Wirtschaft : Gedrückte Stimmung in Rüsselsheim und Bochum

Opel-Beschäftigte sprechen von „Sterben auf Zeit“/Betriebsratschef Franz lobt Abfindungsregelung als „beispiellos“

Rolf Obertreis,Alfons Frese

Rüsselsheim/Berlin - Rund 10000 Opel-Mitarbeiter strömten am Donnerstag in Rüsselsheim zur Betriebsversammlung. Rund 10000 – das ist auch die Zahl der Arbeitsplätze, die Opel bis Ende 2006 in Deutschland streichen will. Auch wenn ein Teil der Jobs ausgelagert oder in neuen Gemeinschaftsunternehmen erhalten bleiben soll, war die Stimmung gedrückt. Zunächst hatte Opel-Personal-Vorstand Norbert Küpper die Belegschaft über die Details des Sanierungsprogramms informiert. Von einer „bitteren Pille“ sprachen Opel-Mitarbeiter anschließend. „Da kann ich mir gleich die Kugel geben“, meinte ein frustrierter Opelaner in Rüsselsheim. Das Programm sei „ein Sterben auf Zeit“, sagte ein anderer mit Blick auf die so genannten Transfergesellschaften.

Trotz der großzügigen Abfindung zweifeln viele daran, dass zum Beispiel die erforderlichen 6500 Mitarbeiter tatsächlich freiwillig in die Beschäftigungsgesellschaften wechseln. „Ich kann niemandem empfehlen, diesen Schritt zu tun“, sagte etwa Dieter Hahn, Betriebsratsvorsitzender des Bochumer OpelWerkes. Viele Beschäftigte signalisierten allerdings auch Verständnis. Der Betriebsrat habe das „Maximale“ erreicht. „Unter den schlechten Lösungen – und Arbeitsplatzabbau ist immer eine schlechte Lösung – ist diese die beste erreichbare“, sagte Hahn. Opel-Chef Hans Demant nannte die Einschnitte denn auch „unvermeidbar, um Opel die Basis für neue Erfolge zu verschaffen“. Sie seien niemandem leicht gefallen. Ein „weitreichender Stellenabbau“ sei aber unausweichlich, wenn Opel für die Zukunft fit gemacht werden solle.

Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz bezeichnete das Verhandlungsergebnis als „in der deutschen Großindustrie bisher beispiellos“. Alle Maßnahmen seien „ausgeschöpft“ worden, um Entlassungen zu vermeiden. Die Abfindungsangebote an die rund 30500 Opel-Beschäftigten für den freiwilligen Wechsel in eine Beschäftigungsgesellschaft seien, so Franz, „äußerst attraktiv“. Ein 50-jähriger Mitarbeiter etwa, der 30 Jahre bei Opel gearbeitet und zuletzt monatlich 3600 Euro verdient hat, soll Franz zufolge eine Abfindung von 216000 Euro bekommen. Zudem bleibt seine Betriebsrente in vollem Umfang erhalten. In der Beschäftigungsgesellschaft sollen – unter anderem mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit – für ein Jahr 85 Prozent des letzten Nettogehalts gezahlt werden.

Eine Bestandsgarantie für die deutschen Opel-Werke bis mindestens 2010, wie es der Betriebsrat verlangt, ist mit der Teileinigung allerdings nicht verbunden. Einen entsprechenden Zukunftsvertrag wollen Opel-Betriebsrat und Vorstand in den nächsten Verhandlungsrunden Anfang 2005 vereinbaren.

Die unverbindlichen Aussagen über die künftigen Standortprofile kritisierte der Autoexperte Ulrich Jürgens vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). „Es ist nicht klar, welche Investitionen geplant sind und welche Kapazitäten reduziert werden“, sagte Jürgens dem Tagesspiegel. Alles in allem mache GM „Opel fast so klein wie Saab und Vauxhall“. Der Bochumer Wissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer lobte die Abmachung, die „das Unternehmen weiterbringt“. Das Ziel des Managements, die Lohnkosten in Deutschland um 15 Prozent zu reduzieren, werde vermutlich mit der Kürzung der übertariflichen Zulage erreicht.

Skeptisch äußerte sich Dudenhöffer über das Saab-Werk im schwedischen Trollhättan. Dort oder in Rüsselsheim, wo der Opel Vectra gebaut wird, möchte GM künftig die Mittelklasse konzentrieren. Dudenhöffer geht davon aus, dass dies in Rüsselsheim sein wird und in Trollhättan dann nur noch „Kleinserien“ gebaut würden. Für Rüsselsheim sei ferner von Bedeutung, wo die nächste Generation des Kompaktwagens Astra entwickelt und designed werde. Diese Frage wird derzeit im GM-Konzern diskutiert und dürfte Anfang kommenden Jahres im Zusammenhang mit den künftigen Standortprofilen entschieden werden.

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