Wirtschaft : Geb. 1995

Dersu Scheffler

Karl-Heinz Scheffler

Dersu Scheffler

Früher war ich mal ein Vögelchen auf einem Feigenbaum.“ Das sagte er, da war er drei. „Oder ich war ein chinesischer Schneider!“ Er war sechs, als er Hugo, seinem Stoffaffen, eine Hose nähte. So gerne wie mit der Nähmaschine seiner Mutter befasste sich Dersu mit allem, was große Fingerfertigkeit erforderte. Für Belebtes wie Unbelebtes dachte er sich neue Namen aus, „Namen von früher“, wie er sagte. „Nein, nicht Gänseblümchen“, verbesserte er die Eltern, „sondern…“ Aussprechen konnten sie Dersus neue Wörter nicht. Was ihn in dem Gefühl, dass die anderen diejenigen seien, die irrten, nur bestärkte.

In seinen ersten sechs Lebensjahren war seine Familie, türkische Mutter, deutscher Vater, viel mit ihm unterwegs. Nomadengleich durchzogen sie die Türkei, seinem Namen verpflichtet, zu dem sie die historische Figur eines tungusischen Taigajägers inspiriert hatte. Dersu wuchs auf mit Reisenden und Hirten, mit Göttern und Mythen. In der Troas gezeugt, mit Honig und Maulbeersirup gesalbt, in den Gebirgsbächen des östlichen Pontos getauft. Der Umgang mit Menschen und Landschaften zweier Kulturen schärfte nicht nur seine Sinne. Auch körperlich schlug er sich nieder in einer Besonderheit seiner Haut: einer gezackten Grenze die quer über Brust und Rücken verlief; ein Unterschied der Pigmentierung, die die Haut in eine helle obere und eine dunklere untere Zone teilte.

Bemerkbar machte sich diese Eigenart jedoch erst mit sechs, mit der Sesshaftigkeit, der Einschulung in Berlin. So wie auch in seinem Wesen das Eine zweierlei Gestalt anzunehmen begann. Unter die ansteckende Fröhlichkeit, das Lachen bis in die Haarspitzen mischten sich Ängste und Nachdenklichkeit. Er wurde reifer, ernsthafter; zugleich schüchterner, was er nicht selten mit Grimassen überspielte. Manchmal war er der Klassenclown, immer aber stand er auf Seiten der Schwächeren. Eine Gabe, von der auch Erwachsene profitierten, nicht zuletzt sämtliche Bettler und Straßenmusikanten, die zu übersehen er seinen Eltern keine Chance ließ.

Das Leben versetzte ihn in Begeisterung – und Unruhe. Helle und dunkle Ströme, die ihm migräneähnliche Kopfschmerzen bereiteten und Nasenbluten. Er behalf sich mit großer Vorsicht, bei allem, gerade auch beim Fahrradfahren. Oder, indem er seine kleinen Kunstwerke, seine Bilder und Plastiken aus Verpackungsmüll, die Computergrafiken, einer strengen Symmetrie unterwarf. Das Chaos bändigen; wenn alles nichts half durch den Griff nach den Augen der Eltern. „Auge!“, stets ein Eingeständnis seiner Müdigkeit. Dann fassten seine Finger behutsam ins Gesicht des Vaters oder der Mutter, liebkosten die Augen im Rhythmus der Milchtritte kleiner Kätzchen, bis er eingeschlafen war.

In den letzten Wochen legte er auf dem PC eine Datei an: „Wer bin ich?“; er pflanzte Gras in einen selbst bemalten Blumentopf und lauschte abends dem Tintenherz, einem Kinderroman über den Einbruch finsterer Phantasien in die Wirklichkeit. In seinem Gameboy steckte Der Kleine Hobbit. Das Abenteuer, die Suche nach dem Zwergenschatz, hatte gerade erst begonnen. Über den Riesenkraken war er noch nicht hinausgekommen.

Am 23. März um 8 Uhr schwang er sich auf sein Rad, die Mutter begleitete ihn. Er war bester Laune. Die beiden Stunden vor dem Aufstehen hatte er noch bei ihr im Bett kuscheln dürfen.

Um 8.20 Uhr war Dersu tot. Überfahren auf dem Schulweg. Gestorben bei Grün auf der Fahrradspur, weil ein rechts abbiegender LKW-Fahrer nicht zur Seite geschaut hatte.

Noch einmal tat er, was er immer konnte: bewegen, verbinden, im Mittelpunkt stehen. Zur Beerdigung kamen Hunderte; Musik, Frühlingsblumen, Luftballons. Ein endloser Trauerzug, begleitet von Mandolinenklängen und Vogelgezwitscher. Die Menschen bestatteten ihn wie einen kleinen König.

Eine Freundin erzählt, Dersu habe mit ihr gesprochen. „Warum musste dein Tod denn so abrupt, so brutal sein?“, habe sie ihn gefragt. „Weil ich das Leben liebte“, soll er geantwortet haben, „ich hätte ja nicht gehen wollen!“

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