Wirtschaft : Geb. 1980

Daniel Köpke

Kerstin Decker

Nur eine Haarfarbe war unmöglich, seine richtige. Aber wer könnte normaler sein als ein Junge mit bunten Haaren? An seinem Geburtstag wollte er allein atmen. Jeder normale Mensch atmet allein.

Bei 47 war Schluss. 47 Mal hatte der Junge der Ärztin gesagt, in welchem Ohr er den leisen Ton hört, links oder rechts. Fehlten noch drei. Noch drei bis fünfzig. – Jetzt, sagte Daniel Köpke und sah Mutter und Ärztin freundlich aber fest an, jetzt habe ich keine Lust mehr. Wahrscheinlich dachte er: Wenn sie nach 47 Pieptönen nicht weiß, ob ich gute Ohren habe, weiß sie es nach 50 auch nicht. Ein 48. Mal würde es nicht geben.

Die Mutter bat. Sie sagte etwas von erfolgreich abgeschlossener Reihenuntersuchung. Dann sagte sie sogar etwas von Spielzeugladen. Der Junge betrachtete Mutter und Ärztin aufmerksam. Sie gingen ohne den Zettel über die erfolgreich abgeschlossene Reihenuntersuchung. Die Mutter hatte gelernt, auf ihren Sohn zu hören. Es ist wichtig, dass Eltern auf ihre Kinder hören.

Mama, wir schaffen das!, beschloss er kurz darauf. Wenn man fünf Jahre alt ist und eine akute, besonders schwere, besonders seltene Form von Leukämie hat, bei der sogar die Ärzte sagen: Keine Chance! – wie soll eine Mutter das aushalten? Also muss man ihr gut zureden. Schon damals weigerte sich Daniel Köpke, das zu tun, was die Ärzte sagten. Anstatt alle Merkmale eines aussichtslosen Falls zu zeigen, zeigte er anfangs alle Merkmale eines Wunders. Sechs Wochen, und sein Blut war krebszellenfrei. Erst als wirklich alle glaubten, er werde gesund, bekam er den schweren Rückfall. Da musste er seine Mutter trösten. Und sie vertraute ihm.

Sie fuhren bis nach Ulm zur Knochenmarktransplantation. Danach wurde Daniel Köpke ein ganz normaler Junge. Mit bunten Haaren, eine Seite pink, die andere grün. Oder orange. Es gab ja so viele Farben. Und wer könnte normaler sein als ein Junge mit bunten Haaren? Die allzu Normalen glauben, Normalität sei ganz normal. Daniel Köpke glaubte das nie. Für ihn war die Normalität ein Incognito, ein Lebensraum, den er täglich neu ausmaß. Die ihn nicht kannten, ahnten nichts von seiner Krankheit. Das war sein Erfolg. Bunte Haare, ganz normal. Nur eine Farbe war unmöglich, seine richtige. Weiß. Daniel Köpkes Haare waren seit der Bestrahlung weiß.

Er trug künstliche Linsen in beiden Augen. Er wurde auch nicht so groß, wie alle gedacht hatten. Bestrahlungsfolgen, aber nicht so schlimm. Als er schon siebzehn war, wollten sie ihn nicht ins Kino lassen zu „Jurassic Park“. Zu klein. Ein wenig kränkend war das schon. Später, wenn er mit Freunden ein Bier trinken ging, legte Daniel Köpke still seinen Ausweis auf den Tisch. Kein Kellner sollte mit Alkohol-erst-ab-sechzehn-Sätzen seine Normalität stören.

Es waren zehn Jahre ohne Rückfall. Nach zehn Jahren, sagen die Ärzte, hat man es geschafft. Sagen die Ärzte?

Keiner konnte sich erklären, woher die schwere Nierenerkrankung im elften Jahr plötzlich kam. Von einem Tag auf den anderen war Daniel Köpke Dialysepatient. Aber Spätfolgenträger, Dialysepatient – ist das eine Identität? Was sagen die Nieren über einen Menschen aus? Gar nichts, beschloss der Siebzehnjährige und verbannte die Blutwäsche aus seinem Tag. Anstatt wie andere viele Stunden der Woche in der Klinik am Tropf zu verbringen, machte er seine Dialyse im Schlaf. Zu Hause. Neben seinem Bett stand ein großer Apparat. Mehrere Liter Flüssigkeit tauschten sein Körper und der Apparat pro Nacht. Aber seine Tage waren wieder wie die aller anderen auch.

Die zweite Normalität des Daniel Köpke begann. Natürlich muss man für Normalität begabt sein. Wie fährt man mit 200 Liter Dialyseflüssigkeit in den Urlaub? Mit Anhänger, beschloss die Familie und kaufte einen. Nur Ämter verstehen manchmal so wenig von Normalität.

Tischler wollte Daniel Köpke werden, schon immer. Er hatte so eine seltsame Art, Holz anzufassen. Als hielte er die Jahre in der Hand, die der Baum gebraucht hatte, um zu wachsen. Jedes Stück Holz hat seine eigene Geschichte. Welcher Werkstoff sonst hat seine eigene Geschichte? Tischler, nichts anderes. – Alles andere, nicht Tischler, befanden die Ämter, die über Lehrausbildungen von Behinderten zu entscheiden haben. Ein Dialysepatient könne unmöglich Tischler werden. Körperlich zu anstrengend, zu staubig. Technischer Zeichner vielleicht? – Nach dem „Unmöglich“ hat Daniel Köpke drei Tage lang mit niemandem gesprochen. Und er fasste einen Beschluss. So wie er als Kind wusste, dass nach der 47 nie eine 48 folgen würde, wusste er, dass er niemals Technischer Zeichner werden würde. Sein Vater überbrachte die Botschaft den zuständigen Stellen: Tischler, oder gar nichts!

Es dauerte lange, bis diese den unermüdlichen Sonderbotschafter seines Sohnes verstanden. Daniel Köpke wurde Tischler. Seine Eltern leben jetzt mit den Möbeln, die ihr Sohn gemacht hat. CD-Racks, kleine Tische, größere Tische.

Wer sagt, ein Tisch muss rechteckig sein? Daniel Köpke baute auch Parallelogramm-Tische. Ausnahmetische. Und dann machte er die Pläne für den Schrank, der sein Gesellenstück werden sollte.

Das Zwicken im Bauch kannte er schon. Bauchfell-Dialysepatienten wie Daniel Köpke leben mit dem Risiko von Bauchfellentzündungen. – Es ist nichts, macht euch keine Sorgen!, hat der Sohn den Eltern oft gesagt. Diesmal stimmte es nicht. Diesmal wurde es schlimm. Medikamente schlugen nicht an. Intensivstation. Wenigstens allein atmen. An seinem Geburtstag wollte Daniel Köpke allein atmen. Jeder normale Mensch atmet allein.

Einen Tag nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag ist Daniel Köpke gestorben. Er hat selber geatmet bis zuletzt.

In der Kirche haben sie gestanden bei seiner Beerdigung. Und danach ein großes Abschiedsfest gefeiert.

Seine Tischlerwerkstatt baut jetzt den Schrank nach Daniel Köpkes Plänen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben