Wirtschaft : Geb. 1976

Jan Krause

Christine-Felice Röhrs

Jemand rief seinen Namen auf der Straße. Er drehte sich nicht um. Er rannte weg.

Zum Schluss steckten Fremde in Jans Kopf und sprachen zu ihm. Mal waren sie Freund, mal Feind. Mal zärtlich, und manchmal haben sie ihn angebrüllt. Und Jan lag auf dem Bett, zusammengerollt, den Kopf zwischen den Armen. Hat sie wüten lassen und sich ausgeliefert. Du kannst jetzt sterben, haben die Fremden gesagt.

Normale Menschen leben vorwärts. Sie setzen sich Ziele und überwinden Hindernisse. Wenn sie scheitern, weisen sie wenigstens sich oder anderen die Schuld zu. Jan Krause tat nicht einmal das. Ständig auf dem Rückzug war er, still und antriebslos, Alkoholiker zwischendurch. Versager, haben die Eltern lange gedacht. Schizophrenie haben die Ärzte schließlich diagnostiziert. Aber da war es schon zu spät.

Den Eltern hatte Jan lange Rätsel aufgegeben. Es sind erfolgreiche Menschen, sympathisch, gut situiert. Zwei Kinder waren schon da, als Jan kam. Er war fünf, ein hübscher Junge mit braunen Augen, ein begabter Zeichner, als die Veränderungen begannen.

Die Mutter lud zum Geburtstag den halben Kindergarten ein – und Jan verkroch sich in seinem Zimmer. Bald ging er auch nicht mehr mit ins Kaufhaus. Später wollte er nicht mehr zur Schule. Dann bekam er Angst, mit der U-Bahn zu fahren. Und die Eltern sahen nur einen trotzigen Jungen.

Sie klagen sich noch immer an. Für all die Fluchten vor dem Kind, für ihre Blindheit. Faul haben sie ihn genannt. Dabei hatte er Angst. Stell dich nicht so an, haben sie gesagt. Durchhalten ist eine Parole dieser Familie. Es ist eine starke Familie. Eltern und Kinder reden viel miteinander, und Reden war auch das Mittel, mit dem sie Jan helfen wollten. Irgendwann hat er nicht mehr hingehört.

Krank war Jan damals noch nicht. Schizophrenie bricht meist erst um die 20 aus. „Gespaltene Seele“ heißt das Wort übersetzt. Nicht, weil der Mensch eine zweite Persönlichkeit entwickelt. Sondern weil er zwei Wirklichkeiten kennt. Die aller und die, in der es Dinge gibt, die niemand anders sieht. Es gibt frühe Anzeichen für die Krankheit, so auch bei Jan: Lärmempfindlich wurde er, gereizt, misstrauisch und niedergeschlagen. Eine genetische Veranlagung muss da sein, heißt es. Oft trifft es sensible Menschen. Stress ist ein Auslöser. Alkohol und Marihuana auch.

Jan konnte nicht loswerden, was ihm Angst machte, es war ja in ihm, aber die Ursache kannte er nicht. Vielleicht begann er deshalb, Hasch zu rauchen, Alkohol zu trinken und sich mit Jungs zu treffen, die sich ähnlich verweigerten wie er, der Schule, der Familie. In ihrer Gesellschaft war er normal, die Halluzinogene betäubten die Unruhe. Die Eltern wussten keinen Rat mehr. Und Jan kam zum ersten Mal in die Psychiatrie.

Vier Monate ist Jan dort geblieben. Die Ärzte wollten, dass er den Alkohol aufgibt, viel tiefer blickten sie nicht. Wie soll man auch erkennen, wer die Anlage zur Schizophrenie hat? Schizophren werden Menschen, deren Hirnzellen nicht mehr richtig kommunizieren. Für den Fluss der Informationen sind bestimmte Botenstoffe da. Sind es zu viele, dann nehmen die Sinne alles um ein Zigfaches verstärkt auf, täuschen ein Inferno vor. Jemand ruft Jan auf der Straße. Ein Gesunder hätte sich umgedreht, um zu gucken. Jan ist weggerannt. Die Ängste schwappten hoch, erstickten den Atem. Jedes Wort, jeder Blick konnte das auslösen.

