Wirtschaft : Geb. 1970

Thomas Werner

Thomas Loy

Thomas Werner

Sie weiß nicht viel über die frühen Tage von Thomas. Eingeprägt haben sich zwei Dinge: das Fußballspielen und das Kloster. Zum Fußball kommen wir später.

Kloster Benediktbeuern

Schon das Aussprechen fällt schwer, wenn man Amerikanerin ist. Das Kloster Benediktbeuern im „Pfaffenwinkel“ ist das älteste Kloster Bayerns, begründet im Jahr 739. Ein Jahr mit nur drei Ziffern, eine unvorstellbar ferne Vergangenheit. Im Jahr 1970 wurde Thomas dort geboren. Diese unverrückbaren historischen Tatsachen erzählte er gerne und erzeugte damit sprachloses Staunen und ernsthaft interessierte Fragen zur Person. Einmal fuhren sie hin, zum Weißwurst-Essen in der Klosterschänke morgens vor 11 Uhr. Weißwurst isst man dort morgens vor 11, sagt sie und versucht gar nicht erst, einen Sinn darin zu argwöhnen. Thomas habe die Weißwürste fachgerecht ausgesaugt. Als Bayer muss man das können. Wer einen Bayern liebt, darf sich dabei nicht ekeln.

Apropos: Die Geburt vollzog sich im Krankenhaus gegenüber dem Kloster und zwar nur deshalb, weil gerade kein anderes Krankenhaus zur Entbindung erreichbar war. Die Kindheit verbrachte Thomas überwiegend im säkularen München. Als er neun war, zog er mit seiner Mutter nach Berlin.

1. FC Kaiserslautern

Das war sein Lieblingsverein, schon immer. Sein Vater hatte ihn früher mitgenommen zu den Spielen vom 1. FCK. Er starb früh, doch Thomas blieb seinem Verein treu. Seine Berliner Kumpels hassten Kaiserslautern, kamen aber trotzdem mit ins Olympiastadion. Auch sie war dabei und schaute zu, wie er die große Fahne schwenkte. Zu Weihnachten bekam er jedes Mal ein neues Heimtrikot vom 1. FCK, zum Geburtstag das für Auswärtsspiele. Das erste war von 1975.

Er selbst spielte im „Club Italia“. Dreimal Training in der Woche, das musste sein. Am Wochenende ein Punktspiel. Und sie stand am Spielfeldrand. Eigentlich sollte er verteidigen, aber bald fehlte ihm das Toreschießen, also stürmte er. Und wenn er das Tor traf, zeigte er auf sie, weil man Tore nur für die Frau schießt, die man liebt.

Die Liebe

Er schrieb süße Worte auf Kassenbons. Oder er kaufte eine dieser Märchenrosen zu drei Euro das Stück. Er machte Geschenke, warf Blicke, verteilte Komplimente, auf Französisch, Italienisch, Englisch oder Deutsch. Er war ein Romeo, ein Sprachen-Romeo. Aber kein Casanova.

Er war ein Cyrano de Bergerac, nur viel schöner. Für einen französischen Freund verfasste er einen sechsseitigen Liebesbrief. Das Werk hatte Erfolg, wie man hört. Er war der charmante Mann aus Bayern, mit dem kräftigen Haar und den grünen Augen, von denen alle Frauen rot wurden. Er machte eifersüchtig. Er war der perfekte Mann für Sarah, seine Liebste der letzten Jahre.

Für sie war er „Käse“, weil er sie „Maus“ rief. Ma petite souris! Die kleine Maus sollte es gut haben. Sie bekam einen Mauspyjama, ein Maustelefon, ein Mausfeuerzeug und haufenweise Plüschmäuse für die Stunden, in denen es keinen Käse gab. Sieben Jahre vergingen ohne Streit. Sieben Jahre haben sie jeden Tag mindestens einmal drauflosgelacht, bis die Tränen kamen. Das Lachen war ein wichtiger Prüfstein für ihre Beziehung, sagt sie. Die Lach-Anlässe konnten noch so winzig sein. Am liebsten mochte er ihre kleinen Fehler beim Perfektionieren der deutschen Sprache.

Es war der 30. März 1996, als sie ein Pärchen wurden, das erste Pärchen aus der Belegschaft des Lafayette-Kaufhauses in der Friedrichstraße. Alle forderten eine Traumhochzeit, aber sie lachten nur. Wozu heiraten?

Das Kochen

Er war Gourmet-Koch in der Delikatessen-Abteilung, hatte sich von Nudeln über Fisch bis zum Fleisch hochgearbeitet. Er wurde Chef am Fleischstand. Beim Kochen war er ein anderer Mensch, sagt sie. Bestimmend, fordernd, ehrgeizig. Als Chef hätte sie ihn nicht haben wollen. Aber er wusste zum Glück zwischen privaten Dingen und dem Geschäft zu unterscheiden. Er forderte meistens weniger als er selbst zu geben bereit war. Er wollte einfach Karriere machen, aufsteigen, erfolgreich sein. Er hatte Führungstalent. Alles lief bestens.

Er konnte auch loslassen. Einmal im Monat war Faultag. Dann blieben sie am Morgen im Bett liegen, ließen Essen kommen und schauten DVDs. Der Faultag war heilig. Niemand durfte ihn stören. Das Telefon wurde abgeklemmt. Wichtig war auch das „Seetesting“. Auf der Karte von Brandenburg wurde eine unbekannte Wasserfläche ausgesucht und anschließend erobert. Kleine Abenteuerreisen.

Der Alligator

Sie nannten es Alligator, das dunkle Melanom an seiner Hüfte, das mal ein kleines Muttermal war. Es war gewachsen und juckte, aber die Hautärztin fand nichts Schlimmes daran. Der nächste Hautarzt sagte: Das ist nur eine Schönheits-OP. Da sagte sie: Dann schenk ich dir eben eine Schönheits-OP. Später kannst du mir ja auch eine schenken, dann sind wir quitt.

Es zeigte sich, dass unter dem Alligator der Krebs saß. Schwarzer Hautkrebs, viertes Stadium. Das Todesurteil, sagt sie. Das Geld für die Schönheits-OP bekamen sie zurück.

Ärzte hatte Thomas Werner noch nie gemocht.

Nach zwei Jahren Operieren und Therapieren gab es nichts mehr zu tun. Sie nahm ihn zu sich nach Hause. „Das Schreckliche bei Hautkrebs ist: Du siehst bis zum Schluss schön aus. Zwei Wochen lang haben wir geweint und uns alles gesagt, was zu sagen ist.“ Vor seinem Tod feierten sie noch ihre Traumhochzeit.

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