Wirtschaft : Geb. 1978

Oliver Buttress

Gregor Eisenhauer

Sein Leben war ein Strategiespiel, die einzelnen Etappenziele im Computer notiert. Aber im Film geht noch viel mehr.

Die beiden Polizisten stehen im Hausflur, holen einen Moment tief Luft, klemmen die Mützen unter den Arm, klingeln: „Sind sie die Mutter von Oliver Buttress?“

Was bleibt in so einer Situation übrig, als „Ja“ zu sagen? Obwohl die Blicke der Polizisten ahnen lassen, was geschehen ist. Auch wenn einem ganz anders zumute ist. Wer könnte schon antworten: „Nein, Sie sind an der falschen Tür, gehen Sie doch einfach weiter, bitte!“

Aber was, wenn der unwahrscheinliche Fall einträte, dass ein Mann dazwischentritt, die Mutter behutsam am Arm fasst und ihr zuredet: „Sie können ‚Nein’ sagen Frau Buttress – und alles ist ungeschehen. Das Unglück, von dem Sie gleich hören werden und die Zeit davor. Es wird so sein, als hätte Ihr Sohn nie existiert. Sie haben die Wahl.“

Ein Hotel in Leipzig. Piloten und Flugbegleiter sind hier untergebracht. Eine junge Frau steht unten in der Halle. Endlich die SMS. Sie hat sich Sorgen gemacht. Ihren Freund nicht erreicht, obwohl er doch zu Hause sein müsste. Erleichtert greift sie nach dem Handy. Da tritt dieser Fremde an sie heran und fasst ihre Hand: „Warten Sie! Lesen Sie die SMS nicht. Noch können Sie sich entscheiden: Sie werden die letzten zwei Jahre mit Oliver einfach vergessen. So als wären Sie ihm nie begegnet. Das wird Ihnen viel Kummer ersparen, glauben Sie mir! Überlegen Sie jetzt gut!“

Was würde sie tun?

Wie würden die Freunde sich entscheiden, wenn so ein Typ auf sie zukommt, breitschultrig, Holzfällerpranke: „Sie waren doch mit Buttress befreundet? Irgendjemand hat mir geflüstert, dass Sie jedes Rennen auf der Playstation gegen ihn verloren haben. Und Sie, Sie sind mit ihm immer über die Landstraße geeiert oder? Heizen, war nicht seine Sache. Schnell fahren, aber mit Köpfchen. Damit ist jetzt Schluss, mit dem Motorradfahren. Und Sie, Sie werden nie wieder ein Rennen auf der Playstation gegen ihn verlieren. Er ist raus aus dem Spiel. Mein Vorschlag, der Ihnen viel Kummer ersparen wird: Vergessen wir doch einfach alles. Schlagen Sie ein und Buttress wird nicht einmal mehr als Erinnerung existieren! Weder Sie noch seine anderen Kumpels, werden das Gefühl haben, ihn vermissen zu müssen!“

So was gibt es nur im Film, sicher. Aber was wäre, wenn in nicht allzu ferner Zukunft, ein sechster Sinn nach Art eines emotionalen Routenplaners uns davor warnen würde, Menschen näher zu kommen, denen etwas Schreckliches zustößt? Wie würden wir uns entscheiden?

Ein Berg, ein See, ein Haus und Zeit für die Familie, und den Hund. Für einen Vierundzwanzigjährigen hatte er klare Ziele, und er wusste, wie er sie erreichen würde.

Der Hund war bereits da: Molly, eine Art Zwergschäferhündin mit spitzer Schnauze und Jumboohren, die sich etwas seltsam ausnahm neben ihm, dem muskulösen Mann.

Er war Sportler, Mannschaftssportler, Kanupolo, hat es bis zur Nationalmannschaft gebracht. Was er wollte, hat er bekommen. Ein Kämpfer, hartnäckig, zielstrebig. Als er im Sportstudio jobbte, war die Konkurrenz an smarten Muskelmännern groß, dennoch konnte er Anja von sich überzeugen. Vielleicht, weil er sich so sicher war, dass sie die Frau fürs Leben sein würde.

Sie hat ihn gemalt. Den austrainierten Körper und das, was ihn umgab: die Aura des Glückskindes. „Nein, das geht nicht, man erkennt mich!“ – Die Ähnlichkeit hat ihn erschreckt. Also hat sie ihm, dem Glatzköpfigen, Haare gemalt, und Flügel, und sich nichts weiter dabei gedacht: „Ich hab ihn immer ,mein Engel’ genannt.“ An ein schlechtes Omen haben sie beide nicht geglaubt. Alles ist machbar: Die Probleme müssen nur erkannt werden, dann sind sie schon gelöst.

Geld war ein Problem. Von seinen Eltern hatte er etwas und hat es an der Börse verloren. Aber es kam wieder rein, diesmal durch Arbeit. Drei Jobs gleichzeitig und das Studium der Wirtschaftswissenschaft. Auf der Schule war er faul gewesen, besser gesagt: ökonomisch. Das Abitur abgeholt ohne viel zu tun. Jetzt jobbte er und war gerade dabei, sich auszubalancieren zwischen seinen Wünschen und den tatsächlichen Möglichkeiten. Aber das Ziel blieb: „Mit fünfunddreißig Millionär!“ Und dann nicht mehr knausern müssen. Letztes Jahr an ihrem Geburtstag hatte er Anja nichts geschenkt. „Im Endeffekt: Alles zu wenig, also lieber gar nichts als was Falsches.“ Diesmal waren die Karten fürs Varieté schon bestellt, aber sie erfuhr davon erst aus der Rechnung, die ihr nach seinem Tod zugeschickt wurde.

Das wäre dieses Jahr etwas geworden mit der Geburtstagsüberraschung. Alles wäre etwas geworden – denn eigentlich hat niemand je daran gezweifelt, dass Oliver Erfolg haben würde. Sein Leben war ein Strategiespiel, die einzelnen Etappenziele im Computer notiert. Und der Garant seines Erfolgs war Bruce Willis – dessen Namen hatte er als E–Mail-Adresse. Und genau wie Bruce Willis in „Sixth Sense“ hätte er das Unglück für die anderen und für sich gern ungeschehen gemacht, denn für ihn konnte das Leben nach dem Tod unmöglich besser sein als das Leben vor dem Tod. „Ich bin“, das hatte er ihr Tage zuvor gestanden, „so glücklich wie noch nie in meinem Leben!“

Es gibt nur einen Menschen in diesem Film, dessen Star Oliver Buttress war, der sich dafür entschieden hätte, ihm lieber nie begegnet zu sein: Der Autofahrer, der ihm die Vorfahrt nahm.

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