Die Eltern hofften bei jedem Erfolg, feuerten Jan an – und machten seine Niederlagen damit noch schlimmer. Jan schaffte mit 18 doch noch die Realschule, sollte als Belohnung für ein Jahr nach Amerika – und brach ab. Er begann zwei Ausbildungen, erst zum Schneider, dann zum Designer. Er hatte Talent, wollte nach Paris, machte Pläne, wie alle Jugendlichen. Und gab beide Male auf. Es liegt nicht an euch, hat Jan zu den Eltern gesagt, mit diesem weichen, resiginierten Ausdruck im Gesicht, der sie manchmal verrückt machte. Es liegt an mir. Ich passe nicht in diese Welt. Ich hab hier keinen Platz.

Die Eltern haben Jan schließlich eine eigene Wohnung besorgt. Weil ihm die Familie ja so sehr zugesetzt hat, sagen sie heute, aber vielleicht auch, weil mit ihm kein normales Leben mehr möglich war. Weil Jan wieder trank, weil er nicht mehr mit der Familie aß und nachts alleine kochte. Manchmal hatten sie sogar Angst vor ihrem Kind in seiner Leblosigkeit. Die Medikamente, die er schluckte, störten die Feinmotorik, ließen ihn gehen wie einen Roboter. In seiner Wohnung warf Jan alles Persönliche, Bücher, Zeugnisse, Liebesbriefe, sein ganzes Leben, auf den Zwischenboden. Im Zimmer standen nur noch Stuhl und Bett.

Weihnachten 2001 feierte Jan bei der Schwester. Schön hier, sagte er – und sah aus, als sei ihm das unangenehm. Eigentlich, denkt die Schwester heute, wollte er damals schon nichts Schönes im Leben mehr entdecken. Jan hatte sich entschieden, denkt sie. Die Diagnose war nur noch der Auslöser. „Paranoide Psychose“ stand im Brief aus der Klinik. Jetzt soll ich auch noch geisteskrank sein, hat Jan verzweifelt zur Schwester gesagt.

Wieder in der Psychiatrie. Jan liegt in Fötushaltung auf dem Bett und starrt an die Wand. Jan, wollen wir nicht laufen? Jan, willst du nicht lesen? Jan bleibt liegen, streckt nur den Arm aus, streichelt den Vater. Ich komm bestimmt in die Hölle, sagt er. Am anderen Tag will Jan dann doch laufen. Er geht nicht allein, eine Therapeutin begleitet ihn. Das hat er sich selbst mal so gewünscht, als er noch Angst vor der eigenen Todessehnsucht hatte. An der Hand der Frau geht er über die Straße – da reißt er sich los. Sie hat diese Kraft nicht erwartet, im Roboterjungen. Er läuft ihr davon.

Jan weiß, wohin er will. Er läuft durch Schöneberg. Kauft zwei Flaschen Whiskey. Läuft weiter. Läuft in ein Hochhaus an der Potsdamer Straße. Läuft hinauf bis in den 13. Stock. Es ist ein klarer Tag. Aber Jan hat keinen Blick mehr für die Aussicht. Er quetscht sich durch ein winziges Fenster, geht drei Schritte bis an den Rand. Und lässt sich fallen.

Die Whiskeyflaschen hat Jan nicht angerührt. Die Eltern müssen sie bei der Polizei quittieren. Und auch das Portemonnaie bekommen sie ausgehändigt, ein billiges aus Nylon. Es ist leer. Nur der Ausweis, sonst nichts. Keine Briefchen oder Quittungen, keine Fotos oder Fahrscheine. Keine Spur vom Leben.

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