Wirtschaft : Geb. 1974

Astrid Sherin Wegner

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Marokko, zehn Tage Sonne und Meer. Eine kleine Pause, bevor das Leben richtig losgehen sollte.

Ist es ein Geschenk, im glücklichsten Augenblick des Lebens zu sterben? Auf dem Weg in ein gutes Leben? Im Bewusstsein, zu lieben und geliebt zu werden?

Astrid Sherin Wegner war ein normales Mädchen. Oder ein besonderes. Je nach Blickwinkel. Groß war sie, schlank, sie hatte schulterlange, dunkle Haare und einen leichten Silberblick. Die braunen Augen hatte sie vom Vater, einem kräftigen Mann mit welligem, weißem Haar, den großen Mund von der Mutter, einer blonden Österreicherin, die wunderbare Blätterteigtaschen backt. Astrid war ein besonderes Kind, ein geliebtes, sagen die Eltern, und vielleicht ist das der Schlüssel zu einem Menschen, der so jung stirbt.

Astrids Familie ist von der Sorte, die zusammen hält. Astrid und ihr Bruder haben noch zu Hause gewohnt, und am Sonntag gab es immer ein Familienfrühstück. Astrid war ein Kind, das den Eltern wenig Sorgen bereitet hat. Außer vielleicht die, dass sie lange so uneitel war. Dieser Schal zum Beispiel, der schwarze mit den Bommeln. Vor Urzeiten gekauft, zu heiß gewaschen, ausgebleicht und zottelig. Und trotzdem hat Astrid ihn immer dabei gehabt und sich um den Kopf gewickelt wie eine Oma, auch auf der letzten Flugreise. Sie hat eben leicht gefroren.

Astrid wurde in Kairo geboren, denn der Vater hat viel im Ausland gearbeitet. In Ägypten verbrachte sie die ersten zwei Lebensjahre, danach wuchs sie in Ecuador und in Brasilien auf, in Miami, in Chicago und dann in Spanien. Das härtet ab. Astrid hatte ihre Finger überall dort, wo andere Kinder sie schnell wieder rausgezogen hätten. Auf Sylt ließ sie Wattwürmer vor ihrer Nase baumeln, im Kindergarten in Rio war sie die Einzige, die sich vom Schlangenbändiger die Python um den Hals legen ließ, und auf Galapagos ging sie zwischen Seelöwen schwimmen.

Vielleicht hat ihr die Kindheit die Sehnsucht nach fremden Ländern eingepflanzt. Auf jeden Fall begann Astrid, Geographie zu studieren. Nicht diese physische, sehr mathematische Geographie, sondern Anthropogeographie, die sich mit den Kulturen und zu einem Teil auch mit Entwicklungshilfe und Umweltschutz beschäftigt. Wie es kam, dass sie anderen unbedingt helfen wollte, das können die Eltern auch nicht sagen. Vielleicht ja daran, dass es ein Kind, das behütet wird, leicht hat, Idealist zu sein, bevor das Leben die Seele zerkratzt. Einmal, als sie auf Sylt in einer Fischbude jobbte und der Chef einen Hilfsarbeiter wüst beschimpfte, protestierte Astrid, dann band sie die Schürze ab und ging.

Macken? Charakterfehler? Naja, Astrid war stur, und sie neigte dazu, andere zu ihrem Glück zu zwingen. Und es gab auch Freunde, jene aus der Theatergruppe, die sie manchmal mit ihrer Vorliebe für Trivialkultur aufzogen: für Serien wie „Ally McBeal“ und „Sex & the City“ und für Lesestoff wie Brigitte, Elle und Petra. Jedesmal, wenn Astrid zum Zahnarzt musste, ging sie extra eine halbe Stunde früher, damit sie alle Zeitschriften durchbekam. Aber sonst?

Vielleicht war sie zu jung für echte Schwächen. Vielleicht stimmt aber auch, was ein Freund über sie sagt: Dass sie einfach ein guter Mensch war. Einer, der alle Freunde ständig mit langen Briefen, Faxen, SMS’ und E-Mails bedachte und ohne Anlass Geschenke machte, „Carepakete“ zum Beispiel: mit Salztütchen von McDonalds und Minipäckchen Seife für einen, der auf Radtour ging. Und mit Kerzen und Medikamenten gegen Durchfall für einen Freund, der nach Ruanda fuhr.

Solche Pakete haben Tradition in Astrids Familie. Später, als Astrid Studien-Exkursionen nach Bangladesch, in den Oman und nach Ägypten unternahm, schickten die Eltern ihr Päckchen voller Sagrotan-Tücher, Shampoo, Tütensuppen und Kekse. In Dreiergruppen mussten die Studenten sich durch die fremden Länder schlagen – und je abenteuerlicher die Reise, desto ruhiger die Astrid. Vielleicht hätte sie später ja mal Erfolg gehabt, beruflich. Es gibt viele Vielleichts, wenn jemand so jung stirbt.

Vielleicht wäre auch das mit Florian etwas Dauerhaftes geworden. Es hatte gerade erst angefangen, und Astrid war zum ersten Mal so richtig verliebt, sagt eine Freundin. „Jetzt geht alles, was vorher nicht ging“, habe Astrid ihr mal erzählt.

Irgendwie muss es Klick gemacht haben in ihrem Leben. Florian. Und die Examensarbeit so gut, dass sie veröffentlicht werden sollte. Und dann noch die Reise nach Marokko: zehn Tage Sonne und Meer mit einer Freundin. Eine kleine Pause, bevor das Leben richtig losgehen sollte.

Der Flug verlief turbulent. Es war eine Urlaubsmaschine, und da, wo Astrid und die Freundin saßen, tobten sich die Kinder aus. Eines übergab sich, ein anderes hatte einen Kreischanfall. Astrid lachte noch beim Anstehen fürs Taxi. Dann setzte sie sich nach vorne, unterhielt sich ein wenig mit dem Fahrer und träumte aus dem Fenster.

Nach drei Stunden Fahrt waren es schließlich nur noch 15 Minuten bis zum Hotel, genau 16 Uhr 10, als der Reifen platzte. Der Wagen schleuderte quer über die Straße, überschlug sich, einmal, noch einmal und noch einmal, immer langsamer und legte sich schließlich knirschend aufs Dach. Astrid lebte, als die Freundin sie rauszog. Sie sprach auch, ganz ruhig. „Ich kann meine Beine nicht fühlen“, sagte sie. Im Krankenhaus sollte sich herausstellen, dass sie mehrfach gebrochen waren.

Es war ein paar Stunden später, 20 Uhr 45, und Astrid schlief, als sich ein Blutgerinsel löste. Mit den Pulsschlägen wanderte es durch ihren Körper, bis ins Herz. Die Eltern sagen: Vielleicht ist es wirklich ein Geschenk, im glücklichsten Augenblick des Lebens zu gehen. Christine-Felice Röhrs

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