Wirtschaft : Geb. 1978

Marc André Varduhn

Thomas Loy

Für die Ärzte galt: Macht, was ihr wollt, aber bis zum nächsten Preußen-Spiel bin ich hier raus.

Marc im schwarzen Mercedes-Sportwagen, 350 PS. Schwarzer Boss-Anzug, schwarze Sonnenbrille. Den Ku’damm rauf und runter, am Café Caras aussteigen. Der Glatzkopf leuchtet. Latte macchiato bestellen, in die Sonne blinzeln, grinsen. Wie fühlt sich Marc? Hypergalaktisch. Im Kopf immer dieses Traumbild: Ultramarinblauer Himmel über sonnengelbem Rapsfeld. Dick auftragen muss man die Farben. Kontraste schaffen. Eindruck schinden. Auf seiner Visitenkarte stand „Art Director“.

Die Dinge sind nicht, wie sie scheinen, aber ihr Schein kann unheimlich Spaß machen. Auf der Oberfläche ist das Leben schöner als darunter. Wasserski fahren, den Wind spüren, die Sonne auf der Haut. Wer will schon wissen, dass darunter der Krebs wuchert, das böse Gewebe. „Machen wir eben ’ne Chemo“, sagte Marc, wenn die Ärzte wieder auf diese dunklen Flecken auf den Röntgenfolien tippten. Verwaschene graustichige Aufnahmen aus seinem Innern. Eine Zumutung für jeden Ästheten.

München, Oktoberfest? Klar, fahren wir hin. Dreieinhalb Stunden raumgleiten, so schnell, dass der Körper in einen anderen Aggregatzustand versetzt wird. Marc war ein Science-fiction-Fan. Wenn er auf dem Snowboard stand, im Auto saß, wenn er mit seinen Freunden durch die Nächte tourte, war er der Held einer fernen Galaxie. Unverwundbar, unfehlbar, unbesiegbar. Da konnte ihm dieser Krebs nichts, gar nichts.

Du willst dir Oldschool-Schuhe kaufen, Lena? Steig ein, wir fahren nach Hamburg. Wwwuuusssccchh, zack. Ankommen, aussteigen, shoppen, keine Schuhe gefunden, also wwwuuusssccchh zurück nach Berlin. Kurz vor Geschäftsschluss rein in den Laden. Zack, gefunden. Was machen wir jetzt?

Marc und die Frauen, ein langes Kapitel. Da gab es Mania, Fleur, Anna, Annika, Cornelia, Kadda. Pia immer mal wieder zwischendurch. Und natürlich Lena, die wie eine Schwester für ihn war. Marc war schüchtern, sagen seine Frauen, überhaupt kein Macker. Marc redete mit Frauen über Frauen und Klamotten, mit Männern über Autos und Sport. Marc musste man gerne haben. Der Sonnyboy, dem alles gelang. Profi-Handballer wollte er werden.

Lässt sich erahnen, wie weh das tut, wenn man 15 ist, und es kommt jemand und sagt: Tut mir leid, aber du hast Krebs, mein Junge. Da müssen wir jetzt mal den Arm abnehmen, die Schulter ausschaben und an der Brust noch ein wenig herumschneiden? Marc fragte nur: „Kann ich weiter Handball spielen?“ Der Arzt, überrumpelt: „Ja, das geht schon.“ Geht eigentlich gar nicht. Eigentlich. Marc fand, dass der Krebs nicht so wichtig ist, solange er ihn Handball spielen lässt.

Der Arm wurde nicht abgenommen, aber bestrahlt. Seitdem wuchs er nicht mehr, blieb immer 15 Jahre alt. Aber macht nichts, ist ja nur der linke. Die Haare fielen aus, aber macht nichts, sieht ohnehin besser aus, fanden seine Frauen. Diese süßen Segelohren…

Schneller leben, Party machen, Urlaub machen. Wie lange hab’ ich noch? „Knockin’ on Heaven’s Door“, der Film über zwei Todkranke, die noch einmal das Meer sehen wollen. Nicht unbedingt geeignet für einen Krebspatienten. Mike brachte das Video trotzdem mit, und Marc amüsierte sich. Um 22 Uhr steigen sie ins Auto und rasen an die Ostsee. Am Wasser köpfen sie eine Flasche Veuve Clicquot, machen Fotos. Am nächsten Tag ist Schule.

Marc im Krankenhaus, Intensivstation, voll verkabelt. „Bringt mir einen Big Mac mit.“ Den schickte sein Magen gleich wieder zurück. Na und? Seine Frauen waren natürlich bei ihm, oft mehr als erlaubt. Für die Ärzte galt: Macht, was ihr wollt, aber bis zum nächsten Preußen-Spiel bin ich hier raus. Was kostet das Leben? Jeden Preis hätte er gezahlt – bis auf den Tod. Sogar unter Morphium spielte er noch Handball. Das Tor traf er nicht mehr.

In der letzten Woche waren sie alle bei ihm. Nur Cornelia fehlte. SMS an Cornelia: Denk dran, wir haben noch viel vor! Dann ein Anruf: Komm Cornelia, beeil dich! Er ahnte, dass er diesmal nicht davonkommen würde. Bis zuletzt hat er seine Witze gemacht. „Jetzt einen Hamburger Royal TS.“ 250 Leute kamen zur Trauerfeier. Am Sarg waren die Blumen so gelb wie die Sonne.

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