete, war ihm klar: zu dreckig, das Ganze. Schauspieler, das wäre es gewesen, aber der Einstieg wollte nicht gelingen. Die Arbeit als Kellner aber spielte sich in geschlossenen Räumen ab, man zog sich akkurat an, ging respektvoll mit sich und den Gästen um und schauspielerte manchmal auch ein wenig - so konnte es weitergehen. In den „Schweizer Stuben“ in Wertheim, seiner ersten Station, arbeitete Rutz beim berühmten Sommelier und Restaurantchef Pedro Sandvoss. Hier fand er das Thema, das ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr losließ: den Wein.

Der Zeitpunkt war perfekt. Denn in den frühen Neunzigern begannen junge Winzer, den deutschen Wein von seinem vorgestrigen Ruf zu befreien. Wissen war gefragt, und so brachten es einige der jungen Sommeliers zu TV-Prominenz und einer Art Starruhm – und Lars Rutz galt alsbald als eines der kundigsten Nachwuchstalente. Denn als akribischer Planer ließ er die Dinge nicht einfach auf sich zukommen, sondern arbeitete systematisch, immer vorwärts. Mit 30 wollte er selbstständig sein, mit 40 genug auf der Seite haben, um im eigenen Häuschen in der Südsteiermark Bilanz zu ziehen und die Familie gedeihen zu sehen. Nach zwei Jahren in Wertheim, gerade 22 Jahre alt, war er reif für die erste gehobene Position in Erlangen, dann ging er im festen Zweijahrestakt einen Schritt nach dem anderen. Vizechef im Kerpener Schloss Loersfeld – dort wurde er auch Vater eines Sohnes – , Chef im „L´École" in Bad Laasphe, Chef mit Verantwortung für drei Kölner Restaurants auf einmal. 1998 wechselte er schließlich ins Berliner Grand Hotel Esplanade, als Restaurantchef und Sommelier. Die Hauptstadt hatte nur auf ihn gewartet.

Denn er fiel auch hier gleich wieder auf. Da war einer, der bei aller eigenen Begeisterung keine Volkshochschule inszenierte, der die Gäste nicht mit auswendig Gelerntem traktierte, sondern sie mit natürlicher, humorvoller Herzlichkeit an seinem Lebensgefühl teilhaben ließ und zu Mitwissern seiner Entdeckungen machte. Dass er alles beherrschte, was es über Wein und Essen zu wissen gab, nahm man als selbstverständlich, gerade, weil er nie Dogmen verkündete oder auf Prinzipien herumritt. Einige Gäste, die ihn besser kannten und genauer ansahen, drängten ihn freilich, doch einmal diese Sache da am Hals ärztlich untersuchen zu lassen... Ach ja, sagte er dann, mache ich mal.

Er machte es aber erst, als es sehr kritisch wurde – und verbrachte das Jahr 2000 nicht in Selbstständigkeit, sondern krankgeschrieben, um sich von der Hautkrebs-Operation in der Charité zu erholen. Doch das war ja dann erledigt, nicht wahr? Mit heillosem Optimismus machte er sich mit seiner neuen Lebensgefährtin Anja Schröder, die er selbst ein Jahr zuvor als Kellnerin im „Harlekin" eingestellt hatte, auf die Suche nach dem Ort für die eigene Weinbar. Gendarmenmarkt? Zu teuer. Kantstraße? Besser, aber es wurde nichts draus. Dann das seltsame zweistöckige Objekt in der Chausseestraße, gegenüber vom Dorotheenstädtischen Friedhof: schwierig, keine Parkplätze, dunkle Ecke, aber es hatte was. Selbstständig, gerade noch, mit 30! Küchenchef Ralf Zacherl, einst jüngster deutscher Sternekoch, vorher im gescheiterten „Stil", war gerade frei und nahm das Kochen in die Hand.

Glücksfälle allesamt. Die Gäste kamen wegen der günstigen Weine und des originellen, perfekt zubereiteten Essens, sie kamen wegen der enthusiastischen Kritiken, oder weil alle anderen auch hingingen. Und sie kamen wieder vor allem, weil Lars Rutz der ideale Gastgeber war, einer ohne Feinde und Neider. Zusammen mit sechs Kollegen, den „Weinfunatikern", entwickelte er für Schott Zwiesel eine Reihe von Weingläsern und plante den Ausbau eigener Weine, während die Weinbar in den Restaurantführern aufstieg. Die Auszeichnung „Berliner Sommelier des Jahres 2003" war also wie für ihn gemacht. Doch als er die Urkunde im Oktober 2003 glücklich lächelnd annahm, machte er auch sein Meisterstück als Schauspieler. Denn der Krebs war längst zurück, unheilbar, wie es aussah. Niemand außerhalb des engsten Kreises durfte es wissen, hatte er beschlossen, um den Betrieb nicht zu gefährden. Kein Gast sollte aus Mitleid kommen und dann womöglich aus Befangenheit gar nicht mehr. Morgens Chemotherapie, abends lockerer Service, als wenn nichts wäre, das wurde zum Grundprinzip der letzten Monate; nur Stammgäste merkten, dass er auffällig oft abwesend war. Aber von Aufgabe war keine Rede. Mal richtig Urlaub machen! Lars und Anja buchten für den Jahresbeginn 2004 eine Reise auf die Malediven, ausspannen, baden, nichtstun. Bis eine neue, aussichtslose Diagnose im November diesen Plan zerstörte. Am 29. Dezember starb Lars Rutz in der Charité, 33 Jahre alt. Am 19. Januar wird Anja Schröder die Weinbar wieder eröffnen. Oben dran steht auf jeden Fall weiter „Weinbar Rutz“. Das Grab liegt über die Straße, gerade einmal hundert Meter entfernt.

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