Wirtschaft : Geb. 1978

Silke König

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Wenn es ginge, säße sie auch hinterm Steuer ihres alten Peugeot im Schneidersitz. Überall, wo sie sich niederlässt, verknotet sie die Beine.

Es ist perfekt, das alte Bauernhaus. Viel Holz, viel Stein, und die Sonne scheint an der portugiesischen Küste ohnehin das ganze Jahr. Gut, sie müssten eine Menge Arbeit reinstecken, das Haus komplett sanieren. Aber erstmal sehen, ob die Liebe hält. Die Liebe zu João, dem Portugiesen. Jetzt muss Silke erst einmal zurück zu ihrem Praktikum nach Spanien, dann steht noch das Stipendium in Brasilien an. Und die Sache mit João ist ja noch frisch.

Silke sitzt in ihrem weißen Peugeot, ihr erster eigener Wagen, 300 Euro hat die Mühle gekostet. 1300 Kilometer liegen vor ihr bis zu der „Permanent Agricultur Farm“ in Katalonien. Auf dem Öko-Hof hat Silke schon vor ihrem Portugal-Trip Unkraut gezupft und eine Trockenmauer gebaut. 2600 Kilometer Autofahrt für ein verlängertes Wochenende könnte man als Tortur bezeichnen. Aber die Sache mit João ist Silke wichtig. Deshalb ist sie gefahren.

Die Briefe, die sie nach Berlin geschickt hat, sehen allesamt ein bisschen anders aus. Mal schreibt sie mit Goldstift, dann nimmt sie ein ganz feines Briefpapier oder klebt bunte Fotos zwischen die Zeilen. Einer Schulfreundin hat Silke mal eine Hand voll Sand mit ins Couvert gepackt. Als Gruß aus Amerika eine Kostprobe „vom beach!“

Auf die Selbstversorger-Farm fährt sie jetzt mit gemischten Gefühlen zurück. Klar, das Prinzip mit der Windkraft, dem Solarstrom und den Pflanzen, die sich gewissermaßen gegenseitig düngen, findet Silke toll. Nur der Besitzer der Farm ist manchmal etwas komisch.

Silke macht nie einen Hehl daraus, wenn ihr jemand nicht passt. Auf Platz Nummer eins ihrer persönlichen Abschussliste stehen die Typen, denen teure Autos wichtig sind, edle Klamotten oder ein dickes Konto. In Berlin fährt Silke auf einem dreißig Jahre alten Damenfahrrad durch die Stadt; es ist grün bemalt und hat einen mächtigen Ledersattel.

In ihrem Peugeot streicht Silke sich das lange, blonde Haar hinters rechte Ohr. Das macht sie andauernd. Am liebsten säße sie vermutlich im Schneidersitz hinter dem Lenkrad, aber das geht ja schlecht mit Kupplung, Gas und Bremse. Sonst lässt sich Silke fast überall mit verknoteten Beinen nieder, auf dem Sofa oder auf dem Fußboden, wenn sie mit ihren beiden Nichten, acht und sechs Jahre alt, spielt. Die Drei haben vor langem ein Ritual entwickelt: Einer sagt drei Wörter, aus denen die anderen eine komplette Geschichte erfinden müssen. Auch in ihrem letzten Brief hat Silke eine solche Aufgabe gestellt und sich gefragt, was ihre Nichten wohl daraus machen: Frau Griesgram, Ameise, Feigenbaum.

Man könnte sagen, dass Silke vor der Fahrt nach Spanien und Portugal ihre Angelegenheiten geregelt hat. Ganz wichtig war ihr, die „ganz Wichtigen“ noch einmal zu sehen. Schließlich sollte sie für acht Monate fort sein, nach Spanien in Brasilien. Bei jedem der Abschiedstreffen überreichte Silke ein kleines Geschenk. Eine selbst aufgenommene CD, einen Bilderrahmen mit einem Sinnspruch, selbst bemalte Teeschalen. Für die Nichten hat sie eine CD mit lustigen Geschichten besprochen. Und auf eine Karte schrieb sie: „Jeder Stern, den ihr am Himmel seht, ist ein kleiner Gruß von mir.“

Und wenn jemand für die acht Monate etwas aus ihrer gelb-orange leuchtenden Wohnung haben möchte – bitte sehr! Den Teppich? Die Fünfzigerjahre-Möbel? Die selbst abgeschliffenen Stühle, die gewachste Kommode? Den aufgemöbelten Schreibtisch? Von Ikea ist bei Silke nur die Gardinenstange. Duncan, ihr Meerschweinchen, hat sie Tina gegeben. Auf Tina ist Verlass. Und man kann so wunderbar mit ihr lachen.

Die Zwei haben sich in der Uni kennen gelernt, Fachbereich Landschaftstechnik. Das hört sich etwas trocken an, aber Silke gefällt die Vielseitigkeit des Studiums. Diese Mischung aus Ökologie, Architektur, Menschenrechten, Entwicklungsarbeit, Recht. Silke macht ein Praktikum nach dem anderen, mit sich zufrieden ist sie aber selten. Den Überblick über ihre Jobs haben die meisten schon lange verloren. Da ist das General Post Office, die Pflanzenkläranlage. Mal arbeitet Silke als Babysitter, dann als Kräuterbonbon-Verkäuferin oder zu Weihnachten als Tusma-Engel.

Fast eine Stunde Fahrt hat Silke inzwischen auf Portugals Straßen hinter sich. Sie fällt hier auf, die große, blonde Frau mit den blauen Augen. Die Hosen trägt sie knapp auf der Hüfte, zwei silberne Stecker im Ohr, ein Piercing im Bauchnabel, eins in der Zunge. Und sie hat ihre Prinzipien: Sie isst kein Fleisch, weil sie nicht ertragen kann, wie die Landwirte die Tiere halten. Sie ärgert sich über die Wasserverschwender, die morgens zu lange duschen. Und wird richtig böse, wenn Freunde sie „verarschen“. Kurzfristig absagen, halbherzig zusagen. Nicht ehrlich sind.

Wenn sie zu Hause für Freunde kocht, kommen Kerzen auf den Tisch, eine Decke, verschiedene Saucen, griechische, indische Gewürze, Salat und Brot. Für jeden etwas. Silke versucht, es jedem recht zu machen, sie will immer für alle da sein. Manche meinen, dass das an ihrer Kindheit liegen muss. Bis sie elf war, hat sie bei ihrer Mutter gelebt, dann beim Vater. Sie fühlte sich oft, als säße sie zwischen allen Stühlen.

In Silkes Abitur-Zeitung gibt es eine Rubrik, „Nenne deine drei größten Wünsche“. Silke hat dort geschrieben: Ehrlichkeit unter den Menschen. Ein kleines Haus am Meer. Am Ende des Lebens ohne Qualen und glücklich zu sterben.

Sie ist 24 Jahre alt, als ihr weißer Peugeot frontal mit einem Lastwagen zusammenstößt. Katja Füchsel

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